Schonungen

Trotz Politisierung: Warum nur wenige junge Leute in die Kommunalpolitik gehen

Viele junge Leute wollen politisch mitmischen. Das haben die Fridays-for-Future-Proteste gezeigt. Doch nur wenige wagen den Schritt in die Kommunalpolitik.
Mit 23 Jahren ins Rathaus: Jennifer Köhler ist die jüngste Bürgermeisterkandidatin der CSU in Unterfranken. Beim Haustürwahlkampf in Niederwerrn blickt sie in viele überraschte Gesichter. 
Foto: Anand Anders | Mit 23 Jahren ins Rathaus: Jennifer Köhler ist die jüngste Bürgermeisterkandidatin der CSU in Unterfranken. Beim Haustürwahlkampf in Niederwerrn blickt sie in viele überraschte Gesichter. 

Er will gerade sein Büro verlassen, da hält Stefan Rottmann doch noch einen Moment inne. Er zeigt auf die Wand gegenüber der Tür. Dort hängt, ordentlich eingerahmt, eine Sammlung von Zeitungsartikeln, die über ihn geschrieben wurden, als er vor acht Jahren zum jüngsten Bürgermeister Deutschlands gewählt wurde. Die Wahl war eine kleine Sensation. Aus allen Ecken der Republik reisten Reporter ins unterfränkische Schonungen (Lkr. Schweinfurt). Die Münchner Abendzeitung bezeichnete den damals 25-Jährigen als "kleinen Obama", die Süddeutsche Zeitung titelte "Deutschlands Jüngster". 

Der Medienrummel zeigt, dass junge Gesichter in der Kommunalpolitik offenbar noch immer die Ausnahme sind. Auch Stefan Rottmann hat erlebt, was es heißt, auf sein Alter reduziert zu werden. Der Wahlkampf vor acht Jahren war für den SPD-Politiker ein steiniger Weg. Viele Schonunger hätten das Gefühl gehabt, er sei dem Bürgermeisteramt nicht gewachsen. "Ich musste gegen viele Vorurteile ankämpfen", erinnert er sich. 

Nicht nur die Wähler werden immer älter

Wenn man sich die Zusammensetzung der Stadt- und Gemeinderäte anschaut, machen diese Erfahrung wohl viele junge Kommunalpolitiker. So kommt eine Studie des Westdeutschen Rundfunks (WDR) zu dem Ergebnis, dass in Nordrhein-Westfalen nur elf Prozent der Stadt- und Gemeinderäte jünger als 40 Jahre alt sind. Für Bayern gibt es keine vergleichbaren Zahlen, allerdings lässt eine Stichprobe dieser Redaktion vermuten, dass die Situation in Unterfranken ähnlich ist. Im Landkreis Main-Spessart beispielsweise ist der durchschnittliche Kreisrat rund 60 Jahre alt. In den Städten Marktheidenfeld, Lohr und Gemünden sieht es ähnlich aus. Nur der Karlstadter Stadtrat ist im Schnitt zehn Jahre jünger. 

Dass die U30-Generation politisch stärker mitmischen will, haben gerade die vergangenen zwei Jahre gezeigt: Hunderttausende Schüler, Azubis und Studenten sind gegen die Klimapolitik der Bundesregierung auf die Straße gegangen (Fridays-for-Future), haben gegen das umstrittene bayerische Polizeigesetz (PAG) protestiert und versucht, die europäische Urheberrechtsreform zu verhindern (Artikel 13).

Die Protest-Generation

Doch Bürgermeister Rottmann ist skeptisch, wie lange diese Euphorie anhält. "Eine Politisierung der Jugend sehe ich in der Kommunalpolitik jedenfalls nicht", sagt der 33-Jährige. Seine Analyse: Wer sich vor Ort einbringen will, müsse sich mit Kanalarbeiten und den Details der Friedhofssatzung auseinandersetzen. Das sei mühseliger, als jeden Freitag auf der Straße zu protestieren.

Als Stefan Rottmann (SPD) 2012 zum jüngsten Bürgermeister Deutschlands gewählt wurde, hatte er mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Nach acht Jahren im Amt zieht er aber eine positive Bilanz.
Foto: Anand Anders | Als Stefan Rottmann (SPD) 2012 zum jüngsten Bürgermeister Deutschlands gewählt wurde, hatte er mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Nach acht Jahren im Amt zieht er aber eine positive Bilanz.

