Zell

Das Leben und Sterben von acht Unterzeller Nonnen

RIP: Der Rest des fast 250 Jahren alten Grabsteins der Zeller Schwester Margaretha Lutz ist kaum noch lesbar.
Foto: Dieter Fauth | RIP: Der Rest des fast 250 Jahren alten Grabsteins der Zeller Schwester Margaretha Lutz ist kaum noch lesbar.
Das Cover des Buches 'Grabstein vom Kloster Unterzell – Fenster in die Zeit des Spätbarock' mit einem Blick auf die Versöhnungskirche. 
Foto: Repro: Dieter Fauth/Gestaltung: Sabine Pichler | Das Cover des Buches "Grabstein vom Kloster Unterzell – Fenster in die Zeit des Spätbarock" mit einem Blick auf die Versöhnungskirche. 

Als Dieter Fauth im vergangenen Sommer mal wieder am Gelände des einstigen Frauenklosters Unterzell vorbeispaziert ist, fanden dort noch Bauarbeiten für die neu errichtete Wohnanlage statt. Dabei entdeckte Fauth alte, teils zerbrochene Grabsteine.

Die Steine aus rotem Sandstein ließen den gebürtigen Schwaben nicht mehr los – und so begann der Zeller mit den Recherchen, die kürzlich in einem 64-seitigen Werk ihre Krönung fanden. Es handelt vom Leben und Sterben von acht Nonnen des Prämonstratenser-Ordens, der heuer sein 900. Bestehen feiert.

"Die Grabsteine stammen allesamt aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die Gräber von der Zeit davor wurden vermutlich immer wieder abgetragen. Jedenfalls sind keine weiteren Steine aufgetaucht", sagt Fauth, der sich in den letzten Sommerferien in die Protokollbücher der Unterzeller Pröpste im Staatsarchiv Würzburg einlas.

Dabei fand der Konrektor einer Wertheimer Schule heraus: Einer der acht Grabsteine ist der einer waschechten Zellerin. Schwester Margaretha Lutz wurde am 15. Mai 1695 im Ort als Tochter eines Schneider-Ehepaares geboren, im Mai 1517 trat sie ihr Noviziat an und im April 1719 legte sie feierlich ihre Profess ab.

"Die Grabsteine stammen allesamt aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts."
Dieter Fauth,
Autor

"Die Adeligen verloren bereits nach der Reformation zunehmend das Interesse am Klosterleben. Deshalb hatten im 18. Jahrhundert auch bürgerliche Schwestern immer bessere Chancen, in ein Kloster aufgenommen zu werden", berichtet Fauth, Vater zweier erwachsener Kinder und studierter Theologe.

Ein Auszug aus einem von Pröpsten geführten Protokollbuch zur

Familie von Margaretha Lutz, das im Nordflügel der Residenz archiviert ist.
Foto: Dieter Fauth | Ein Auszug aus einem von Pröpsten geführten Protokollbuch zur Familie von Margaretha Lutz, das im Nordflügel der Residenz archiviert ist.

Schwester Margaretha war die erste bekannte gebürtige Zeller Stiftsfrau, ihr folgten noch mindestens elf weitere. Fauth eruierte, dass im Jahr der Säkularisation 1803 neun der 28 Schwestern des Klosters Unterzell und damit rund ein Drittel aus dem Ort kamen, der damals noch wesentlich kleiner war als heute. "Bis zur abrupten Auflösung schienen die Stiftsfrauen ein sehr lebendiges Klosterleben geführt zu haben", sagt der 64-Jährige am Telefon.

In seinem Buch schreibt er: "In Unterzell fanden sich Frauen, die gepflegt deutsche Texte verfassten, Latein konnten, musikalisch ausgebildet und hinsichtlich ihrer Lebensweise und Haltungen kultiviert waren." Auch nichtadlige junge Frauen hätten sich vom Kloster die bessere Alternative zur Ehe oder zur weltlichen Jungfrauenschaft erhofft.

"Drei der acht Verstorbenen entstammten dem Adel, fünf waren nicht adelig."
Dieter Fauth, 
studierter Theologe

Die Religiosität war in jedem Fall stark ausgeprägt. Diese Einschätzung fußt unter anderem auf einem Andachtsbüchlein einer Schwester, das Fauth in der Würzburger Unibibliothek aufgespürt hat. "Dort ist von der Abtötung des eigenen Willens, Leben in Keuschheit und dem Verlangen, Braut Christi zu sein die Rede." Die gemeinschaftliche Frömmigkeit erkläre auch, dass über die Individualität der acht Nonnen von den Grabsteinen nur wenig bekannt sei.

Vier waren Laienschwestern, sogenannte Laicae, und vier geistliche Schwestern. Erstere durften bestimmte Ämter im Kloster nicht bekleiden und verrichteten die eher niedrigen und oft auch körperlich anstrengenden Arbeiten, heißt es zu Beginn des Buches. "Drei der acht Verstorbenen entstammten dem Adel, fünf waren nicht adelig. Adlige waren wohl stets geistliche Schwestern, aber auch bürgerliche junge Frauen konnten diesen Weg beschreiten. Gertrud Stumpf vom Grabstein 5 aus Würzburg ist dafür ein Beispiel."

Autor Dieter Fauth (rechts) übergibt ein Exemplar des Grabstein-Buches an den Zeller Bürgermeister Joachim Kipke. 
Foto: Sabine Pichler | Autor Dieter Fauth (rechts) übergibt ein Exemplar des Grabstein-Buches an den Zeller Bürgermeister Joachim Kipke. 

Die aus Zell stammende Schwester Margaretha verstarb 1773 mit 78 Jahren und wurde auf dem klostereigenen Friedhof beigesetzt. Die ganze Familie Lutz war dem Orden aufs Engste verbunden. Margarethas ältere Schwester Anna Maria war eine Donata, die nicht Profess ablegte, aber sich und ihr Vermögen dem Kloster vermacht hat. Die Eltern nähten Kleidung für das Kloster. Auch sie hatten ihre letzte Ruhestätte im Kloster Unterzell gefunden, das von Julius Echter um 1610 im Barockstil wieder aufgebaut worden war.

Der damalige katholische Pfarrer von Zell nahm das Begräbnis der Eltern vor. Den Sarg trug die Dorfjugend. Zum Leichenschmaus wurde regelmäßig das nahe Oberzeller Konvent, das selbst bei größtem Regen an den Beerdigungen teilnahm, zu einem Glas Wein aus bester Steinlage ins Kloster eingeladen.

Die Nonnen-Grabsteine, deren Inschriften kaum mehr zu entziffern sind, wurden übrigens im Inneren der Wohnanlage Klosterhof im Boden und an den Wänden eingelassen und bleiben damit für die Nachwelt erhalten.

Das Buch "Grabstein vom Kloster Unterzell – Fenster in die Zeit des Spätbarock" ist vom Markt Zell herausgegeben. Gemeindearchivarin Annette Taigel und Sabine Pichler aus der Öffentlichkeitsarbeit haben Fauth nach Kräften unterstützt.

Das Werk kann mit seinen zahlreichen Fotos im Buchhandel bezogen werden und auch direkt beim Verlag Religion & Kultur über Tel.: (0157) 31621457 oder post@verlag-religionundkultur.de (Zusendung frei Haus). Das Buch kostet zehn Euro. Davon werden fünf Euro für die gerade fällige Restaurierung des früheren Klostergebäudes Unterzell, heute Eigentum der evangelischen Versöhnungskirche am Ort, gespendet.

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