Stettbach

Mit der Herde unterwegs: Ein Hammel unter Schafen

Reporter in Betrieb: Ein Tag beim Schäfer. Hüten ist viel mehr als den Schafen beim Fressen zuschauen.  Was diesen uralten Beruf so faszinierend und unentbehrlich macht.
Stock und Hut, wohlgemut: Nicht um die Häuser, aber über die Wiesen ziehen wir heute. Wenig später sind hunderte 'Damen' hinter mir her. Da sage noch einer, Schafe sind blöd.
Foto: Anand Anders | Stock und Hut, wohlgemut: Nicht um die Häuser, aber über die Wiesen ziehen wir heute. Wenig später sind hunderte "Damen" hinter mir her. Da sage noch einer, Schafe sind blöd.

Ich gestehe, mein Bezug zu Schafen beschränkte sich bisher auf herzhafte Lacher beim Anschauen der "Shaun das Schaf-Filme", Schafskäse zum Salat oder ein gelegentliches Lammkotelett beim Griechen. Näher als aus dem Auto heraus und mit dem nicht besonders originellen Spruch auf den Lippen "schaut mal Kinder, die schöne Schafherde", bin ich den Tieren nie gekommen.      

Das wird sich gründlich ändern, denn Schäfer Alexander Füller, Chef des Schafhofs Stettbach, hat mich eingeladen, einen Tag lang mit ihm all dies zu tun, was ein Schäfer eben so tut – von kurz nach Sonnenaufgang bis nach deren Untergang.  Vorneweg: Es wird  ein langer Tag auf Schusters Rappen und an der frischen Luft. Eins muss ein Schäfer ganz bestimmt nicht: abends im Bett Schafe zählen, um einschlafen zu können.     

Doch so weit sind wir noch lange nicht. Stallarbeit ist angesagt am Vormittag. Die unter einem Jahr alten Lämmer, die bald in die Kategorien künftige Mutterschafe oder Schlachtung aufgeteilt werden, und die getrennt gehaltenen Böcke, wollen versorgt werden. Silage und intensiv riechender Biertreber, der beim Bierbrauen anfällt und ein hochwertiges Futter ist, werden serviert. Auch Lämmerkorn ist beliebt beim Nachwuchs der ursprünglich aus Spanien stammenden Merino-Landschafe.      

Schafe machen dem Begriff 'Herdentiere' alle Ehre. Wenn sie von einer Weide auf die nächste Wandern, dann rücken sie besonders eng zusammen.
Foto: Helmut Glauch | Schafe machen dem Begriff "Herdentiere" alle Ehre. Wenn sie von einer Weide auf die nächste Wandern, dann rücken sie besonders eng zusammen.

Stallarbeit ist bei Alexander Füller, dessen exakte Berufsbezeichnung "Tierwirtschaftsmeister, Fachrichtung Schäferei" ist, in erster Linie Radlader-Arbeit. Mit dem überlieferten Bild eines Hirten, der mit seinen Schafen unterwegs ist, hat das zunächst wenig zu tun. Den Tieren wird das Futter mit diesem wendigen Gerät bis vor die Förderbänder gebracht, die für die Verteilung sorgen.      

Dann raus in die Prärie, der Zeitplan ist eng. Die Mutterschafe, die heuer Zwillinge geboren haben, was etwa 50 Prozent aller Schafmamas tun, brauchen frische Weidefläche. Mütter mit Zwillingen werden getrennt von der großen Herde gehalten. Alexander Füller, Schäfer in der dritten Generation, überblickt die Lage mit Kennerblick, steckt das Areal mit Zaun ab, der später mittels Batterie unter Strom gesetzt wird. Die Schafe nehmen gerne Abschied von der abgenagten Wiese, lassen sich bereitwillig von Schäferhündin "Bella" zu den unweit gelegenen Futtergründen geleiten. In diesem Fall ein abgeerntetes Rapsfeld.

Viele Vorurteile stimmen nicht

Die ausgefallenen Samen haben schon wieder als Pflanzenteppich ausgetrieben. Nicht ganz ungefährlich, Raps kann Blähungen oder Übersäuerungen verursachen, wenn vor allem junge Lämmer zu viel davon fressen, weshalb Alexander Füller lieber ein zweites und drittes Mal hinschaut, bevor er die Tiere sich selbst überlässt. Die meisten Vorurteile über Schafe, das werde ich noch lernen, stimmen nicht. Das Vorurteil, dass sie eigentlich nichts weiter tun, als Fressen, Wiederkäuen und wieder Fressen, aber schon.         

