Gerolzhofen

Nützelbachauen: Biber zeigen sich als Baumeister und Baumfäller

Den Winter über haben die im Wasser lebenden Nager reihenweise Bäume umgenagt. Für den Stadtbauhof bringen die Biber viel Arbeit. Für das Biotop sind sie ein Aushängeschild.
In den Nützelbachauen am südlichen Stadtrand von Gerolzhofen leben seit dem Jahr 2019 Biber. In den zurückliegenden Wochen haben die Nager dort am Ufer des Sees am Seeweg und entlang des Bachs zahlreiche Bäume gefällt.
Foto: Michael Mößlein | In den Nützelbachauen am südlichen Stadtrand von Gerolzhofen leben seit dem Jahr 2019 Biber. In den zurückliegenden Wochen haben die Nager dort am Ufer des Sees am Seeweg und entlang des Bachs zahlreiche Bäume gefällt.

Wie umgeknickte Streichhölzer liegen die Bäumchen entlang des Nützelbachs. Kreuz und quer. Manche liegen am Bachbett, andere sind, die noch unbelaubte Baumkrone voran, ins Wasser des angrenzenden Sees geplumpst. Die meisten Stämmchen sind kaum armdick, andere haben locker den Durchmesser eines kräftigen Oberschenkels oder liegen sogar darüber. Die Szene an dem renaturierten Biotop am südlichen Stadtrand von Gerolzhofen beschreibt kein von Menschenhand angerichtetes Zerstörungswerk. Die Bäume fielen den scharfen Beißern von Bibern zum Opfer. Das scheinbare Chaos ist also naturgemacht.

Die Mitarbeiter des Stadtbauhofs Christian Kneißl (links) und Christian Binder befestigen einen Drahtzaun zum Schutz eines Baumes vor den Zähnen des Bibers.
Foto: Michael Mößlein | Die Mitarbeiter des Stadtbauhofs Christian Kneißl (links) und Christian Binder befestigen einen Drahtzaun zum Schutz eines Baumes vor den Zähnen des Bibers.

Stadtgärtner André Ditterich sieht in den gefällten Bäume, die vor allem im Bereich des Sees östlich des Seewegs liegen, keinen ernsthaften Grund zur Sorge. Er und seine Kollegen Christian Binder und Christian Kneißl, die sich im Bauhof der Stadt hauptsächlich um die Biber und deren Folgen kümmern, haben gelernt, damit umzugehen. Der Stadtgärtner testet an diesem Aprilmorgen etwas Neues aus, um Europas größte Nager davon abzuhalten, am Ende sämtliche Bäume am Nützelbach zu fällen. Er pinselt auf den Stamm eines jungen Baums einen himbeerfarbenen Schutzanstrich. Dieser enthält feine Steinchen, die dem Biber das Nagen am Stamm vermiesen sollen. Es ist ein Versuch, sagt der Stadtgärtner. Andere Kommunen, mit denen er sich austauscht, hätten damit gute Erfahrungen gemacht. Wieder andere sagen: Das bringt nichts.

Stadtgärtner André Ditterich bringt einen Verbissschutz-Anstrich auf den Stamm eines Baums auf.
Foto: Michael Mößlein | Stadtgärtner André Ditterich bringt einen Verbissschutz-Anstrich auf den Stamm eines Baums auf.

Ösen halten den Draht am Boden fest

Währenddessen setzen Binder und Kneißl ein paar Meter weiter auf eine vielfach bewährte, dafür vielleicht etwas aufwändigere Methode. Sie umwickeln einen Baumstamm mit einem Gitter aus festem Draht. Mit Ösen fixieren sie dieses im Boden. So kann der Biber den Draht nicht hochschieben. Das bremst den Nager effektiv aus, so die Erfahrung der Bauhofmitarbeiter. Rund 400 Bäume, schätzen sie, haben sie in Gerolzhofen auf diese Weise bereits vor Biberverbisss geschützt. Klar ist: Sie können (und wollen) nicht jeden Baum vor den scharfen Zähnen des im Wasser lebenden Tiers retten. Doch am Ende sollen die in ihren Augen wichtigsten Bäume unbeschädigt bleiben.

