Gerolzhofen

Leserforum: Wünsche für eine "enkeltaugliche" Zukunft

Zum Bericht über den Jahreswechsel "Die allerruhigste Silversternacht" am 2. Januar und die Berichterstattung über Corona, Klimawandel und Hilfsaktionen erreichte die Redaktion folgender Leserbief.

Ich erinnere mich gerne an die Neujahrstage vor wenigen Jahren, als ich mit meinen kleinen Kindern von Haus zu Haus zog und den Menschen in der Nachbarschaft ein schönes neues Jahr wünschte. Gab es auch so manchen Kummer, bei einem Schnaps oder selbstgemachten Likör konnten alle Differenzen leicht aus dem Weg geräumt werden und wir fühlten uns gerne gesehen und in einer Gemeinschaft von Menschen aufgenommen – so fühlt sich wohl Heimat an.

Jetzt sind meine Kinder aus dem Haus und versuchen ihre eigenen Lebenswege zu finden in einer feindlicher gestimmten Welt. Eine Pandemie aus fernen Ländern verhindert Umarmung, bestraft jede Nähe, hinterlässt Erinnerungsspuren aus Angst und Sorge. Kontaktbeschränkungen, Abstand, Ausgangssperre sind vorgeschrieben, massive Polizeipräsenz und hohe Geldbußen sind jedem Bürger angedroht, der es wagte, heute das zu machen, was gestern noch als normal menschlich, liebevoll und fürsorglich galt, wie "Geh spielen mit deinem Freund, Besuch regelmäßig deine Lieben in Krankenhaus und Altersheim, macht mal gemeinsam etwas Musik!". Ein stilles Silvester ist verklungen. Ein Jahr der Veränderung klopft gewaltsam an die Tür eines Jeden. Wir sind noch mal mit einem blauen Auge davon gekommen nach übermenschlichen Anstrengungen und einem Sack voller Glück, sagen die Virologen.

Mich stimmt dieses vermeintliche Glück im großen Unglück besonders traurig. Warum? Wir durchlebten kein Unglück, sondern schlicht und ergreifend eine der längst überfälligen Konsequenzen unseres Treibens auf diesem Planeten. Die Auswirkungen werden jedes Jahr spürbarer und klopfen lauter auch an unsere Tür, wo dahinter der absurd gewordene Wohlstandsnorden sich gemütlich eingenistet hat. Das Unglück versteckt sich fatalerweise unter der Erleichterung, wir schaffen das also und können so fortan wieder wie gewohnt und schubladenhaft weiteraxten.

BSE und Vogelgrippe vergessen. Eschensterben, Ahornbrand, Schweine- und Salamanderpest ist uns wurst. Waldbrände, Trockenheit, Wassernot generieren aufregende Tagesschaumeldungen. Rote Listen wachsen und erzeugen schauderhaftes, angenehm gruseliges Gänsehautfeeling, jeden Tag, frei Haus ins heimelnde Wohnzimmer. Leere Meere, Müll und Todeszonen klingen wie Gruselgeschichten aus fernen Ländern, wie aus Tausendundeine Nacht. Kinderarbeit und Wirbelstürme sind gut für niedrige Preise und herzzerreißende Hilfspaketgeschichten, besonders zu Weihnachten – und, nicht zu vergessen, billiger Absatzmarkt für unseren Wohlstandsmüll aus überfüllten Kleiderschränken und verschmähten Schlachtprodukten. Klimakatastrophe? Da haben wir das dreckige Lithium, der als GRÜN vermarktete Wasserstoff – aha – fällt vom Himmel, das Aluminium aus dem Regenwald für unsere SUVs usw. Aus diesem Wald kommt auch der grüne Stoff für unsere Masttiere, billig, dreckig, hochgelobt. Wir schaffen also weiter, jetzt Grün, mit Wachstumsgarantie und absolut sinnfrei.

Jetzt, nach Corona, halte ich die kleinen Hände meiner Enkeltochter wieder in der Hand und wir finden keine Blumen auf den gedüngten Wiesen und auch keine blauen Kornblumen. Ich spaziere durch ausgeräumte Forstbestände und sehe vor den Baumerntemaschinen die gesuchten Reste uralter Riesen. Und ich höre seit Jahren die Forstexperten, wie sie auf jede wissenschaftliche Warnung eine schön klingende Gegenantwort parat haben, eine dieser Erleichterungen, die mich traurig stimmen. Und ich drücke die Hände meiner Enkelin noch etwas inniger – ihre Generation muss uns ausbaden! Und mein Herz frägt sich: Sind nicht die kärglichen Reste unserer heimischen alten Wälder Grund genug sie zu bewahren, ganz, ohne weitere Kompromisse? Dieser Paradigmenwechsel zu einer enkeltauglichen Zukunft ist mein Wunsch für 2021 und alle folgenden meines an Jahren reichen Lebens.

Dr. Robert Atzmüller
97522 Sand

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