Würzburg

Corona steigert die Tierliebe:"Ist noch ein Hund frei?"

In der Lockdown-Zeit wollen immer mehr Leute einen Hund. Von "irrsinniger Nachfrage" spricht eine Züchterin. Wie stehen in der Region die Chancen auf einen Tierheim-Hund?
'Püppi' mit Frauchen: In der Coronazeit ist die Nachfrage nach Hunden laut Zuchtverband und Tierheim-Sprechern 'irrsinnig groß'. 
Foto: Jens Büttner, dpa | "Püppi" mit Frauchen: In der Coronazeit ist die Nachfrage nach Hunden laut Zuchtverband und Tierheim-Sprechern "irrsinnig groß". 

Kurzarbeit, Homeoffice, Einsamkeits-Anfälle und ziemlich viel Zeit: Während des Lockdowns kommen immer mehr Menschen auf den Hund. Weit mehr Leute als sonst fragen in den Tierheimen der Region an, ob sie einen Vierbeiner mitnehmen oder wenigstens mit ihm spazieren gehen können: "Die Bereitschaft, mit den Hunden Gassi zu gehen, ist sehr groß aktuell“, sagt etwa Silke Walther vom Tierheim in Kitzingen.

Gerade jetzt im Corona-Lockdown sei die Zahl der Interessenten manchmal größer als die Zahl der Vierbeiner. "Ist noch ein Hund frei?“, ist deshalb ein oft gehörter Satz im Kitzinger Tierheim. Was braucht der Hundefreund, der sich fürs Gassigehen anbietet? "Personalausweis und Gassi-Vertrag“, sagt Silke Walther. Solche Gassi-Verträge sind nicht unüblich: In den meisten Tierheimen müssen die Gassigeher ihre Personalien hinterlegen und  sich mit ihrer Unterschrift etwa verpflichten, beim Ausführen der Hunde den Anweisungen der Tierpfleger Folge zu leisten oder stets auf dem Handy erreichbar zu bleiben.

Zu einem "Gassigeh-Seminar" kommen in Schwebheim hundert Leute

Nicht nur in Kitzingen reißen sich in der Corona-Zeit die Leute darum, mit einem schwanzwedelnden Vierbeiner an der Leine mal ein paar Stunden aus dem Haus rauszukommen. Auch im Würzburger Tierheim am Elferweg wird beim Gassigehen um den Wunschhund gewetteifert. Und im Schwebheimer Tierheim (Lkr. Schweinfurt) erschienen zu einem "Gassigeh-Seminar“ zuletzt sage und schreibe rund hundert Leute. Schwebheims Tierheim-Leiterin Christina Herrmann berichtet von einem oft gehörten Satz während der Lockdown-Zeit im Frühjahr, den sie so nicht kannte: "Kann ich mir einen Hund ausleihen?“.

"Die Leute haben gedacht, wir leihen ihnen einen Hund für ein paar Monate aus und sie können ihn zurückbringen, wenn das Homeoffice zu Ende ist“, berichtet Herrmann. "Sicher in der Annahme, sie täten uns damit einen Gefallen.“ Aber auch wenn die Tierheimleiterin den Wunsch nach einem Tier auf Zeit während Corona durchaus nachvollziehen kann, gibt sie keine Leih-Hunde heraus: "Das wäre für das Tier zu arg. Da müsste es sich eingewöhnen bei seinem neuen Herrchen und kaum, dass es sich eingewöhnt hat, würde es wieder zurückgebracht.“ Man wolle ein Tier  gut und möglichst dauerhaft vermitteln.

'Wir müssen neue Hundebesitzer erst kennenlernen, bevor wir ein Tier abgeben. Hund und Halter müssen ja zusammenpassen', sagt Tierpfleger Maxim Jochim, der im Würzburger Tierheim am Elferweg arbeitet.  
Foto: Daniel Peter | "Wir müssen neue Hundebesitzer erst kennenlernen, bevor wir ein Tier abgeben. Hund und Halter müssen ja zusammenpassen", sagt Tierpfleger Maxim Jochim, der im Würzburger Tierheim am Elferweg arbeitet.  

Tatsächlich sind die Anforderungen, die unterfränkische Tierheime bei der dauerhaften Vermittlung von Hunden an zukünftige Besitzer stellen, recht hoch. Daran ändert auch die Pandemie nichts. Maxim Jochim, Tierpfleger und Sprecher des Würzburger Tierheims am Elferweg, erzählt etwa von einer jungen Frau, die gerade angerufen habe. Weil sie jetzt im Homeoffice sei, wolle sie gerne einen Hund. Auch nach der Corona-Zeit werde sie weiter von zu Hause aus arbeiten, der Hund sei tagsüber also nie allein.

