Sulzheim

Vertrieben und geflüchtet: "Wir sind an den Schwierigkeiten gewachsen"

Gerhard und Arntrud Ahles sind sich in den Wirren der Nachkriegszeit begegnet und fanden zueinander. Heute leben sie in Sulzheim. Sie erinnern sich an eine bewegende Zeit.
Glückliches Wiedersehen: Arntrud Ahles, geborene Flaschka, als kleines Kind mit ihren Eltern Arnold und Caecilie im Jahr 1947, nachdem Arnold Flaschka nach der Rückkehr aus amerikanischer Gefangenschaft seine Familie, die inzwischen in Lauchdorf bei Kaufbeuren ansässig geworden war, mit Hilfe des Suchdienstes des Roten Kreuzes wiedergefunden hatte.
Foto: Gerhard Ahles (Repro) | Glückliches Wiedersehen: Arntrud Ahles, geborene Flaschka, als kleines Kind mit ihren Eltern Arnold und Caecilie im Jahr 1947, nachdem Arnold Flaschka nach der Rückkehr aus amerikanischer Gefangenschaft seine ...

"Wenn der Zweite Weltkrieg und die Vertreibung nicht gewesen wären, hätten wir uns nie kennengelernt" – Gerhard Ahles schaut seine Frau Arntrud an, während er diesen Satz sagt, in Erinnerung an die Erlebnisse, die im Gespräch mit der Main-Post wieder lebendig werden. Arntrud nickt zustimmend.  Das Ehepaar wohnte heute in Sulzheim. Arntrud Ahels stammt aus Schönbrunn im Kreis Zwittau im Schönhengstgau. Aus dem Frankenland wurden im 13. Jahrhundert Siedler unter anderem dort hin gerufen. Sie kultivierten das Land, bewahrten ihre Sprache, bauten in Erinnerung an ihre fränkische Heimat Gehöfte im fränkischen Stil.

Arntruds Vater Arnold Flaschka, ein Zimmermann, entstammte einem Bauernhof in Rosen, Kreis Leobschütz in Oberschlesien. Arnold und  Cäcilie hatten sich per Brieffreundschaft kennengelernt, 1942 während des Zweiten Weltkriegs heirateten sie bei einem Fronturlaub. Danach wurde Vater Arnold  zum Afrika-Korps versetzt. Mutter Cäcilie verblieb im elterlichen Hof in Schönbrunn, etwa 80 Kilometer von Rosen entfernt. Dort wurde Arntrud 1943 geboren. Ihren Vater sah Arntrud erst im Jahr 1946: er war in englische und dann in amerikanische Gefangenschaft gekommen.  Die dauernde Ungewissheit über seinen Verbleib belastete die Familie, insbesondere die junge Mutter sehr. Für die kleine Arntrud war ihr Opa Alois mütterlicherseits Vaterersatz. Er war im Ersten Weltkrieg als Angehöriger der österreichischen Armee schwer verwundet worden.

Plötzlich sind Millionen von Menschen heimatlos

1946 musste Arntruds Familie ihre Heimat verlassen, entsprechend dem Beschluss der Siegermächte USA, Frankreich, England und Russland, wie etwa 13 Millionen andere Deutsche auch, unter anderem  wurden diese Menschen aus Oberschlesien und dem Sudetenland vertrieben.  Arntruds Großvater Alois, dessen Mutter, seine Frau, seine fünf Töchter und drei Enkel wurden mit einem Vertreibungszug  im Juni 1946 in den Westen gebracht.  Alois' einziger Sohn war 1941 in Russland gefallen.

"Ich habe keine konkrete Erinnerung an diese Zeit – nur dass alles so traurig war", berichtet Arntrud. Ihre Mutter hatte berichtet, dass es ihr "fast das Herz aus dem Leib gerissen habe", als sie die Kühe haben schreien hören, weil sie nicht mehr gemolken wurden, und ihr treuer Hund ihnen noch lange nachgelaufen war, als sie ihr Heimatdorf verließen. Die Vertriebenen wurden den Schilderungen Arntruds Mutter zufolge in  Viehwaggons eingepfercht, es gab kaum etwas zu Essen oder zu Trinken, viele Menschen starben, weil sie diese Strapazen nicht aushielten. Die Toten seien aus den Waggons geholt worden, wenn der Zug - manchmal tagelang - stehenblieb. Schließlich kam der Zug im Juli 1946 in Furth im Wald an, von dort wurden die Vertriebenen meist in Bayern verteilt.

Der eigene Vater: Ein fremder Mann

Im Jahr 1946 wurde der Vater von Arntrud aus amerikanischer Gefangenschaft entlassen. Aber wohin sollte er sich wenden? Er konnte ja nicht mehr in seine Heimat zurückkehren. So gab er den Heimatort seines besten Freundes, den er in der Gefangenschaft gewonnen hatte, als Entlassanschrift an: Pforzheim. Von dort aus begann er die Suche nach seinen Angehörigen, die schließlich erfolgreich war, sodass sich die Familie wieder fand. Wie Arntrud sich erinnert, war sie im Alter von damals drei Jahren nicht freundlich zu ihrem Vater: "Ich mag Dich nicht", soll sie gesagt haben, als sie dem für sie fremden Mann erstmals begegnete.

