Gerolzhofen

Norma in Gerolzhofen? Eine schwierige Entscheidung

Das geplante Projekt des Norma-Konzerns bringt sicherlich Vorteile, allerdings gibt es auch gravierende negative Folgen. Eine persönliche Abwägung von Redaktionsleiter Klaus Vogt.
So soll die Norma-Ansiedelung am südlichen Stadtrand von Gerolzhofen einmal aussehen.
Foto: ArcDesign | So soll die Norma-Ansiedelung am südlichen Stadtrand von Gerolzhofen einmal aussehen.

Am Montagabend steht um 19 Uhr die geplante Ansiedlung einer Norma-Regionalgesellschaft in Gerolzhofen erneut auf der Tagesordnung des Stadtrats. Das Gremium will einen Grundsatzbeschluss fassen. Die Entscheidung wird aber nicht leicht fallen.

Denn über die geplante Ansiedlung kann man trefflich diskutieren und sogar streiten. Das Projekt bringt der Stadt und der Region Vorteile, allerdings gibt es auch gravierende negative Folgen. Auf der einen Seite stehen jährliche Gewerbesteuereinnahmen von mehreren Hunderttausend Euro und bis zu 200 neue Arbeitsplätze, andererseits würde die Neuansiedlung erhebliche Ackerflächen versiegeln und das Verkehrsaufkommen würde durch täglich 300 Lkw-Fahrten zunehmen. Ob man dafür oder dagegen ist, lässt sich nicht spontan entscheiden. Es ist eine Frage der Abwägung.

Was Bauchschmerzen bereitet, ist die Tatsache, dass für den erheblichen Flächenverbrauch von 11,5 Hektar nur relativ wenig Arbeitsplätze entstehen. Traditionelle Handwerksbetriebe oder mittelständische produzierende Unternehmen haben da eine deutlich bessere Quote von Arbeitsplätzen pro Hektar. Das Problem ist aber: Solche Unternehmen wachsen nicht auf den Bäumen. Das Industriegebiet im Norden der Stadt ist bereits seit Jahrzehnten ausgewiesen und die Nachfrage nach Flächen war bislang gering. Dass sich dies in naher Zukunft ändern wird, ist unwahrscheinlich - insbesondere wenn man auf die kaum überschaubaren negativen Folgen blickt, die die Corona-Pandemie auslöst.

Froh über jeden Arbeitsplatz

Angesichts einer drohenden Insolvenz-Welle wird man in den kommenden Jahren auch in Gerolzhofen um jeden einzelnen Arbeitsplatz kämpfen müssen. Da kann man es als glücklichen Umstand sehen, dass ein Unternehmen wie Norma jetzt noch in Gerolzhofen investieren und Arbeitsplätze schaffen will. 

Stichwort Bürgerbeteiligung: Der in den sozialen Netzwerken im Internet mehrfach erhobene Vorwurf der "Geheimnis-Krämerei" des Stadtrats trifft nicht zu. Vertreter von Norma haben in einer vorab angekündigten öffentlichen Stadtratssitzung über eine Stunde lang in alle Ausführlichkeit ihre Pläne vorgestellt und um Unterstützung geworben. In unserer repräsentativen Demokratie werden politische Sachentscheidungen grundsätzlich nur durch die von uns gewählten Vertreter unseres Vertrauens getroffen. Es bringt wenig, immer dann nach direkter Demokratie und Bürgerbeteiligung zu rufen, wenn eine Diskussion in eine Richtung triftet, die einem persönlich nicht gefällt. 

Die Frage der Ökologie

Auch über den Umweltschutz, insbesondere über die Versiegelung, lässt sich natürlich diskutieren. Man muss aber anerkennen, dass das komplette Niederschlagswasser, das auf dem Areal auf den Dächern und Straßen anfällt, in einem aufwändigen System der Versickerung ins Grundwasser zugeführt wird. Und auf dem Dach entsteht eine riesige Photovoltaik-Anlage, mit die Norma-Niederlassung fast 100 Prozent ihres benötigten Strom selbst generieren wird. Der Rest soll Öko-Strom aus Lülsfeld sein. 

Auch möglichst viele Arbeitsplätze direkt vor Ort ist übrigens echter Umweltschutz. Denn dies vermindert oder vermeidet bestenfalls sogar -zig Fahrten der Berufspendler zu einem weiter entfernten Arbeitsplatz.

Fruchtbarer Ackerboden

Ja, es stimmt: Durch den Bau des Zentrums steht fruchtbarer Ackerboden nicht mehr für die Nahrungsmittelerzeugung oder den Anbau von Energie-Pflanzen zur Verfügung. Aber dies geschieht nicht gegen den Willen der Landwirtschaft. Es fand kein Planfeststellungsverfahren oder gar eine Enteignung der Flächen statt. Alle Landwirte, unter ihnen auch ein Mitglied des Stadtrats, haben aus freien Stücken sich mit Norma notariell geeinigt und werden verkaufen. Der Mutterboden soll übrigens abgeschoben und danach auf weniger ertragsreiche Felder verteilt werden.

Die für die Raumordnung zuständige Regierung von Unterfranken und das Landratsamt Schweinfurt haben sich wegen den idealen Bedingungen ausdrücklich für Gerolzhofen als Standort ausgesprochen, und dies auch in Umsetzung der "Flächensparoffensive" der Bayerischen Staatsregierung, die weitere Versiegelungen minimieren will. Denn das muss man wissen: Alleine schon durch die bloße Ausweisung als Industriegebiet im städtischen Flächennutzungsplan gelten die Äcker im Norden der Stadt seitdem bereits als "versiegelt" und werden schon seit Jahrzehnten auch so in der Statistik geführt, auch wenn sie faktisch nicht versiegelt sind. Die Regierung sieht es deshalb nicht gerne, dass in einer anderen Gemeinde unberührte Flächen neu als Industriegebiet für Norma ausgewiesen und damit ebenfalls "versiegelt" werden müssten, wo es doch in Gerolzhofen bereits das passende Areal dafür gibt.

Norma baut auf jeden Fall

Ein Aspekt scheint besonders wichtig, auch wenn es um die täglich 300 Lkw-Fahrten geht: Die Firma Norma wird auf jeden Fall eine neue Niederlassung bauen. Das ist Fakt. Wenn nicht in Gerolzhofen, dann eben anderswo. Daran haben die Norma-Verantwortlichen nie einen Zweifel gelassen. Weil das Kaufverhalten gerade der jüngeren Kunden sich immer mehr in Richtung Online verschiebt, wird der bisherige Norma-Standort in Röttenbach künftig für den expandierenden Internet-Geschäftszweig "Norma 24" benötigt und Gerolzhofen soll der Ersatz für Röttenbach werden.

Ein Nein aus Gerolzhofen wird das Regionalzentrum also nicht verhindern. Kommt die Niederlassung in Gerolzhofen nicht zustande, dann wird Norma eben an einem Alternativ-Standort bauen. Interessenten dafür, auch in der näheren Umgebung, gibt es bereits. Aber dies würde dann nur der zweitbeste Standort sein. Und er würde für die Umwelt und den Straßenverkehr womöglich noch mehr Einschränkungen mit sich bringen als in Gerolzhofen.

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