Würzburg

Corona und Krebs: "Das Schlimmste war, dass niemand dich umarmt hat"

Vorsorge-Termine werden verschoben, Behandlungen von Krebserkrankungen zu spät begonnen, warnen Experten. Wie aber erleben Tumorpatienten aus der Region die Pandemie?
Für Julia Adam war nicht die Angst vor Corona das Schlimmste während ihrer Krebstherapie im Frühjahr – sondern die Einsamkeit, die fehlende Nähe.
Foto: Katharina Mützel | Für Julia Adam war nicht die Angst vor Corona das Schlimmste während ihrer Krebstherapie im Frühjahr – sondern die Einsamkeit, die fehlende Nähe.

Es war nicht die Angst vor dem Virus, nicht die Furcht vor einer Ansteckung. "Das Schlimmste während der Krankheit war, dass einen niemand in den Arm nehmen konnte", sagt Julia Adam. Alle hätten sie vor Corona schützen wollen. Doch der tröstende Körperkontakt, die Nähe fehlte: "Wenn es einem richtig dreckig geht und man nur telefonieren kann, das ist hart."

Die 39-jährige Arzthelferin und Mutter hat Lymphknotenkrebs, das sogenannte Mantelzell-Lymphom. Unheilbar. Im November 2019 bekam Julia Adam die Diagnose, die ihr bisheriges Leben "zerschmetterte". Anfang des Jahres begann sie mit der Behandlung an der Würzburger Uniklinik, kurz nach dem ersten Geburtstag ihres Sohnes. Alle drei Wochen Chemo, später dann Stammzelltherapie - mitten in der Hochphase der Corona-Pandemie.

Arztbesuche wurden verschoben, Behandlungen zu spät begonnen

Aber auch als die Infektionszahlen in die Höhe schnellten, Kliniken im Katastrophenmodus arbeiteten und der Lockdown beschlossen wurde, war für Julia Adam klar: "Ich mache weiter." Keine Sekunde habe sie daran gedacht, mit den Behandlungen aufzuhören. Nie sei sie mit Angst ins Krankenhaus gefahren. "Alle waren vermummt, jeder hat auf Abstands- und Hygieneregeln geachtet, das hat mir Sicherheit gegeben". Auch im Alltag habe sie keine Panik vor einer Ansteckung gehabt. "Mir ging es so schlecht, dass ich sowieso nichts unternommen habe." Der Kampf gegen den Krebs ließ kaum Kraft für Sorgen wegen Corona.

Auch während der ersten Hochphase der Corona-Pandemie habe sie 'keine Sekunde daran gedacht, mit den Behandlungen aufzuhören', sagt Julia Adam.
Foto: Helmuth Ziegler / Uniklinikum Würzburg | Auch während der ersten Hochphase der Corona-Pandemie habe sie "keine Sekunde daran gedacht, mit den Behandlungen aufzuhören", sagt Julia Adam.

Wer sich im Frühjahr allerdings unwohl fühlte, erste Beschwerden spürte und eigentlich eine Diagnose gebraucht hätte, der schreckte oft vor einem Arztbesuch zurück. Zu Vorsorgeuntersuchungen seien deutlich weniger Patienten gekommen, sagt Professor Hermann Einsele von der Uniklinik Würzburg. Und viele Betroffene hätten erst im fortgeschrittenen Stadium den Weg in die Klinik gewagt. Behandlungen konnten so nur verspätet begonnen werden, sagt der Krebsmediziner. Auch Kontrollen seien oft ausgelassen worden. Zum Teil sähen die Ärzte heute Krebspatienten "mit Komplikationen, die wir vorher seit Jahren nicht mehr gesehen haben".

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Das macht auch Professor Stephan Kanzler, Hämato-Onkologe und Chefarzt der Medizinischen Klinik 2 am Leopoldina Krankenhaus in Schweinfurt, Sorgen. Vor allem während der ersten Pandemie-Monate habe bei den Patienten große Unsicherheit geherrscht, Termine seien "im großen Stil" abgesagt worden. In der Diagnostik habe es Einbrüche um bis zu 80 Prozent gegeben, sagt Kanzler. "Patienten sagten sich, das wird schon werden – und das hat dazu geführt, dass wir jetzt leider verschleppte Diagnosen sehen." Ein halbes Jahr sei "für eine Krebserkrankung eine lange Zeit".