Vor- und Nachkontrolle der Hundehalter sind bei den meisten Tierheimen üblich

Diese Auskunft allein reichte dem Tierheim nicht: "Wir haben die junge Dame gebeten, eine Bescheinigung ihres Arbeitgebers über Fortführung des Homeoffices beizubringen“, sagt Jochim. "Und wir müssen sie kennenlernen; Hund und Halterin müssen zueinander passen.“ Vor einer Hunde-Vermittlung prüfe das Würzburger Tierheim beispielsweise, ob ein Tier genügend Platz und Auslaufmöglichkeiten in seinem neuen Heim bekomme. Und, so Jochim, "zu hundert Prozent“ gebe es dort auch eine Nachkontrolle. 

Im Bild Labrador-Mischlinge, die das Tierheim Schwebheim vor einiger Zeit versorgt hat.
Foto: Christina Herrmann | Im Bild Labrador-Mischlinge, die das Tierheim Schwebheim vor einiger Zeit versorgt hat.

Auch im Schwebheimer Tierheim wird ein Hundebesitzer in spe auf Herz und Nieren geprüft, bevor er etwa die "sehr liebe Mischlingshündin Dunja", den "anhänglichen“ Retriever-Mischling Don" oder die "ängstliche" Chihuahua-Dame Maja" mit nach Hause nehmen kann. "Wir wollen sicherstellen, dass der künftige Hundehalter weiß, worauf er sich einlässt“, sagt Tierheimleiterin Herrmann. So frage man die Interessenten etwa nach ihrem "Langzeitplan“ und fordere sie auf, sich darüber Gedanken zu machen, wer sich etwa im Urlaub, bei Krankheit oder Trennung um das Tier kümmere.

Man bitte die Antragsteller auch, ihre Finanzen ehrlich einzuschätzen. "Der Unterhalt einer Katze kostet 30 bis 50 Euro im Monat. Bei Hunden ist es mehr, schon allein wegen der Hundesteuer“, sagt Herrmann. Nicht alle Interessenten würden diese doch  intensive Nachfragerei gutheißen. Erfülle der Hundebewerber nicht die Anforderungen, die das Tierheim stelle, gebe es manchmal schon böses Blut.

Züchter erleben riesige Nachfrage, wollen und können sie aber nicht zur Gänze befriedigen

Auch bei Züchtern ist es aktuell schwierig, einen Hund zu bekommen. Die Nachfrage während der Pandemie sei  "irrsinnig groß“, sagt Marianne Ruß, Vorsitzende des Landesverbands Bayern für das Hundewesen. Ihr Verband VDH vertritt die geprüften Hundezüchter, die mit "den strengsten Zuchtbedingungen weltweit" daran gewöhnt sind, dass ihre Vierbeiner vor der Zucht einem Zuchtrichter vorgeführt werden.  Auch wenn der Wunsch nach Vierbeinern während Corona weit größer ist als sonst, wird er durch die Verbandszüchter also nur teilweise befriedigt. Die im Verband organisierten Züchter, sagt Ruß, könnten und wollten den erhöhten Bedarf nicht decken. Was dann?

Dackel bei der Zuchtschau: Die meisten Züchter in Bayern sind im Landesverband Bayern für das Hundewesen (VDH) organisiert. 
Foto: Gudrun Klopf | Dackel bei der Zuchtschau: Die meisten Züchter in Bayern sind im Landesverband Bayern für das Hundewesen (VDH) organisiert. 

"Die Leute kaufen dann halt bei den Schwarzzüchtern“, seufzt Ruß. Die züchteten zwar gewerblich, seien aber nicht im Verband und hätten das Gewerbe manchmal nicht angemeldet. Manche Schwarzzüchter, klagt Ruß, scherten sich nicht darum, dass ein Tier vor Zuchtbeginn mindestens 20 Monate alt und völlig gesund sein müsse, also etwa keine Hüftgelenksdysplasie haben dürfe. "Die Schwarzzüchter, die verkaufen gerade en masse“, sagt Ruß.

Meist würden die Tiere über das Internet verkauft. "Der Käufer weiß dann nicht, ob der Hund, den er kauft, auch wirklich gesund ist", warnt die Verbandsvorsitzende. Ihre Befürchtung: dass ein großer Teil der jetzt schnell gekauften Hunde, die die aktuelle Corona-Einsamkeit und Langweile ihrer Besitzer lindern sollen, letztlich nach der Pandemie wieder im Tierheim landen.

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