"Es ist anrüchig geworden, sich in klassischen Parteien zu engagieren", analysiert er. Natürlich müssten veraltete Strukturen überwunden werden, doch das löst aus seiner Sicht das Problem nicht. "Kommunalpolitik ist und bleibt anstrengend. Da wird sich nichts verändern." Die junge Generation müsse eben entscheiden, welchen Beitrag sie leisten will.

Kaum junge Kandidaten auf dem Wahlzettel

"Doch viele scheuen die Verantwortung und wollen sich nicht langfristig binden", stellt der zweifache Familienvater fest. Für die anstehenden Kommunalwahlen habe er gezielt nach jungen Kandidaten gesucht – mit mäßigem Erfolg. Das hängt aber, glaubt er, nicht nur damit zusammen, dass sich die Arbeits- und Lebenswelt junger Menschen gewaltig verändert hat. Das sei auch ein Stück Bequemlichkeit: "Sobald es komplex wird, trennt sich die Spreu vom Weizen."

"Eine Politisierung der Jugend sehe ich in der Kommunalpolitik nicht."
Stefan Rottmann, Bürgermeister in Schonungen (Lkr. Schweinfurt)

Dass man gerade als junger Kommunalpolitiker oft die Zähne zusammenbeißen muss, weiß Rottmann aus eigener Erfahrung. Auf dem Weg ins Rathaus hat ihm keiner den roten Teppich ausgerollt. Im Gegenteil: Seine Chancen, gegen den erfahrenen CSU-Kandidaten zu gewinnen, standen denkbar schlecht. Doch das hat ihn umso mehr motiviert. An verregneten Wintertagen ist er bis zum Tag vor der Wahl von Tür zu Tür marschiert, hat Tausende Flyer in der 8000-Einwohner-Gemeinde verteilt.

Doch beim Buhlen um Wählerstimmen sei sein Alter mit die größte Hürde gewesen. In jedem Gespräch habe er sich aufs Neue beweisen müssen. Sein damaliger Konkurrent nutzte diesen Vorteil. Auf einer Wahlkampfveranstaltung betonte er, dass Schonungen keine Spaßgemeinde sei. Die Verwaltung hätte jemanden verdient, der nicht bei null anfange. Rottmann ließ sich davon nicht beeindrucken und machte weiter. Das Ergebnis stand am Ende einer langen Wahlnacht fest: Rottmann siegte mit drei Stimmen Vorsprung. 

Acht Jahre später zieht der SPD-Politiker eine positive Bilanz. Er sitzt in seinem Büro. Vor ihm liegt sein aktueller Wahlflyer. "Wir haben die Gemeinde auf die Überholspur gebracht", sagt Rottmann, der gerne auch die nächsten sechs Jahre Bürgermeister bleiben will. Wenn er heute im Gemeinderat spricht, sei sein Alter jedenfalls kein Thema mehr. 

Dass gerade junge Leute in der Kommunalpolitik enorm viel lernen können, betont auch der SPD-Bezirksvorsitzende Bernd Rützel. Der 51-Jährige, der heute für die SPD im Bundestag sitzt, startete seine Karriere ebenfalls im Stadtrat. Auch er war damals der Jüngste und musste lernen, sich durchzusetzen. "Das war eine unerlässliche Schule", sagt er rückblickend. Heute, zwölf Jahre später, begegne er in Unterfranken vielen Schülern, Auszubildenden und Studenten, die Lust, hätten sich einzubringen. Gleichzeitig räumt der Bezirkschef ein, dass es noch nicht überall gelinge, mit moderner Parteiarbeit die U30-Generation mitzunehmen. Das fange schon beim Treffen im Ortsverein ein. Rützel: "Junge Leute wollen nicht stundenlang in Sitzungen hocken und über des Kaisers Bart diskutieren."

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Das Problem: Junge Kandidaten schaffen es zwar immer häufiger auf den Stimmzettel, aber später nicht in die Gremien. In Bayern liege das unter anderem an dem personalisierten Wahlsystem, analysiert die Würzburger Politikwissenschaftlerin Regina Renner. Die Bekanntheit eines Kandidaten sei bei der Kommunalwahl ein entscheidender Punkt. Neben der Möglichkeit, mit einem Kreuz eine ganze Liste zu wählen, kann man seine Stimmen auch auf einzelne Kandidaten verteilen. Da hat die junge Studentin gegenüber dem im Dorf allseits bekannten Vereinsvorstand natürlich das Nachsehen. 

