Würzburg

Als das Stadttheater Fromm spielte

Der Würzburger Violinist und Pianist Kolja Lessing erforscht Komponisten in der Zeit des Nationalsozialismus und bringt ihre Werke in die Konzertsäle. Dafür bekommt er nun das Bundesverdienstkreuz.

Eine Folgerung aus seinem persönlichen Schwerpunkt ist die Beschäftigung mit jüdischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Aus dem großen Fundus seiner Kenntnis kann er wohl recht leicht ein Programm mit jüdischen Komponisten mit Bezug zu Würzburg zusammenstellen. Eben ein solches führte er am Donnerstag in der Reihe "Klangraum" im Kulturspeicher-Foyer auf.

Extreme stilistische Spannweite

Einen Programmpunkt hat er sogar selbst geschaffen. Nicht als Komponist, obwohl er auch etliche Werke schrieb. Aber Lessing hat in seiner Zeit als Violinlehrer an der Würzburger Musikhochschule einmal Berthold Goldschmidt zu einem Interpretationskurs an den Main eingeladen, und diesem selbstgemachten Würzburgbezug verdankte sich am Donnerstag Goldschmidts Klavier-Capriccio op. 11 auf der Titelliste. Das äußerst rasante akustische Porträt einer jungen Frau des Jahres 1927 kontrastierte enorm mit dem vorhergehenden Programmpunkt: drei liturgische Gesänge, die Herbert Fromm 1946 für die liberale Synagoge von Boston geschrieben hatte. 16 Jahre war Fromm noch das junge Talent gewesen, das am Würzburger Stadttheater Bühnenmusik schrieb und dirigierte.

Der Abend brachte eine extreme stilistische Spannweite, die durch dreierlei strukturiert wurde. Einmal durch die Geschichten, die Kolja Lessing zu den 28 Werken dieses Konzerts erzählte. Die handelten keineswegs vorneweg von Flucht und Exil. Diese politische Erfahrung blieb meist im Hintergrund. Vor allem vermittelte Lessing, welch eine Herzensangelegenheit vielen Musikern das Komponieren ist.

Genau so schön die zweite Klammer um dieses Foyerkonzert: elf Kurzkompositionen von Ursula Mamlok, die im Unteren Frauenland von Würzburg aufwuchs, über eine Flucht nach Ecuador als sehr junge Frau nach New York kam und dort das Komponieren lernte. In den letzten zehn Jahren bis zu ihrem Tod 2016 arbeitete sie viel mit Lessing zusammen: Er versuchte möglichst viele Stücke der moderaten Neutönerin ins Repertoire zu bringen; sie bemühte sich so oft wie möglich bei Aufführungen ihrer Konzerte persönlich anwesend zu sein. Das Konzert "Jüdische Komponist*innen in Würzburg – eine klingende Spurensuche" wurde dann auch unterstützt von der Dwight und Ursula Mamlok Stiftung.

Rechnung ohne die Akustik gemacht

Das dritte zusammenhaltende Element dieses Abends hatte eine gewisse Sprengkraft. Christina Töws sang zehn Lieder mit zunehmender Intensität. Allerdings hatte diese Steigerung ihre Rechnung ohne die hundsgemeine Akustik in der beton-ausgegossenen Speicherhalle am Hafenbecken gemacht. Schon die erwähnten Tempelgesänge Fromms lieferten einen dynamisch fragwürdigen Start. Besonders ihre Kopfstimme schien der Mezzosopranistin rasch in ein unkontrolliertes Fortissimo zu entgleiten. Diese Momente vermehrten sich bei den späteren vokalistischen Programmpunkten. Die würden, verriet der Programmzettel, mit Heinrich Schalits Dauthendey-Vertonungen "für hohe Singstimme" enden. Da wartete also die vollverhallte Urkraft der hingegebenen jungen Sängerin Töws. So stieg die Spannung. So kam es auch. So endete der ungemein aufschlussreiche Abend, an dem übrigens kein einziger irgendwie klezmer-artiger Akkord ertönte, etwas anstrengend.

Der nächste ganz große Auftritt Kolja Lessings steht schon fest: Er spielt am 27. Januar im Berliner Bundestag zur Feier "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland".

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