"Wenn es einem richtig dreckig geht und man nur telefonieren kann, das ist hart."
Julia Adam, Krebspatientin

Die Scheu vor den Krankenhäusern war und ist aus Sicht der Experten unbegründet. Es werde alles getan, um Infektionen zu verhindern. "Da ist sicherlich ein Klinikaufenthalt nur zu einem Bruchteil so riskant wie ein Friseuraufenthalt", sagt Kanzler. In den vergangenen Wochen habe sich die Situation zwar gebessert, Vorsorge finde wieder stärker statt. Er hoffe, dass nicht die neue Welle von Infektionen erneut Angst schüre, sagt der Chefarzt: "Wir müssen aufpassen, dass nicht die Krebssterblichkeit durch die verschleppten Fälle ansteigt."

Krebspatienten waren in der Krise zum Teil ganz auf sich alleine gestellt

Julia Adam hat trotz Corona-Krise keine Behandlung verpasst. Auch dann nicht, als ihr Mann sie nicht mehr in die Klinik bringen durfte und als sie ihren kleinen Sohn wegen der Ansteckungsgefahr nicht mehr zu ihrer Schwester oder den Eltern geben konnte. "Wir waren komplett auf uns alleine gestellt, das war heftig."

Chemo und Stammzelltherapie hat die 39-Jährige mittlerweile überstanden, ihr Immunsystem aber ist und bleibt geschwächt. Trotzdem gehe sie wieder nach draußen, "sonst drehe ich durch". Aber immer gilt: Vorsicht, Abstand halten, keine Berührungen, keine echte Nähe. "Das setzt mir heute noch zu."

"Am Anfang war es verstörend", sagt auch Wolfgang Schäfer. Mit Beginn der Corona-Pandemie habe er alle Kontakte stark eingeschränkt, auch die Söhne und der Enkel kamen nicht mehr zu Besuch. Zu groß war das Risiko für den 69-Jährigen, der 2004 die Diagnose Krebs bekam: Multiples Myelom, eine Art von Blutkrebs, bei dem auch die Knochen angegriffen werden.

Wolfgang Schäfer (rechts) hat nach seiner eigenen Krebsdiagnose eine Selbsthilfegruppe gegründet. Das Archivbild zeigt ihn im Gespräch mit dem Onkologen Hermann Einsele von der Uniklinik Würzburg.
Foto: Archivbild: Obermeier | Wolfgang Schäfer (rechts) hat nach seiner eigenen Krebsdiagnose eine Selbsthilfegruppe gegründet. Das Archivbild zeigt ihn im Gespräch mit dem Onkologen Hermann Einsele von der Uniklinik Würzburg.

Monatelang wurde Schäfer damals in der Würzburger Uniklinik behandelt, erfolgreich. Bis vor knapp zwei Jahren. In der Weihnachtszeit trat die Krankheit wieder auf. Der pensionierte Lehrer kämpfte sich erneut durch die Therapien. Heute gehe es ihm gut, sagt Schäfer. Regelmäßig muss er zu Kontrolluntersuchungen, das Coronavirus habe ihn von diesen Terminen nie abgehalten: "Ich bin immer hingegangen und gehe weiter hin".

Wie gefährlich ist Corona für Krebspatienten?

Auch zu Hause, im Odenwald, habe er sich nicht eingeigelt. Er lebe mit "gesunder Vorsicht" weiter und gehe zum Spazieren oder zum Einkaufen "lieber früh am Morgen, wenn wenig los ist". Komme jemand ohne Maske zu ihm zum Besuch meine, die Regeln seien überflüssig – "da sage ich schon: das geht so nicht". Auch innerhalb der Familie werde weiter genau auf die Hygieneregeln geachtet.

