Schweinfurt

Koffermahnmal steht verloren an der Synagogen-Gedenkstätte

Initiative gegen das Vergessen kritisiert den Umgang mit dem Koffer-Kunstwerk: "So darf Erinnerungskultur nicht aussehen."
Ziemlich verloren steht das Koffermahnmal an der Synagogen-Gedenkstätte. Es wurde Mitte des Jahres von der Öffentlichkeit unbemerkt aufgestellt.
Foto: Johanna Bonengel | Ziemlich verloren steht das Koffermahnmal an der Synagogen-Gedenkstätte. Es wurde Mitte des Jahres von der Öffentlichkeit unbemerkt aufgestellt.

Ein Kunstwerk aus Beton steht seit Mitte des Jahres an der Synagogen-Gedenkstätte in der Siebenbrückleinsgasse in Schweinfurt. Es stellt einen Koffer dar, der an die gewaltsam aus Schweinfurt deportierten Juden in der Zeit zwischen 1941 und 1944 erinnern soll. Der Koffer ist eingebettet in das Projekt "DenkOrt Deportationen", das aus zwei Teilen besteht: aus dem berührenden zentralen Denkmal am Hauptbahnhof in Würzburg und aus den Beiträgen einzelner Kommunen in Unterfranken, in denen es jüdische Kultusgemeinden gab. 42 Gemeinden ließen bisher von Künstlerinnen und Künstlern zwei Gepäckstücke gestalten, eines für den DenkOrt und ein identisches für die jeweilige Gemeinde. Die Gepäckstücke stehen symbolisch für die Menschen, die in die Konzentrationslager Osteuropas verschleppt und dort ermordet wurden.

Die Situation in Schweinfurt nimmt die "Initiative gegen das Vergessen" kritisch in Betrachtung: So hatte der Künstler und Kunsterzieher Selçuk Dislek, der bei der Triennale IV in der Kunsthalle Schweinfurt gewonnen hat und 2021 eine Einzelausstellung präsentieren wird, von der Stadt den Auftrag erhalten, ein Gepäckstück zu gestalten. In die Diskussion über einen passenden Standort sei die Öffentlichkeit aber nicht einbezogen worden, kritisiert die Initiative. Stattdessen stand der Koffer eines Tages im Frühherbst verloren, einsam und verschmutzt am Gedenkstein für die Synagoge. Ein Wort der Erklärung zu dem Kunstwerk suchte man vergeblich.

Ganz unten wird auf der Stele auf das Koffer-Mahnmal verwiesen.
Foto: Johanna Bonengel | Ganz unten wird auf der Stele auf das Koffer-Mahnmal verwiesen.

Benita Stolz vom Verein "DenkOrt Deportationen" glaubt daran, dass durch das Projekt "eine ganz eigene Erinnerungskultur" ermöglicht werde. Hintergrundinformationen zu dem Kunstwerk, zum historischen Zusammenhang und zur Bedeutung des Mahnmals finde man in Schweinfurt aber nur mit Mühe. Die gesamte Synagogen-Gedenkstätte ist eingerahmt von vier Stelen, die die Betrachter an die Geschichte der Schweinfurter jüdischen Bevölkerung erinnern. Die Themen der einzelnen Stelen lauten: Zeittafel zur Geschichte der Juden in Schweinfurt, Geschichte der Synagoge und des Gemeindehauses der Israelitischen Kultusgemeinde, Reichspogromnacht 1938, Deportation 1942. "Man sucht vergeblich eine singulär stehende Erklärungstafel zum Koffer-Mahnmal", bedauert die Initiative gegen das Vergessen. Seit wenigen Wochen könne der irritierte Betrachter nun auf der ersten Stele, die am weitesten entfernt vom Koffer-Kunstwerk steht, ganz weit unten einen Hinweis erkennen – auf den Künstler und auf die Tatsache, dass der Koffer als Beitrag zur "Erinnerung an die jüdischen Opfer der Nationalsozialisten" zu verstehen sei.

Eine offizielle Einweihung des DenkOrtes fand nicht statt, sicher aufgrund der Corona-Situation. Die Öffentlichkeit sei aber auch nicht auf einem anderen Weg über das Koffer-Kunstwerk informiert worden. Johanna Bonengel, die in der Initiative gegen das Vergessen aktiv ist, meint, dass man so, wie in Schweinfurt mit dem Koffer-Kunstwerk umgegangen wird, die Bevölkerung nicht sachgerecht informiere, geschweige denn sie berühre oder sogar erschüttere. "Eine Chance wurde vertan. So darf Erinnerungskultur nicht aussehen."

Zum Glück könne man aber in der Zeitschrift des Historischen Vereins "Schweinfurter Mainleite", Nummer 4, Dezember 2020, Hintergrundinformationen nachlesen.

Nichts mehr verpassen: Abonnieren Sie den Newsletter für die Region Schweinfurt und erhalten Sie zweimal in der Woche die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region per E-Mail.
Weitere Artikel
Themen & Autoren
Schweinfurt
Benita Stolz
Denkmäler
Deportationen
Juden
Konzentrationslager
Kritik
Kunsthalle Schweinfurt
Mahnmale
Nationalsozialisten
Reichspogromnacht
Synagogen
Öffentlichkeit
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (3)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!