In Lauchdorf waren die Flüchtlinge in der alten Schule untergebracht. 19 Personen mussten in einem Klassenzimmer wohnen, im ganzen Gebäude gab es nur zwei Klos.

"Bis zum Alter von 13 Jahren schlief ich in einem Zimmer mit meinen Eltern", erinnert sich Arntrud an diese Zeit. Vater Arnold konnte als Zimmermann arbeiten, mit einem alten Fahrrad fuhr er zur 30 Kilometer entfernten Arbeitsstelle.

In Lauchdorf waren die Flüchtlinge nicht sehr willkommen. In ihrer Not sammelten sie die nach der Ernte liegengebliebenen Ähren und die Kartoffeln, die die Bauern bei der Ernte übersehen hatten. Der Pfarrer hat den Schilderungen Arntrud Ahles zufolge seine Abneigung gegen die Flüchtlingskinder unverhohlen gezeigt: "Die Verbrecherkinder bleiben stehen" – dieser "Begrüßungssatz" des Ortsgeistlichen zu Beginn eines Gottesdienstes brennt Arntrud bis heute in der Seele. Als sich Arntrud, damals etwa zehn Jahre alt, auf einem Spaziergang nach einem gefallenen Apfel bückte,  fuhr sie eine Bäuerin an: "Lass diese Äpfel liegen, unsere Säue fressen die auch gern." Beim Gottesdienst bekamen die Vertriebenen keinen Platz in der Kirchenbank, sie mussten stehen. Arntruds 90-jährige Uroma betete von da an nur noch an Feldkreuzen, sie prägte den Ausspruch: "Wenn es einen Herrgott gibt, so sieht er mich auch hier und kennt mich."

Begegnung auf der Arbeit

Arntrud erlernte den Beruf einer Kontoristin und war als Sekretärin bei der IHK Esslingen und später bei der Technischen Schule der Luftwaffe 1 in Kaufbeuren angestellt. Im Januar 1961 kam der Soldat und Schüler Gerhard Ahles häufig bei ihr im Büro vorbei, um Kreide für den Tafelanschrieb zu holen. Schließlich wurde es Arntrud zu bunt, und sie fragte ihn: "Fresst ihr die Kreide – oder warum braucht ihr so viel davon?". So sehr um die Kreide ging es dem jungen Mann aber gar nicht: "Ich komme vorbei, weil ich Dich treffen will", sagte er damals. Das war der Beginn der Beziehung, die ohne den Krieg und die damit verbundenen Vertreibungen wohl nie zustande gekommen wäre. Im Dezember 1962 läuteten dann die Hochzeitsglocken im Allgäu.

Urlaubsfoto des Ehepaares Arntrud und Gerhard Ahles aus Sulzheim: 'Wenn der zweite Weltkrieg und die Vertreibung nicht gewesen wären, hätten wir uns nie kennengelernt', sagen die beiden.
Foto: Gerhard Ahles (Repro) | Urlaubsfoto des Ehepaares Arntrud und Gerhard Ahles aus Sulzheim: "Wenn der zweite Weltkrieg und die Vertreibung nicht gewesen wären, hätten wir uns nie kennengelernt", sagen die beiden.

"Ich stamme aus einer Soldatenfamilie und war selbst Soldat" beschreibt Gerhard Ahles (79) seine  Familiengeschichte. Er habe  - im Gegensatz zu seiner Frau – seine Heimat nie verlassen müssen. Urgroßvater und Großvater waren Gendarmen in Sulzheim und München. Gerhards Onkel Otto war Batteriechef bei der Artillerie in Würzburg. Er überzeugte Gerhards Ahles Vater Willy davon, sich bei der Wehrmacht zu bewerben, es bestünden gute Aussichten, dass er eine Ausbildung zum Fahrlehrer machen könnte, die damals dringend gebraucht wurden. 1939 kam Willy Ahles an die Front in Polen, seine Einheit wurde beschossen, er erlitt eine starke Schädigung der Augen. Trotz vieler Operationen blieben lediglich auf einem Auge  zehn Prozent der Sehkraft erhalten. Schwerkriegsbeschädigt schied er 1941 aus der Wehrmacht aus, wie es Gerhard Ahles erzählt. Aus jetziger Sicht rettete diese Verwundung Willy vermutlich das Leben, denn von der sechsten Armee, von der seine Einheit  in Stalingrad eingesetzt war, kehrten nur zwei seiner Kameraden zurück.