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Es ist ein Geben und Nehmen. So lässt sich das Zusammenleben mit dem Biber zusammenfassen, das Stadtgärtner Ditterich schildert. In den Nützelbachauen lässt sich dies leicht veranschaulichen. Im Frühjahr 2019 sind dort erstmals Spuren von Bibern entdeckt worden. Gut ein Jahr zuvor waren im Volkachbach, oberhalb der Kartbahn an der Gemarkungsgrenze zu Dingolshausen, die ersten Biberdämme auf Gerolzhöfer Territorium aufgetaucht. Seitdem haben sich die Biber ausgebreitet entlang der Volkach. Es gibt sie jetzt im Silberbach, im Silbersee und im Vettersee bei Rügshofen, berichtet Ditterich. Wie viele Tiere es sind, weiß keiner genau.

Mit einer Wildkamera haben Mitarbeiter des Gerolzhöfer Stadtbauhofs Gerolzhofen im Juli 2020 einen der am Nützelbach lebenden Biber aufgenommen.
Foto: Wildkamera Bauhof | Mit einer Wildkamera haben Mitarbeiter des Gerolzhöfer Stadtbauhofs Gerolzhofen im Juli 2020 einen der am Nützelbach lebenden Biber aufgenommen.

Biber-Bestand im Landkreis hält sich konstant

In jedem Biberrevier lebt in der Regel nur ein Biber-Paar auf Dauer. Jungtiere suchen sich ein neues Revier, das ein gutes Stück abseits des elterlichen liegt, um keine Konkurrenz zu sein. Im Landkreis Schweinfurt sind es laut Auskunft der Unteren Naturschutzbehörde gut 50 Biber-Reviere. Ein Bestand, der sich seit drei Jahren relativ konstant hält, weshalb die Behörde davon ausgeht, dass mittlerweile alle geeigneten Biber-Reviere besetzt sein dürften. So erwarten die Fachleute auch kein stetiges Anwachsen des Biberbestands. Die Spitze dürfte erreicht sein.

In den Gerolzhöfer Nützelbachauen präsentieren sich die Biber quasi vor der Haustüre der Menschen, in Sicht- und Rufweite zu den nächsten Häusern entlang der Berliner Straße als die wahren Baumeister, die sie sind. Als imposantes Zeichen ihrer Rückkehr haben die bei uns einst als ausgestorben geltenden Nager dort, zwischen Bach und See, eine Biberburg errichtet, in der sie leben. Diese hat ihren unter Wasser liegenden Eingang im See und einen Durchmesser von über drei Metern. Am anderen Seeufer entsteht augenscheinlich eine zweite Burg einer weiteren Biber-Familie. Oft legen Biber, die von Kopf bis Schwanzende gut einen Meter lang werden, ihren Bau in Böschungen an. Doch hier demonstrieren sie, was sie noch alles können.

Trotz ihrer Dimensionen ist die Biber-Burg (Bildmitte) am Seeufer nicht allzu leicht zu entdecken. Der Eingang zur Wohnung der Biber liegt unter Wasser.
Foto: Michael Mößlein | Trotz ihrer Dimensionen ist die Biber-Burg (Bildmitte) am Seeufer nicht allzu leicht zu entdecken. Der Eingang zur Wohnung der Biber liegt unter Wasser.

Biber regulieren mit Dämmen den Wasserstand

Vergangenen Sommer, berichtet Christian Binder, haben Biber den Stamm eines umgenagten Baums bis in ihre Burg hinein geschleppt, noch bequemer kommen sie nicht an ihr Futter. Denn Biber sind Pflanzenfresser und ernähren sich am liebsten von Gräsern, Kräutern und Grünpflanzen aller Art. Baumrinde steht auch auf ihrem Speiseplan, doch hauptsächlich im Winter, wenn in der Umgebung wenig Grün zu finden ist. Im Sommer nagen sie selten an Bäumen und fällen diese nur, wenn sie Baumaterial brauchen. Sie bedienen sich gerne an Feldfrüchten in der Nähe, etwa Mais oder Zuckerrüben, was aus Sicht der Landwirtschaft nicht unproblematisch ist.

