Schweinfurt

US-Wahl: Trump oder Biden - was denken Amerikaner in Schweinfurt?

120 000 in Deutschland lebende US-Bürger dürfen bei der Präsidentschaftswahl ihre Stimme abgeben. Wie ist in Schweinfurt das Stimmungsbarometer? Blau oder Rot? Wir fragten nach.
Die Präsidentschaftswahlen sind auch am amerikanischen Rentner-Stammtisch in der DJK-Gaststätte in Niederwerrn ein Thema.
Foto: Anand Anders | Die Präsidentschaftswahlen sind auch am amerikanischen Rentner-Stammtisch in der DJK-Gaststätte in Niederwerrn ein Thema.

"Trump ist kein Republikaner. Er ist ein Cartoon. Er macht Amerika zum Lachstaat. Ich glaube nicht, dass er die Wahl gewinnt." Wenn Jamie Patts über die Präsidentschaftswahlen in den USA spricht, dann ereifert er sich. Dann switcht er im Laufe des Gesprächs schnell mal auch ins Englische, um es auf den Punkt zu bringen: "Trump ist a bad person", und Biden sei eine "good person".

Noch nie hat eine Präsidentschaftswahl die Vereinigten Staaten so gespalten wie diese. Und wohl noch nie haben die Amerikaner einer Abstimmung über das Weiße Haus so entgegen gefiebert. Auch 120 000 in Deutschland lebende US-Bürger dürfen ihre Stimme abgeben. Wir befragten im Raum Schweinfurt ansässige US-Bürger zu diesen Präsidentschaftswahlen: Donald Trump oder Joe Biden? Wen haben sie gewählt? Wer wird gewinnen?   

Aufgeheizte Stimmung in den Staaten

Suzanne Häublein hat für Joe Biden gestimmt – wenn denn ihre Wahlunterlagen noch rechtzeitig in Niederwerrn eingetroffen sind. Bis vor zwei Wochen, als dieses Gespräch geführt wurde, war das noch nicht der Fall. Die 76-Jährige war schon immer Anhängerin der Demokraten, machte als Studentin sogar Wahlwerbung für John F. Kennedy. Joe Biden ist für sie der richtige Kandidat, "weil er ein echter Patriot ist". Trump hingegen sei ein "Aufwiegler". Er mache kaputt, was sein Vorgänger Barack Obama aufgebaut habe. "Alles, was er macht ist katastrophal." Trump sei verantwortlich für die große Spaltung des Landes und für den wieder aufgeflammten Rassismus.

Mit Sorge verfolgt Suzanne Häublein deshalb von Niederwerrn aus die zunehmend aufgeheizte Stimmung in den Staaten. "Die Leute sind so radikal." Auch im Wahlkampf. Aus der Rivalität zwischen Demokraten und Republikanern sei eine regelrechte Feindschaft geworden, die sogar Familien spalte. "Das ist nicht schön."          

"Wenn Trump weiter regiert, wird alles schlechter"
Jamie Patts
Jamie Patts mit einem Foto seiner Familie. Sein Vater arbeitete in den 1960er-Jahren für den kalifornischen Gouverneur Pat Brown.
Foto: Irene Spiegel | Jamie Patts mit einem Foto seiner Familie. Sein Vater arbeitete in den 1960er-Jahren für den kalifornischen Gouverneur Pat Brown.

Auch Jamie Patts hat die Demokraten gewählt. "So wie immer." Der 49-jährige Sänger der Band Kojak und dreifache Familienvater lebt seit 22 Jahren in Deutschland und ist seit seinem zwölften Lebensjahr politisch interessiert. Sein Vater arbeitete nämlich in den 1960er-Jahren für den kalifornischen Gouverneur Pat Brown. Der Ausgang der Wahlen hat seiner Meinung nach einen direkten Effekt auf die ganze Welt. "Wenn Trump weiter regiert, wird alles schlechter", meint der 49-Jährige mit Blick auf die globale Wirtschaft und so große Herausforderungen wie die Corona-Pandemie. Biden sei zwar nicht seine erste Wahl, aber auch nicht seine letzte. "Er ist okay, ich denke er bekommt das wieder hin." 

Chris Nicolich hofft ebenfalls, "dass Trump nicht wieder gewählt wird". Die 76-jährige Amerikanerin, die in Dittelbrunn lebt, findet Joe Biden zwar "ein bisschen zu alt" für das Präsidentenamt, hält ihn aber für die "bessere Alternative". Trump sei ihr unsympathisch und habe viel Positives, das sein Vorgänger Barack Obama erwirkt habe, wieder zurückgeschraubt.   

Mary Ritzmann half vielen US-Amerikanern beim Registrieren

"Ich drücke die Daumen für alle Seiten, dass es eine gute, saubere Entscheidung wird", meint Mary Ritzmann diplomatisch. Die 47-jährige Reserve-Offizierin, die mit Ehemann und fünf Kindern in Schweinfurt lebt, rechnet Biden gute Chancen aus. Ob er bei einem Wahlsieg tatsächlich aber auch Präsident wird, das hänge wohl von der Höhe des Ergebnisses ab. "Wenn es knapp ist, kann es Probleme geben."

