Sulzheim

Plötzliche Sympathie der Sulzheimer für die Bahn kam zu spät

Es gibt Parallelen zwischen der Zeit des Neubaus der Steigerwaldbahn und den heutigen Reaktivierungsbemühungen. Hier wie da nutzen Bahngegner die gleichen Argumente.
So sah das Bahnwartehäuschen von Sulzheim 1960 aus. Die Sulzheimer mussten rund eineinhalb Kilometer laufen, um zur Haltestelle zu kommen. Das galt auch für die Familie Walter aus Sulzheim (im Bild). 1964 wurde das kleine Gebäude abgerissen.
Foto: Eugen Fuchs | So sah das Bahnwartehäuschen von Sulzheim 1960 aus. Die Sulzheimer mussten rund eineinhalb Kilometer laufen, um zur Haltestelle zu kommen. Das galt auch für die Familie Walter aus Sulzheim (im Bild).

Wie sich Zeiten und Abläufe doch wiederholen. Seit Jahren schon gibt es einen  regen, manchmal auch emotionalen Austausch von Argumenten für und gegen die Reaktivierung der Steigerwaldbahn. Die einen sagen, die Bahn sei das Verkehrsmittel der Zukunft, ökologisch, wirtschaftlich und schnell. Die anderen meinen, eine Bahnlinie zerschneide nur Flure und Ortschaften und sei überhaupt unattraktiv gegenüber dem Individual- und auch dem Busverkehr.

Nicht viel anders war das vor weit mehr als 100 Jahren, als die Steigerwaldbahn noch in Zeiten des Königreichs Bayern gebaut wurde. Der Sulzheimer Heimatforscher Gerhard Ahles verweist dazu auf eine Ortschronik von Adolf Schafsteck "Sulzheim - ein Bild seiner Geschichte im Rahmen der Weltgeschichte" (1930). 

Im 9. Kapitel beschreibt der Autor in der Sprache der Zeit eine Bahnfahrt von Würzburg nach Alitzheim am 19. März 1927, ein Tag aus der Blütezeit der Steigerwaldbahn. Am Schweinfurter Hauptbahnhof musste er Richtung Gerolzhofen/Kitzingen umsteigen. "Welch ein Leben am Bahnhof! Die Fabriktore hatten sich geöffnet, die Arbeiter strebten ihrem Wohnort zu. In der Fabrikstadt Schweinfurt gilt St.Josef nicht als Feiertag", schreibt Schafsteck. Der Zug nach Gerolzhofen war voll besetzt. Die älteren Arbeiter saßen müde und still in den Ecken; jüngere Frauen präsentierten sich gegenseitig ihre neuen, preisgünstigen  Stoffeinkäufe, die sie gerade in der Stadt getätigt hatten. 

Die Bahn verdrängt die Postkutsche

Dann dreht Schafsteck seine Gedankenwelt um 57 Jahre zurück ins Jahr 1870. Das war die Zeit, als noch die Postkutsche Fahrgäste über staubige Landstraßen zu ihren Zielen beförderte. Die Reisegeschwindigkeit betrug kaum mehr als zehn Kilometer in der Stunde. Auch in Sulzheim war das so. Mit zehn Passagieren war die Postkutsche bereits voll.

Die 70er-Jahre des 19. Jahrhunderts waren aber bereits die Zeit, als die Eisenbahn stark wurde. Auch im Raum Gerolzhofen war eine Bahn geplant, von Kitzingen kommend und nach Schweinfurt führend. In den Wirthäusern Sulzheims wurde eifrig debattiert. "Zu jener Zeit fand das Projekt noch wenig Gegenliebe, zumindest bei den älteren Leuten", beschreibt Schafsteck eine Parallele zu heute. Ebenfalls bekannt kommt einem der folgende Satz vor: "Die Bahn  zerschneidet uns die schöne Flur." Außerdem würde sich diese Neuerung nicht mit der guten alten Zeit vertragen.

Die Sulzheimer Haltestelle lag nicht am oder im Ort, sondern mitten in freier Flur.
Foto: Bildarchiv Gerhard Ahles | Die Sulzheimer Haltestelle lag nicht am oder im Ort, sondern mitten in freier Flur.