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Der 69-Jährige hat nach seiner eigenen Erkrankung die Selbsthilfegruppe Multiples Myelom Würzburg gegründet. Manche seiner Mitpatienten hätten in der Corona-Hochphase die Klinik gemieden, einige waren unsicher, sagt Schäfer. "Ich habe immer gesagt: hingehen!" Normalerweise traf sich die Gruppe etwa alle sechs Wochen. Seit Corona ist das vorbei. Jetzt wird telefoniert und per Mail Kontakt gehalten, es gibt Video-Konferenzen und Online-Vorträge von Ärzten.

Den persönlichen Austausch ersetzen könne das nicht, sagt Schäfer. "Eine Selbsthilfegruppe lebt vom Kontakt und vom Trösten." Vor allem neu Diagnostizierte "stehen oft vor einer Wand". Gespräche mit "Langzeitüberlebenden" wie ihm könnten manchmal helfen. "Mir geht es so gut, ich will etwas zurückgeben – und auch etwas für andere tun."

"Ich habe immer gesagt: hingehen!"
Krebspatient Wolfgang Schäfer zu der Angst vor Klinikbesuchen in Corona-Zeiten

Schäfer hofft, dass persönliche Treffen bald wieder möglich sein werden. Angesichts der steigenden Infektionszahlen sei das im Moment zu gefährlich, "da einige doch ein sehr stark geschwächtes Immunsystem haben". Aber: "Wir werden das weiter machen, vielleicht auch erst nach einer Impfung". Aufgeben, sagt Wolfgang Schäfer, würde er nie.

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Bleibt die Frage: Wie groß ist eigentlich die Corona-Gefahr für Krebspatienten? Für ein erhöhtes Ansteckungsrisiko gibt es nach Angaben des Krebsinformationsdienstes am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg bislang keine belastbaren Daten. Das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf hingegen schätzen Experten deutlich höher ein als bei gesunden Menschen.

Schutzmaßnahmen sind für Krebspatienten lebenswichtig

So zählt etwa das Robert Koch-Institut (RKI) Krebspatienten und Menschen mit geschwächtem Immunsystem generell zu den Corona-Risikogruppen. Allerdings: Wenn eine Krebserkrankung gut beherrscht werde oder die erste Behandlung erfolgreich abgeschlossen sei, gehen Onkologen von keinem erhöhten Risiko für einen schweren Verlauf mehr aus. Trotzdem ist es für Krebspatienten wichtig, sich an Schutzmaßnahmen wie Händehygiene, Abstandhalten und Mund-Nasen-Bedeckung zu halten. Zudem wird geraten, Menschenmassen zu meiden und soziale Kontakte zu reduzieren.

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Für Julia Adam ist das selbstverständlich. Bei Besuchen der Familie achte sie nach wie vor ganz streng auf die Regeln, Freundinnen treffe sie "nur draußen und nur wenn sie ganz gesund sind". Den Krippenplatz für ihren Sohn habe sie abgesagt, stattdessen werde sie von einer Familienpflegerin unterstützt. Auch ohne Chance auf Heilung: Sie lebt und will leben.

"Ich bin kein ruhiger Mensch", sagt die 39-Jährige. Immer sei sie unterwegs und selten allein gewesen - vor ihrer Erkrankung. Und vor Corona. Jetzt ist alles anders, einsamer. "Es ist schon eine schlimme Zeit, wenn man so krank ist und dann noch gebeutelt wird von Corona."

Hilferuf von "Forschung hilft": Die von Gabriele Nelkenstock gegründete Stiftung fördert seit 2017 die Krebsforschung an der Universität Würzburg und unterstützt neue Ansätze im Kampf gegen Krebs. Durch die Corona-Pandemie jedoch seien die Spenden massiv zurückgegangen, heißt es in einer Mitteilung. Um die Unterstützung der Forschungsprojekte auch in diesem Jahr zu sichern, wurde nun ein Crowdfunding-Projekt gestartet. Alle Infos für Spender gibt es unter www.forschung-hilft.de

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