Ein Lamm hat ein unfreiwilliges Bad genommen, ist dabei ganz schwarz geworden vom Schlamm und wird von der 'Verwandtschaft' deshalb misstrauisch beäugt. Die Aufregung legt sich aber schnell wieder, denn das Kleine ist bei genauerer Betrachtung eben doch kein 'Schaf im Wolfspelz'.
Foto: Helmut Glauch | Ein Lamm hat ein unfreiwilliges Bad genommen, ist dabei ganz schwarz geworden vom Schlamm und wird von der "Verwandtschaft" deshalb misstrauisch beäugt.

Die Mutterschafe mit Lämmern im Doppelpack waren nur ein Vorgeschmack auf die große Herde, die wir nach kurzer Autofahrt erreichen und die mit gewaltigem Mäh-Konzert klar macht, dass sie raus will aus dem Nachtlager und hin zu saftigen Gründen. Etwa 800 Mutterschafe zählt der Schafhof Füller, dazu kommen die Lämmer und die Böcke für die eigene Nachzucht im Stall, um die "Blutlinie" zu erhalten, wie es in der Fachsprache heißt. Ungefähr 800 Schafe mit ihren Einzelkindern, sind es auch, die nun im "Schafsgalopp" und wechselweise flankiert von den Schäferhunden Bella und Cherry ins Freie stürmen. Wobei stürmen übertrieben ist, denn die Tiere machen eher dem Begriff "Herde" Ehre. Ist erst eine Gruppe in die gewünschte Richtung in Bewegung, folgen die anderen automatisch.

Inzwischen habe auch ich ein "Schippe" bekommen. Damit ist der Stock gemeint, auf den so malerisch gestützt der Schäfer vermeintlich Löcher in den Himmel guckt, wenn er aus dem Auto oder fahrenden Zug betrachtet, neben der Herde steht. Doch das Werkzeug ist weit mehr als nur ein Stock, denn an dessen Ende befinden sich eine kleine Schaufel und ein Haken, mit dem zum Beispiel ein Tier herangezogen werden kann, wenn ihm etwas fehlt oder es von Kletten befreit werden muss.

Auch das gehört dazu. Zäune schleppen für den neuen Weidegrund. Für die Aussicht auf Stettbach bleibt da weder für den Reporter in Betrieb noch Schäfer Alexander Füller (links) keine Zeit.
Foto: Anand Anders | Auch das gehört dazu. Zäune schleppen für den neuen Weidegrund. Für die Aussicht auf Stettbach bleibt da weder für den Reporter in Betrieb noch Schäfer Alexander Füller (links) keine Zeit.

"Schafe sind Samentaxis", weiß Alexander Füller. Und tatsächlich ist das dichte Fell der Merino-Schafe, die Woll- und Fleischlieferanten sind, voller Samen, die sie sich beim Gang über die Wiese oder entlang der  Büsche eingefangen haben. Viele Pflanzen benutzen die Schafe, um ihre Samen zu verbreiten. Das war schon immer so, wie auch das uralte Handwerk des Hirten sich seit alters her kaum verändert hat. Ein leichter Wind rauscht in den Bäumen, das Geräusch von 800 Gras zupfenden Schafen, hin und wieder ein suchendes Meckern, wenn ein Lamm seine Mutti verloren hat – genauso muss es schon vor Jahrhunderten gewesen sein.

Ökologische Bedeutung der Schafhaltung

 "Wir sind das Ziel und nicht der Weg", so Alexander Füller im Hinblick auf die ökologische Bedeutung der traditionellen Schafhaltung. Während man von Seiten der Politik in anderen Bereichen der Tierhaltung Wege zu mehr Naturnähe beschreiten möchte und diese fördere, seien die Schäfer schon am Ziel. "Gefördert wird aber der Weg und nicht das Ziel, und von einem guten Image können wir uns nichts kaufen", beschreibt Füller die schwierige Situation der Schäfer. Ökologischer sei Tierhaltung kaum vorstellbar.

Die Kulturlandschaft wie wir sie kennen, entstand lange vor dem Einsatz von Mähmaschinen durch den unermüdlichen Einsatz dieser natürlichen Mäh-Maschinen auf vier Beinen, die die Wiesen, die sie abgrasen und freihalten, gleich noch düngen. Und doch drohe Schäfer ein "Beruf fürs Museum" zu werden. Nachwuchs sei kaum zu finden, und es werde immer schwerer, in zunehmend durchrationalisierter Landwirtschaft an dringend gebrauchte Weidegründe zu kommen. 