Mit den Dämmen, die sie im Wasser errichten, regulieren sie nicht nur den Wasserstand so, dass die Eingänge zu ihren Wohnungen gut geschützt unter Wasser liegen. Sie sorgen auch dafür, dass sie möglichst weit im Wasser zu ihren Futterquellen gelangen. Im Sommer 2020 haben die Bauhofmitarbeiter allein am Nützelbach 14 Dämme gezählt.

Im Winter und frühen Frühjahr, solange es in der Natur wenig Grün gibt, nagen Biber Bäume auch an, um die Rinde als Nahrung zu nutzen. Dies kann die Bäume so schädigen, dass sie absterben.
Foto: Michael Mößlein | Im Winter und frühen Frühjahr, solange es in der Natur wenig Grün gibt, nagen Biber Bäume auch an, um die Rinde als Nahrung zu nutzen. Dies kann die Bäume so schädigen, dass sie absterben.

Angestaute Bäche, überflutete Wiesenflächen und Felder – Konflikte zwischen Biber und Mensch sind quasi vorprogrammiert. Wo Biber in Siedlungsnähe oder in der Nähe von Kläranlagen auftauchen, kommt es immer wieder zu Problemen, bestätigt auch die Naturschutzbehörde im Landratsamt Schweinfurt. Doch ein Anruf genüge, heißt es von dort, und eine Naturschutzfachkraft suche nach eine passenden Lösung.

In Gerolzhofen gab es nach Angaben des Stadtgärtners bislang noch keine größeren Konflikte. Auch dank des wachsamen Auges seiner beiden Mitarbeiter, die beide jede Woche jeweils geschätzte zehn Stunden im Auftrag des Bibermanagements auf Achse sind, um Bäume zu schützen, von Bibern verstopfte Überläufe zu säubern oder Überflutungen auf den Grund zu gehen. Doch in den Augen des Stadtgärtners lohnt sich der Einsatz eigenen Personals. Viele Probleme könnten so rasch im Keim entschärft werden.

Am Wasser liegen Äste, von denen Biber die Rinde komplett abgenagt haben.
Foto: Michael Mößlein | Am Wasser liegen Äste, von denen Biber die Rinde komplett abgenagt haben.

Ein Hauptaugenmerk richten die Bauhofmitarbeiter auf die Verkehrssicherheit der vom Biber angenagten Bäume. Gerade entlang des Nützelbachs, wo viele Spaziergänger unterwegs sind, darf es nicht dazu kommen, dass ein umstürzender Baum einen Menschen trifft, macht Ditterich deutlich. Die Drahtzäune und künftig womöglich auch der Schutzanstrich der Baumstämme erfüllt also einen wichtigen Zweck.

Miteinander vom Biber und Mensch

Laut Naturschutzgesetz (Paragraf 44) ist es verboten, Biber als besonders geschützte Art zu fangen, zu verletzten oder gar zu töten. Auch ihre Bauwerke, wie Dämme oder Burgen, dürfen nicht entfernt werden. Ausnahmen sind gesondert geregelt.
Wenn Biber für Problemen sorgen, etwa für Landwirte oder Anwohner von Gewässern, dann sucht die Naturschutzbehörde nach Lösungen. Maßnahmen zur Vorbeugung von Schäden können mit bis zu 70 Prozent der entstandenen Kosten gefördert werden. Land-, forst- und teichwirtschaftliche Schäden werden anteilig nach den Richtlinien des Bayerischen Biberfonds, der dieses Jahr auf insgesamt 550 000 Euro aufgestockt wurde, beglichen.
Land- und Forstwirte haben zudem die Möglichkeit, über das Bayerische Vertragsnaturschutzprogramm Förderungen zu erhalten, wenn sie einen Teil ihrer Flächen bewusst dem Biber überlassen. Und für den Obstbaum im Garten gibt die Untere Naturschutzbehörde am Landratsamt gerne eine Drahthose als Verbissschutz aus.
Quelle: Landratsamt Schweinfurt
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