Werneck

"Pax an": Immer wieder gegen das Vergessen der NS-„Euthanasie“

Erinnern als gemeinsame Aufgabe: Die Menschenrechtsgruppe „Pax an“ organisiert seit 25 Jahren die Gedenkstunde für die Opfer der NS-„Euthanasie“ vor 80 Jahren in Werneck
Im Schlosspark Werneck stellte 1996 der Bezirk Unterfranken auf Initiative von "Pax an" ein Denkmal für die während der NS-Zeit ermordeten Patienten der Heil- und Pflegeanstalt auf.
Foto: Silvia Eidel | Im Schlosspark Werneck stellte 1996 der Bezirk Unterfranken auf Initiative von "Pax an" ein Denkmal für die während der NS-Zeit ermordeten Patienten der Heil- und Pflegeanstalt auf.

Immer wieder erinnern, nicht vergessen, mahnen für die Gegenwart und Zukunft: Jedes Jahr am 3. Oktober ruft die Initiative für Menschenrechte "Pax an" dazu auf, der Opfer der NS-"Euthanasie" aus der Wernecker Heil- und Pflegeanstalt zu gedenken. Mit Beständigkeit organisiert die Gruppe seit 25 Jahren eine öffentliche Feier im Schlosspark. Ins Bewusstsein der Bevölkerung sind die Verbrechen der Nationalsozialisten dadurch stärker gedrungen. Auch wenn die "Pax an"-Gruppe anfangs teilweise als "Nestbeschmutzer" galt.

Denn sie brachte an die Öffentlichkeit, was Anfang der 1990er-Jahre einige Ärzte und Pfleger des Psychiatrischen Bezirkskrankenhauses im Schloss aufgedeckt hatten: Dass schon ab 1934 insgesamt 227 Behinderte und Kranke dort zwangssterilisiert wurden. Dass Menschenversuche unternommen wurden. Dass vom 3. bis 6. Oktober 1940 die Wernecker Anstalt geräumt wurde, um vorgeblich "Volksdeutsche" aus Bessarabien aufzunehmen. Dass damit aber auch die systematische Ermordung psychisch Kranker – im NS-Jargon "unwertes Leben" – im Rahmen der NS-"Aktion T 4" verschleiert wurde.

Denn angeblich waren die 777 Patienten nur nach Lohr verlegt worden. Was aber nicht stimmte. Denn viele kamen dort nicht an, sondern wurden gleich in Tötungsanstalten verschleppt und vergast, andere auf Umwegen in den Tod geschickt. Dr. Thomas Schmelter, ehemaliger Oberarzt der Psychiatrischen Klinik und heute im Ruhestand, hat durch neuere Forschungen etwa 370 "Euthanasie"-Opfer aus Werneck ausgemacht.

Margit Hettrich und Klaus Hofmann von der Wernecker Menschenrechtsinitiative "Pax an" blicken auf 25 aktive Jahre zurück.
Foto: Silvia Eidel | Margit Hettrich und Klaus Hofmann von der Wernecker Menschenrechtsinitiative "Pax an" blicken auf 25 aktive Jahre zurück.

Noch Anfang 1995 war in der krankenhausinternen Mitarbeiterzeitung "Nervenkitzel" nur von einer "Verlegung" der Patienten nach Lohr die Rede, erinnert sich Klaus Hofmann. Der Mühlhäuser ist der Motor der örtlichen Menschenrechtsinitiative "Pax an". Sie sieht es als eine gemeinsame Aufgabe an, öffentlich aufzuklären. Bereits seit 1992 war die Gruppe in Werneck mit verschiedenen Aktionen für Menschenrechte eingetreten.

"Es hatte damals eine Drohung gegen ein Haus gegeben, in dem Asylbewerber aus Bosnien-Herzegowina wohnten", erinnert sich Gründungsmitglied Margit Hettrich an die Anfänge von "Pax an" – "Pax", lateinisch für "Friede", und gleichzeitig auch die Aufforderung "pack‘ es an". Spontan hatten sich einige Wernecker für eine Mahnwache am Haus zusammengefunden.

Die Gruppe von zehn bis zwölf Personen trug das Thema Asylpolitik, Menschenrechte allgemein, in die Gemeinde: mit Diskussionen, Filmen, Flugblättern oder Musikveranstaltungen. "Wir waren damals für viele Wernecker schon etwas merkwürdig, ‚Outsider‘ eben", denkt Hofmann zurück. Auch anonyme Hetzbriefe gegen Ausländer hatte die Gruppe erhalten. "In der ländlichen Gemeinde war es anfangs schwierig, solche Themen aufzugreifen. Wir waren lange Einzelkämpfer." Aber die ständige Thematisierung, auch durch die Medien und Veranstaltungen, habe geholfen.

Etwa 1994 bekam Hofmann bei einer solchen Veranstaltung Kontakt mit Dr. Thomas Schmelter, der ihm von den Recherchen über die Wernecker Heil- und Pflegeanstalt erzählte. "Der damalige Chefarzt Dr. Albrecht Schottky hat es zugelassen, dass wir nachforschten", denkt Schmelter zurück. "Das war nicht selbstverständlich", weiß er. Andere Kliniken hätten das nicht erlaubt.