Mit dem Problem ihrer Bekanntheit kämpft auch Jennifer Köhler. An einem verregneten Samstag im Februar steht sie vor einem gelben Reihenhaus. Während sie ihren übergroßen Regenschirm ausbalanciert, versucht sie mit der anderen Hand bei der Hausnummer 6 zu klingeln. Möglichst ohne ihre Flyer dabei fallen zu lassen. Kurz darauf öffnet ein älterer Mann in Jogginghose die Tür. Sie stellt sich vor: "Hallo. Ich bin die Jennifer Köhler, die Bürgermeisterkandidatin der CSU für Niederwerrn." 

23-Jährige will Bürgermeisterin in Niederwerrn werden

An vielen Türen wird sie heute in überraschte, teils auch irritierte Gesichter blicken, wenn sie erzählt, dass sie mit gerade 23 Jahren Bürgermeisterin der 8000-Einwohner-Gemeinde werden will. Doch Köhler lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. "Ich habe nichts zu verlieren", sagt sie auf dem Weg zum nächsten Haus. 

Es ist ein Experiment: Ende November wurde Köhler, die bisher keinerlei Erfahrung im Gemeinderat hat, von ihrem Ortsverband nominiert. "Die waren sofort Feuer und Flamme", sagt die 23-Jährige, die laut der Münchner Parteizentrale die jüngste CSU-Bürgermeisterkandidatin in Unterfranken ist. Es scheint, als hätten zumindest die Christsozialen in Niederwerrn (Lkr. Schweinfurt) ihr Problem erkannt. "Mit 60 Jahren gehöre ich bei uns noch zu den Jüngeren", erzählt einer von Köhlers Mitstreitern. Man habe deshalb gezielt nach einer jungen Kandidatin gesucht. Doch wird die Partei damit auch beim Wähler punkten? 

Obwohl sogar einige Parteifreunde Zweifel haben, zieht Jennifer Köhler ihre Kandidatur durch. Sie will beweisen, was junge Leute in der Kommunalpolitik erreichen können.
Foto: Anand Anders | Obwohl sogar einige Parteifreunde Zweifel haben, zieht Jennifer Köhler ihre Kandidatur durch. Sie will beweisen, was junge Leute in der Kommunalpolitik erreichen können.

"Die Leute müssen merken, dass man weiß, wovon man spricht", betont die 23-Jährige. Doch sie fürchtet, dass ihr Alter noch zum Problem werden könnte. "Viele kennen meinen Namen und mein Gesicht nicht", sagt Köhler. Das will sie ändern.

"Ihr fehlt eine gewisse Lebenserfahrung"

Am Abend steht sie dann auf der Bühne im Gemeindezentrum. Es ist ihre erste größere Veranstaltung. Heute wird sie zum ersten Mal erklären müssen, warum sie eigentlich Bürgermeisterin werden will. Im Publikum sind viele der Gäste noch unentschlossen, was sie von der Kandidatur halten sollen. Sogar einige Mitstreiter zweifeln. "Ihr fehlt einfach eine gewisse Lebenserfahrung", sagt ein junger Mann, der sich ein "erfahreneres Zugpferd" für die CSU gewünscht hätte.

An dem Abend fällt aber auch immer wieder der Name "Stefan Rottmann" – also jenem SPD-Politiker, der mit 25 Jahren Rathauschef in Schonungen wurde. Einige der Gäste erzählen, dass sie damals mehr als skeptisch waren. Doch acht Jahre später stellen selbst CSU-Anhänger Rottmann ein gutes Zeugnis aus. "Der hat sehr, sehr viel bewegt", sagt eine 81-Jährige im Publikum. 

Das wusste schon Otto Rehagel

Auch Jennifer Köhler will beweisen, was die junge Generation in der Kommunalpolitik erreichen kann. Bis dahin wird sie allerdings noch viele Skeptiker überzeugen müssen, denn sie weiß genau, dass ihr Alter das politische Programm überschatten wird.

Auf die Frage, ob sie nicht zu jung für das Rathaus sei, hat die 23-Jährige schon jetzt eine knackige Antwort parat. Sie zitiert die Worte von Fußball-Legende Otto Rehagel, der einst sagte: "Es gibt keine jungen und alten Spieler, nur gute und schlechte."

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