Würzburg

13.000 neue Pflegestellen: Was kommt davon in der Region an?

Tausende Stellen hat Minister Jens Spahn im Kampf gegen den Pflegenotstand versprochen. Macht sich das in Unterfranken bemerkbar? Und: Gibt's dafür überhaupt Personal?
Seit Januar 2019 können stationäre Pflegeeinrichtungen zusätzliche Stellen beantragen. Nur: Personal dafür ist kaum zu finden.
Foto: Oliver Berg, dpa | Seit Januar 2019 können stationäre Pflegeeinrichtungen zusätzliche Stellen beantragen. Nur: Personal dafür ist kaum zu finden.

Mit 13 000 zusätzlichen Stellen will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gegen den Notstand in der Altenpflege angehen. In der Region ist davon allerdings bislang nichts zu spüren. "Etliche unserer Einrichtungen haben einen Antrag auf zusätzliche Stellen gestellt", sagt Sonja Schwab, Fachbereichsleitung Gesundheit und Alter beim Caritas Diözesanverband Unterfranken. "Noch haben wir keinen Cent gesehen." Die Antragstellung sei enorm aufwendig, "man hat das Gefühl, es wird einem schwer gemacht." Hinzu kommt: Personal für die zusätzlichen Stellen zu finden, ist fast unmöglich – der Markt an Fachkräften ist leer.

Der Bundestag hatte mit Blick auf den Pflegemangelim Herbst das sogenannte Pflegepersonal-Stärkungsgesetz beschlossen. Seit 1. Januar 2019 können stationäre Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser demnach mehr Pflegepersonal einstellen. Geplant sind 13 000 neue Stellen bundesweit in der Altenpflege, zudem soll jede zusätzliche Pflegekraft im Krankenhaus von den Kassen finanziert werden.

13 000 zusätzliche Stellen hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bundesweit für die Altenpflege versprochen. Reicht das?
Foto: Carsten Koall, dpa | 13 000 zusätzliche Stellen hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bundesweit für die Altenpflege versprochen. Reicht das?

Wie viele Stellen so seit Jahresbeginn geschaffen oder aufgestockt wurden, ist unklar. "Dazu liegen uns noch keine Daten vor", heißt es auf Anfrage aus dem Bundesgesundheitsministerium. Vorgesehen sei, dass Kliniken und Pflegeeinrichtungen das zusätzliche Personal zunächst einstellen und dafür dann die Gelder bei den Kranken- und Pflegekassen beantragen.

So hätten es viele der 50 vollstationären Alten- und Pflegeeinrichtungen, die an den Caritas-Diözesanverband in Unterfranken angeschlossen sind, bereits getan, sagt Fachbereichsleiterin Sonja Schwab. Auf eigene Kosten. Was das Personal betrifft, ist sie zuversichtlich, dass bald Geld von der Pflegekasse fließt. Die Bürokratie dahinter bleibe jedoch an den Heimen hängen. Das belaste, denn "jede kleine Änderung im Zusammenhang mit der zusätzlichen Stelle muss gemeldet werden".

"Das Gesetz ist zwar wunderbar gedacht, geht aber an der Realität vorbei."
Volker Göbel, Geschäftsbereichsleiter stationäre und teilstationäre Altenhilfe Diakonie Schweinfurt

Im Würzburger Bürgerspital beschäftigt man sich ebenfalls mit einem Antrag auf zusätzliche Pflegestellen. Ob dieser Erfolg haben werde, sei noch nicht absehbar, teilt die Leitende Stiftungsdirektorin Annette Noffz auf Anfrage mit. Generell sieht sie Spahns Zusicherungen trotz des positiven Ansatzes kritisch: Es lasse sich leicht versprechen, "die Einstellung von zusätzlichem Personal finanziell zu unterstützen, wenn seit langem bekannt ist, dass auf dem Arbeitsmarkt der ausgebildeten Pflegekräfte Tausende fehlen".