Damit auch möglichst viele "german Overseas", das sind in Deutschland lebende US-Amerikaner, wählen können, hatte Mary Ritzmann im Juli einen "Registrierungstisch" auf dem Schweinfurter Marktplatz aufgebaut. Hier half sie beim Ausfüllen der Formulare und recherchierte die Meldeadresse in den Heimatstaaten, wohin die Unterlagen versandt werden mussten, um überhaupt Briefwahlunterlagen anfordern zu können. "Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich anderen Leuten bei der Registrierung geholfen habe", sagt Mary Ritzmann. Der Aufwand war es ihr wert. Denn noch nie sei das Interesse an den Präsidentschaftswahlen so groß gewesen wie diesmal. Mehr als 70 Millionen US-Bürger haben inzwischen schon ihre Stimme abgegeben. Forscher erwarten die höchste Wahlbeteiligung seit über 100 Jahren.   

Präsident wird, wer mindestens 270 Wahlmänner auf sich vereint

Auch Damian Greenwell hat gewählt. Allerdings hat es "ewig" gedauert, bis der Schweinfurter Baseball-Trainer, der in Bad Neustadt lebt und arbeitet, die Wahlunterlagen in seinem Briefkasten hatte. Er bedauert es sehr, dass der Wahlkampf so emotional geführt wird. "Die Menschen reagieren rein aus dem Gefühl heraus, ohne zu überlegen, was das Beste für das Land ist." Und Trump fördere das mit seinem Verhalten. Das sehr veraltete Electoral College habe überhaupt erst dazu geführt, dass Trump Präsident werden konnte.

In den USA wird der Präsident nicht direkt vom Volk gewählt, sondern die Bürger stimmen für eine Art Mittelspersonen – das sogenannte Electoral College. Dieses besteht aus 538 Wahlmännern und -frauen. Präsident wird, wer mindestens 270 Wahlmänner, also die absolute Mehrheit, auf sich vereint. Die Anzahl der Wahlleute soll eigentlich die Bevölkerungszahl des jeweiligen Bundesstaats abbilden, allerdings werden kleinere Staaten bevorzugt. Deshalb kann es passieren, dass ein Kandidat auch ohne die Mehrheit der Bevölkerung Präsident wird.

Lance Goolsby, Stadionsprecher des Schweinfurter Footballteams Ball Bearings, hofft, dass die Amerikaner "wirklich einen Präsidenten wählen, der das Beste für sein Volk im Sinn hat". Und wenn man es logisch betrachte, ergänzt Damian Greenwell, "gibt es eigentlich keine Alternative zu Biden." Die Tatsache, dass diesmal so viele Amerikaner wählen, wertet er als einen Beleg, dass Amerika den Wechsel will.  

Seit über 30 Jahren organisiert Charles J. Glover (hinten Mitte) den amerikanischen Rentner-Stammtisch. 'Er ist unser Präsident', meinen die Teilnehmer schmunzelnd, die sich einmal im Monat in der DJK-Gaststätte in Niederwerrn treffen.
Foto: Anand Anders | Seit über 30 Jahren organisiert Charles J. Glover (hinten Mitte) den amerikanischen Rentner-Stammtisch. "Er ist unser Präsident", meinen die Teilnehmer schmunzelnd, die sich einmal im Monat in der DJK-Gaststätte in ...

Seit über 30 Jahren gibt es den Rentner-Stammtisch für US-Amerikaner

Am US-Rentner-Stammtisch in der DJK-Gaststätte in Niederwerrn wird eigentlich nicht über Politik diskutiert. Jetzt in der heißen Phase des Präsidentschaftswahlkampfs ist aber schon Thema, wer wohl das Rennen machen wird. Ursula und John Steckmeyer sind sogar nachts aufgestanden, um die erste Debatte zwischen Donald Trump und Joe Biden zu verfolgen. Wenn die Familie zuhause am Tisch sitzt, wird aber nicht über Politik geredet, "weil's sonst nur Streit gibt".  

Seit über 30 Jahren organisiert Charles J. Glover diesen Rentnertreff. Er ist Mittelsmann zwischen den ehemaligen GIs und der US-Garnison Ansbach, die nach dem Abzug der Army aus Schweinfurt jetzt für die "Overseas" hier zuständig ist. Glover hilft auch, Briefwahlunterlagen zu bestellen oder zu verschicken, gibt E-Mail-Informationen weiter und verteilt den "Stars and Stripes", die Zeitung für die US-amerikanische Truppe. "Er ist unser Präsident", sagt Maria Thurau unter dem Beifall der anderen.

Wer wen gewählt hat, darüber wird am Rentner-Stammtisch nicht geredet. "Das ist nicht öffentlich", verweist Charles J. Glover auf das Wahlgeheimnis. Nur Melvin Heinemann bekennt ganz offen: "Ich habe nicht gewählt." Er hält keinen der beiden Kandidaten geeignet für das Präsidentenamt. Trump sei schlecht und Biden zu alt. Mit dieser Äußerung habe er sich keine Freunde gemacht, werde sogar in der eigenen Familie angefeindet.

Es gibt noch mehr "Nicht-Wähler" in der Runde. Manche scheuen den hohen Aufwand für die Registrierung. Andere sagen, die amerikanische Politik beeinflusse ihr Leben hier in Deutschland ja nicht. Alle aber wollen die Wahlnacht am Fernseher verfolgen. Und wie ist ihre Prognose? "I don't know", sagt Charles J. Glover. "Man kann's nicht sagen."

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