Bilder wie diese hätten wohl schon vor Jahrhunderten so aufgenommen worden sein können, hätte man damals schon Bilder gemacht. Am Handwerk des Schäfers, des Hüters der Herde, hat sich kaum etwas geändert. Die Kletten auf der Wiese freuen sich schon auf ihr 'Samentaxi'.
Foto: Helmut Glauch | Bilder wie diese hätten wohl schon vor Jahrhunderten so aufgenommen worden sein können, hätte man damals schon Bilder gemacht. Am Handwerk des Schäfers, des Hüters der Herde, hat sich kaum etwas geändert.

Das war früher anders. Welche Bedeutung die Schafhaltung hatte, zeigt ein Blick ins Vorurteile-Vokabular. Von der Schafskälte über "lammfromm" bis zum Neidhammel, vom Schafkopf bis zum sturen Bock oder Hammeltanz reicht die Palette. 

Als Direktvermarkter verkauft Füller das Fleisch regional, hat feste Abnehmer. Mit der wertvollen Wolle sehe es anders aus. Der Preis sei im Keller, und es sei mehr Regionalität machbar. Keine Subventionen, dafür reelle Preise wünscht sich Füller für seine Produkte. Nur so sei nicht nur für Schäfer, sondern überhaupt für Landwirte Planungssicherheit und Perspektive zu schaffen. Schäfer sei heute, "ein Beruf für Idealisten und jenseits der 40 Stunden-Woche", denn ein Schäfer hat sich an den Rhythmus von Fressen und Wiederkäuen zu halten, kann nicht einfach im Sommer um 17 Uhr sagen "So Schluss für heute, rein in den Pferch mit euch".      

Davon sind wir auch heute ein gutes Stück entfernt. Die Tiere wollen noch eine "Bonus-Weide", nachdem sie eine Stunde wiedergekäut haben und außer den typischen "Gröbsern" (eine Art Rülpsen) kaum etwas von ihnen zu hören war. Die arbeitsintensive Zeit im Jahr, in der die Lämmer zur Welt kommen, ist vorbei. Es ist nicht viel passiert an diesem langen Nachmittag, aber es war nie langweilig. Ein Lämmchen ist in einen Wassergraben gefallen und vom Schlamm besudelt ganz schwarz wieder herausgekommen, was die anderen Schafe verschreckt hat. Mutterschafe kamen mit Klettenteppich im Fell aus einem Gebüsch, und nebenbei habe ich gelernt, dass eine Schafherde keine anonyme Masse ist. Schaf Nr. 1328 kommt schon zum dritten Mal zu mir, lässt sich den Hals graulen und Samen aus dem Fell zupfen. Von scheu bis zutraulich, von forsch bis immer auf Nummer-sicher-gehend, sind Schafe eben irgendwie halt doch auch Individualisten.       

Wer Bier trinkt, sorgt dafür, dass die Schafe leckeres Fresschen kriegen. Diese Einschätzung würden Merino-Schafe wohl unterschreiben. Biertreber, wie er hier direkt von der Radlader-Schaufel  verfüttert wird, entsteht beim Abtrennen der Würze von der Maische und enthält die ungelöst gebliebenen Bestandteile des Malzes.
Foto: Anand Anders | Wer Bier trinkt, sorgt dafür, dass die Schafe leckeres Fresschen kriegen. Diese Einschätzung würden Merino-Schafe wohl unterschreiben.

"Schafe sind nicht dumm, verhalten sich sozial, haben ein gutes Gedächtnis, einen sehr guten Geruchssinn und du kannst die Uhr nach ihnen stellen", beschreibt Alexander Füller seine Tiere. Sie haben ihren festen Rhythmus und strahlen doch bei allem, was sie tun, eine wohltuende, beinahe ansteckende Ruhe aus. Entschleunigung würde es wohl der Stadtmensch nennen, was hier in mir, auf die Schippe gestützt, passiert, bis die Sonne sich langsam ihrem Untergang widmet. Kein Smartphone, kein Termindruck, kein Gedanke an Corona – nur Wind, Bäume, die Hunde, die Schafe und ihre gemeinsame beinahe meditative Geräuschkulisse. Eine Kulisse, in der der Wolf mehr als eine empfindliche Störung wäre, so Füller. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.        

Kontakt zum Schafhof Füller: Tel. (0151) 75031334

Der nächste Winter kommt bestimmt. Rita Füller, die Mutter von Alexander Füller, hat in einem kleinen Nebenraum des Schafhofs vom warmen Lammfell bis zu Lammfell-Hausschuhen einiges auf Lager.
Foto: Anand Anders | Der nächste Winter kommt bestimmt. Rita Füller, die Mutter von Alexander Füller, hat in einem kleinen Nebenraum des Schafhofs vom warmen Lammfell bis zu Lammfell-Hausschuhen einiges auf Lager.

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