Es brauche eine öffentliche Aufarbeitung der Ereignisse in der NS-Zeit, sagte sich die örtliche Menschenrechtsgruppe. Ab Mai 1995 initiierte "Pax an" mehrere Veranstaltungen dazu, mit "lebhaften Diskussionen".

Die Inschrift vor dem Denkmal der NS-"Euthanasie": "Jeder Mensch verdient Achtung und Nächstenliebe".
Foto: Silvia Eidel | Die Inschrift vor dem Denkmal der NS-"Euthanasie": "Jeder Mensch verdient Achtung und Nächstenliebe".

"Anfangs kam auch der Vorwurf der Nestbeschmutzung, weil wir das Thema auf die Tagesordnung setzten", sagt Margit Hettrich. "Es war ein offen gehütetes Geheimnis in der Gemeinde." Denn viele der Pfleger im Schloss wohnten damals im Ort, in vielen Familien hatte man daher "etwas gewusst".

Eine erste öffentliche Gedenkstunde für die NS-Opfer in der Schlosskirche initiierte "Pax an" im November 1995, unterstützt von einem breiten Bündnis aller Wernecker Parteien, Kirchen sowie der Bezirksklinik. Der stellvertretende Leiter der Zentralstelle für die Erfassung von NS-Verbrechen, Wilhelm Dreeßen, hielt die Gedenkrede. "Es gab zwar einige im Ort, die dazwischengegrätscht sind", weiß Hettrich noch, "aber nicht offiziell".

Für "Pax an" war klar: Eine dauerhafte, öffentliche Erinnerung an die Patientenmorde, die sogenannte "Euthanasie" – eigentlich "schöner Tod" – musste her. In Lohr gab es zu der Zeit schon ein Mahnmal. Hofmann ging im Februar 1996 auf den Bezirk Unterfranken zu. Dieser beauftragte den Vasbühler Bildhauer Julian Walter mit einem Denkmal für den Schlosspark. Entstanden ist ein abstraktes, eindrucksvolles Kunstwerk: ein gekrümmter Stein-Torso am Boden, durchbohrt von einem Stahlstab und umgeben von Hakenkreuz-Fragmenten aus Stein.

Im November 1996 wurde das Mahnmal eingeweiht. Der neugewählte Bürgermeister Paul Heuler machte dabei deutlich, dass dieses dunkle Kapitel auch zur Geschichte Wernecks gehöre. "Wir können nicht immer nur auf die schöne Schloss-Kulisse verweisen".

Im Jahr darauf wählte die Initiative den 3. Oktober, den Beginn der Deportationen 1940, zum jährlichen Gedenktag. "Anfangs waren wir dabei nur unter uns", denkt Hofmann zurück. Mittlerweile begleiten etwa 50 Interessierte aus der Gemeinde sowie Vertreter von Vereinen die Erinnerungsstunde. "Die Bedeutung des Themas ist angekommen", meinen Schmelter und Hofmann.

Aus Kapazitätsgründen konzentrierte sich "Pax an" fortan nur noch auf dieses Gedenken. Die unterschiedlichsten Redner wurden für die Feiern eingeladen: Vertreter von Ärzten, lokaler und überregionaler Politik, von Behinderten, von Sinti und Roma sowie der Kirchen warfen immer wieder andere, neue Blicke auf die Verbrechen von damals. Immer verbunden mit Fragen zu aktuellen Entwicklungen: zu Rechtsradikalismus, Rassismus, Ausgrenzung, Umgang mit Behinderten, mit Andersdenkenden.

Das Wernecker Schloss beherbergte in der NS-Zeit bis 1940 die Heil- und Pflegeanstalt.
Foto: Silvia Eidel | Das Wernecker Schloss beherbergte in der NS-Zeit bis 1940 die Heil- und Pflegeanstalt.

Damit das Thema "Euthanasie" auch in der Klinik wach bleibt, dafür sorgt Leitender Sozialpädagoge Paul Strobel als Sprecher des dortigen Historischen Arbeitskreises. Oberarzt Dr. Roland Schaumann kümmert sich um Anfragen von Angehörigen, "meist der Enkelgeneration", wie Dr. Schmelter weiß. Denn bis heute wird in vielen Familien das Schicksal der psychisch Kranken in dieser Zeit totgeschwiegen.

Zurzeit besteht "Pax an" nur noch aus vier Personen. Aber der Historische Verein Markt Werneck sei für das Gedenken angeregt worden, sagt Hofmann, auch die Mittelschule habe ihre Bereitschaft erkennen lassen mitzutun. "Es ist eine gemeinsame Aufgabe: Man muss immer weiter an die Verbrechen und die Opfer erinnern. Immer mit Blick auf das, was heute geschieht."

Am Samstag, 3. Oktober, jährt sich die Verschleppung der psychisch Kranken aus Werneck zum 80. Mal. Um 17 Uhr wird von "Pax an" und dem Psychiatrischen Krankenhaus gemeinsam und unter Einhaltung der Abstandsregeln am Mahnmal im Schlosspark an ihr Schicksal erinnert. Redner sind Prof. Hans-Peter Volz, Ärztlicher Direktor des KPPPM Schloss Werneck, Bürgermeister Sebastian Hauck und Klaus Hofmann von "Pax an". Saxophonist Anton Mangold begleitet die Feier musikalisch.

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