Schweinfurt

Martin Schulz begeistert mit seiner Leidenschaft für Europa

Hinter vorgehaltener Hand wünschen sich viele in der SPD, dass Martin Schulz wieder ein Spitzenamt übernimmt. Warum, machte sein Auftritt in Schweinfurt deutlich.
Martin Schulz nach seiner Wahlkampfrede in Schweinfurt mit Europakandidatin Kerstin Westphal.
Foto: Anand Anders | Martin Schulz nach seiner Wahlkampfrede in Schweinfurt mit Europakandidatin Kerstin Westphal.

Nein, Interesse an einer Personaldebatte hat auch nach dem Auftritt von Martin Schulz bei der SPD in Schweinfurt kein Genosse. Es reicht schon, dass Kevin Kühnert ihnen mit seiner Kapitalismus-Kritik den Europawahlkampf verhagelt. Aber die Sehnsucht nach einem, der so mitreißend reden kann wie Schulz, die ist spürbar unter den knapp 200 SPD-Anhängern am Montagabend in der Es-Ka-Ge-Halle. Er wünsche sich, sagt Bezirksvize Volkmar Halbleib zur Verabschiedung des Ex-Kanzlerkandidaten, dass Martin Schulz auch künftig "eine zentrale, tragende Rolle in der Sozialdemokratie einnimmt". Eine Kampfansage an die umstrittene Parteichefin Andrea Nahles ist das (noch) nicht.

Ziemlich genau zwei Jahre ist es her, da war Schulz zuletzt in Schweinfurt. Beim SPD-Landesparteitag ließ sich der Merkel-Herausforderer feiern, auch wenn der viel beschworene "Schulz-Zug" damals schon, nach der SPD-Niederlage in Nordrhein-Westfalen, mit Verspätung unterwegs war. Seitdem ist viel passiert. Als einfacher Bundestagsabgeordneter ist der 63-Jährige diesmal in Unterfranken zu Gast, um seine frühere Europaabgeordneten-Kollegin Kerstin Westphal im Wahlkampf zu unterstützen. Wobei das Bemühen der Schweinfurterin, trotz Listenplatz 23 wiedergewählt zu werden, ähnlich aussichtsreich scheint wie Schulz' Run aufs Kanzleramt anno 2017.

Schulz' Rede strotzt vor Leidenschaft

Europa, das ist und bleibt das Leib- und Magen-Thema des früheren Präsidenten des Europaparlaments (2012 - 2017). Seine 55-minütige Rede strotzt nur so vor Leidenschaft für das Projekt, das seiner Generation Frieden, Freiheit und Wohlstand beschert hat – nach über 60 Millionen Kriegs- und Terror-Toten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

"Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein." Schulz zitiert SPD-Ikone Willy Brandt für seine Vorstellung des Miteinanders. In Europa müssten sich die Menschen aufeinander verlassen können, sich gegenseitig respektieren und füreinander einstehen, egal welche Hautfarbe, Religion, Nationalität oder soziale Herkunft sie haben. "Gute Nachbarn schließt aus, dass es Herren und Knechte gibt", ruft Schulz, "kein Deutschland zuerst, kein Frankreich zuerst oder Italien zuerst", wie es Gauland, Le Pen oder Salvini ("ein zynischer Brutalo") propagierten. Diese Nationalisten wollten "den Laden" von innen zerstören. Wozu es führe, wenn internationale Zusammenarbeit aufgekündigt werde, zeige  Trumps "America-First-Politik". Weltwirtschaftsgipfel blieben ohne Vereinbarungen, der Kampf wider den Klimawandel sei erlahmt. 

"Die Europäische Union ist nicht perfekt"

Ein ungeeintes Europa werde zum "Spielball der Machtinteressen von Chinesen und Amerikanern", warnt der SPD-Politiker. Emanuel Macron habe dies erkannt. Er bedauere, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel die Europa-Initiativen des französischen Präsidenten nicht offensiv unterstütze,  beispielsweise die Idee, einen europäischen Finanzminister zu etablieren. Nur ein solcher werde helfen, einen "ruinösen Steuersenkungswettbewerb" zu verhindern und internationale Großkonzerne wie Google, Apple und Facebook in die Steuerpflicht zu nehmen.

"Die Europäische Union ist ganz sicher nicht perfekt", räumt Schulz ein. Über die Wege, sie  demokratischer zu machen, sie sozialer zu gestalten oder zu entbürokratisieren, müssten die Parteien streiten. Bei der Wahl am 26. Mai aber gelte es zunächst, Europa als demokratisches "Schutzprojekt" für künftige Generationen zu sichern.

Nichts mehr verpassen: Abonnieren Sie den Newsletter für die Region Schweinfurt und erhalten Sie zweimal in der Woche die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region per E-Mail.
Themen & Autoren
Schweinfurt
Michael Czygan
Andrea Nahles
Apple
Bundeskanzler der BRD
Bundeskanzleramt
Bundeskanzlerin Angela Merkel
Bundestagsabgeordnete
Demokratie
Europawahl
Europäische Union
Europäisches Parlament
Facebook
Google
Kerstin Westphal
Kevin Kühnert
Martin Schulz
Nationalisten
Politikerinnen und Politiker der SPD
SPD
SPD-Anhänger
Volkmar Halbleib
Willy Brandt
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (11)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!