Damit langfristig mehr junge Menschen in die Pflege gingen, müsse das Image des Berufs verbessert werden, fordern Experten.
Foto: Markus Scholz, dpa | Damit langfristig mehr junge Menschen in die Pflege gingen, müsse das Image des Berufs verbessert werden, fordern Experten.

Das Gesetz sei somit zwar "wunderbar gedacht, geht aber an der Realität vorbei", sagt Volker Göbel, Geschäftsbereichsleiter stationäre und teilstationäre Altenhilfe bei der Diakonie Schweinfurt. "95 Prozent der Einrichtungen kämpfen damit, überhaupt Fachkräfte zu bekommen, um den vorgegebenen Schlüssel zu erfüllen". Die Diakonie Schweinfurt, zu der fünf stationäre Einrichtungen in und um Schweinfurt gehören und die zudem die Geschäftsleitung für zwei Häuser in Kitzingen übernommen hat, habe deshalb bisher keine der 13 000 zusätzlichen Stellen beantragt.

"Seit Ende 2018 bemühen wir uns, geeignete Bewerber zur Besetzung dieser Zusatzstellen zu finden – leider bisher ohne Erfolg."
Walter Herberth, Leiter der Stiftung Juliusspital

Schon die vorhandenen Stellen in der Pflege zu besetzen werde "zunehmend schwieriger", bestätigt Walter Herberth, Leiter der Stiftung Juliusspital. Dem Würzburger Seniorenstift stünden nach der gesetzlichen Regelung nun zwei zusätzliche Fachkraftstellen zu. Das Problem: "Seit Ende 2018 bemühen wir uns, geeignete Bewerber zur Besetzung dieser Zusatzstellen zu finden – leider bisher ohne Erfolg."

Auch bei der Caritas gebe es teilweise Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen, sagt Fachbereichsleiterin Schwab. Vor allem in den Haßbergen, aber auch im Raum Würzburg oder in der Rhön ließen sich momentan kaum Fachkräfte finden.

Die Finanzierung von 13 000 zusätzlichen Altenpflegestellen alleine reiche somit nicht aus, sagt Juliusspital-Leiter Herberth. "Geld pflegt nicht." Wichtig ist aus seiner Sicht, dass langfristig mehr Menschen in die Pflege gehen. Dass das Image des Berufs verbessert wird. Und dass nicht mit neuen Gesetzen – wie eben dem Pflegepersonal-Stärkungsgesetz oder auch Verordnungen zu Personaluntergrenzen in Krankenhäusern – "ein neues Bürokratiemonster" entstehe. Das löse sonst zunächst den "Abzug von dringend am Bett benötigten Pflegekräften an die Schreibtische" aus.

Kampf gegen den Pflegenotstand
Reichen Spahns Versprechen? Franz Wagner, Präsident des Deutschen Pflegerates, fordert insgesamt 100 000 Stellen für die Pflege zusätzlich. Allerdings ist der Arbeitsmarkt leer gefegt. Fünf Monate dauere es heute, eine freie Stelle zu besetzen.
Die Regierung will mit der Konzertierten Aktion Pflege gegensteuern. Arbeitgeber, Kassen, Verbände und Gewerkschaften sollen in fünf Bereichen bis Juni Vorschläge vorlegen. Bereits klar ist: Unter anderem durch die Einführung einer Ausbildungsvergütung soll die Zahl der Azubis bis 2023 um zehn Prozent steigen. Umschulungen und die Zurückgewinnung ausgeschiedener Pflegekräfte kämen dazu, so Familienministerin Franziska Giffey (SPD).
Bei der Bezahlung pocht die Regierung auf höhere und einheitliche Einkommen in der Pflege und bessere Arbeitsbedingungen per Tarifvertrag. Problem: Die Arbeitgeber haben noch keinen Verband, der mit den Gewerkschaften verhandeln könnte. (dpa/sp)
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