"Dieses Handicap unseres Vaters hat unser Leben stark bestimmt", sagt Gerhard Ahles. Er fand eine Anstellung bei der Firma VKF in der Verwaltung, später in der SKF übernahm er Botengänge und bediente einen Lastenaufzug.  Er litt sehr unter seiner Behinderung, denn als ehemaliger Spieß, der viele organisatorische Aufgaben zu bewältigen hatte, war er mit seiner neuen Tätigkeit permanent unterfordert.

Zerwürfnis mit dem Pfarrer

Im Jahr 1947 trifft Willy Ahles bei seiner Verhandlung zur Entnazifizierung den ehemaligen Prokuristen bei der VKF, einen Halbjuden, als Vorsitzenden der Spruchkammer wieder. Dieser hatte Gerhards Vater öfter mit seinem Auto von Gerolzhofen kommend mit zur Arbeit genommen, weil die Bahnlinie durch Fliegerangriffe zerstört war. Pfarrer Sterzinger hatte ihn als Zeuge der Anklage belastet mit der Aussage, dass er aktiv bei  der NSDAP tätig gewesen sei. Das Ergebnis der Verhandlung: Einstellung des Verfahrens aufgrund der Weihnachtsamnestie, die Kosten übernimmt die Staatskasse. Das aus dieser Verhandlung resultierende Zerwürfnis zwischen Pfarrer Sterzinger und Willy Ahles blieb bis in die sechziger Jahre bestehen. Erst dann versöhnten sich die beiden., erinnert sich Gerhard Ahles.

Willy Ahles übernahm trotz seiner Sehbehinderung viele Aufgaben im öffentlichen Leben von Sulzheim, er organisierte viele Feste, war Mitbegründer des Kriegervereins Sulzheim und lange Jahre dessen zweiter Vorsitzender. Darüber hinaus war er Gründungsvorsitzender des Gesangvereins und Vorsitzender des örtlichen VdK. "Meine Mutter trug dieses soziale Engagement meines Vaters mit", erinnert sich Gerhard. Sie las ihm alle  Schriftstücke vor, die für seine vielen Aufgaben wichtig waren. Trotz seiner großen Sehschwäche war Willy sehr engagiert. "Er ließ sich nicht hängen", berichtet Gerhard Ahles über seinen Vater.

Rückkehr nach Sulzheim

Von 1955 bis 1959 erlernte Gerhard Ahles in der Lehrwerkstatt der SKF den Beruf des Maschinenschlossers. Nach kurzer Tätigkeit in der Messzeugabteilung begann er 1960 seinen Dienst als Soldat auf Zeit im Fluganwärterregiment Uetersen. Die Technische Schule der Luftwaffe in Kaufbeuren, wo er seine Frau Arntrud kennenlernte, und das Jagdgeschwader 74 Neuburg/Donau waren weitere Stationen seiner militärischen Laufbahn. Sein Traum, Pilot zu werden, ließ sich nicht realisieren. 1964 verließ er die Bundeswehr und absolvierte am Technischen Lehrinstitut Stuttgart den Maschinenbautechniker. 1967 bewarb sich Gerhard bei der SKF, weil sich sein Vater wünschte, dass Gerhard mit seiner Frau ins Elternhaus zurückkehrt. Der Vater war auf die Unterstützung des jungen Paares angewiesen. Gerhard arbeitete bei SKF bis zu seinem Ruhestand im Werkstofflabor, in der Prüfgeräteentwicklung und  in der Schadensbearbeitung. Arntrud kümmerte sich um die drei Kinder und das Haus.  

Rückblickend sind sich Arntrud und Gerhard einig: "Wir hatten es beide nicht einfach, aber wir sind an den Schwierigkeiten, die wir zu bewältigen hatten, gewachsen – und zusammengewachsen. Heute sind wir dankbar, dass es uns so gut geht und wir in Frieden miteinander leben können. Es gilt, wachsam zu sein und unsere Demokratie zu schützen. Unseren Kindern, Enkeln und und dem Urenkel haben wir dies aus unseren Erfahrungen heraus gelehrt."

Die junge Arntrud auf dem Arm ihrer Tante Wilma bei der Ankunft des Flüchtlingszuges in Furth im Wald: Arntrud Ahles zeigt auf dieses Bild, das im Rahmen der Wanderausstellung 'Woher- Wohin' des Bezirks Unterfranken zu sehen ist. Diese Ausstellung war bis vor Kurzem im Museum Schloss Aschach zu sehen, nun wird die Ausstellung vom 1. September bis zum 30. Oktober im Alten Rathaus in Schweinfurt gezeigt. 
Foto: Gerhard Ahles (Repro) | Die junge Arntrud auf dem Arm ihrer Tante Wilma bei der Ankunft des Flüchtlingszuges in Furth im Wald: Arntrud Ahles zeigt auf dieses Bild, das im Rahmen der Wanderausstellung "Woher- Wohin" des Bezirks Unterfranken ...
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