Doch die Bahn kam. Am 18. November 1893 zwischen Kitzingen und Gerolzhofen und am 24. November 1903 zwischen Gerolzhofen und Schweinfurt. Der Widerstand in Sulzheim gegen die Weiterführung der Trasse von Gerolzhofen Richtung Schweinfurt, vor allem durch den Bürgermeister und den Posthalter, hatte aber dazu geführt, dass die Sulzheimer in der Trassenplanung nur einen Haltepunkt weit außerhalb des Orts bekamen. Als sie dann aber sahen, zu welcher Erfolgsgeschichte die Bahn zwischen Kitzingen und Gerolzhofen wurde, wollten sie doch einen Bahnhof nahe am Dorf. Zu spät, die Strecke wurde gebaut wie geplant, obwohl die Sulzheimer versprachen, die Mehrkosten für eine neue Trasse zu übernehmen. So wie später das Auto die Bahn verdrängte, verdrängte die Bahn damals die Postkutsche.

Ein "schüchternes Züglein"

Chronist Schafsteck kehrt dann zurück in seine Gegenwart von 1927 auf der Zugfahrt von Schweinfurt nach Alitzheim. Ein wenig schüchtern, so konstatiert er, schlängelt sich das Züglein am Saum der Ortschaften Sennfeld, Gochsheim und Grettstadt  dahin und entledigt sich seiner Last bei jedem Halt ein bisschen mehr. Dann streift der Zug den Sulzheimer Wald, der vor mehr als 100 Jahren (gesehen von 1927) den letzten fürstlichen Würzburger Husaren und den letzten Hirschwächter gesehen hatte. In der Ferne taucht der Zabelstein auf, und bald rückt Sulzheim mit seinem alles überragenden Schloss ins Blickfeld.

Dann ein langgezogener Pfiff und der Zug hält in Alitzheim. Passagier Schafsteck steigt aus und verlässt damit auch das Thema Bahn. Jetzt rückt die Beschreibung alter und neuer Bauwerke in Alitzheim in den Mittelpunkt. Zu erkennen ist aber, dass 1927 der Haltepunkt Sulzheim nicht mehr existierte und die Sulzheimer in Alitzheim ein- und ausstiegen. Ende der 20er-Jahre wurde das Wartehäuschen abgerissen.

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg kam es aber zur Reaktivierung des Haltepunkts. Es entstand auch ein neues Backsteinbauwerk zum Schutz der Reisenden. Gerhard Ahles erinnert sich jedenfalls gut an die 50er- und 60er-Jahre, als die Sulzheimer den Zug noch rege nutzten, vor allem Industriearbeiter und Schüler in Schweinfurt. "Manchmal war es eine regelrechte Völkerwanderung, wenn der Zug aus Richtung Schweinfurt kam und die Leute ausstiegen. Wenn der Zug aus Richtung Alitzheim kam, pfiff er langanhaltend und fuhr extra langsam, so dass auch die letzten Nachzügler noch einsteigen konnten", erinnert sich Ahles. Genau 1,6 Kilometer Richtung Grettstadt waren es von der Ortsmitte bis zum Haltepunkt. Aus dieser Zeit hat Ahles viel Bildmaterial in seinem Archiv.

Wärtehäuschen abgebrochen

1964 war dann  das Ende des Haltepunkts Sulzheim gekommen. Das kleine Wartehäuschen wurde abermals abgebrochen – eine erste Folge der Tatsache, dass der Individualverkehr mit dem Auto der Bahn immer mehr den Rang ablief.

Gerhard Ahles hat einen besonderen Bezug zur Bahn. Denn seine Mutter Margarete Ahles verkaufte in Sulzheim bis 1962 die Fahrkarten an Zugreisende. Das Haus der Familie Ahles am Ortsausgang Richtung Grettstadt hatte ein günstige Lage; wer zum Zug wollte, musste an ihm vorbeilaufen.

Und heute? Gerhard Ahles ist absolut dafür, dass die Strecke reaktiviert wird. Eine  Entwidmung sei nicht Sache der Gemeinden, sondern eine Angelegenheit auf höheren politischen Ebenen, meint der 78-Jährige. Er hat bei seinen Rundgängen im Gegensatz zu Innenstaatssekretär Gerhard Eck festgestellt, dass die Strecke zumindest zwischen Schweinfurt und Gerolzhofen immer noch in einem guten Zustand ist. Für den Streckenteil zwischen Gerolzhofen und Kitzingen kann er kein Urteil abgeben, weil er ihn nicht kennt.

Der Steigerwaldexpress passiert die Sulzheimer Gemarkung in der Nähe der Gipshügel.
Foto: Bildarchiv Gerhard Ahles | Der Steigerwaldexpress passiert die Sulzheimer Gemarkung in der Nähe der Gipshügel.
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