Würzburg

Filmwochenende: Dies sind die Filmtipps der Festivalmacher

Vom 28. Januar bis 3. Februar läuft das 46. Internationale Filmwochenende in Würzburg. Diesmal ganz digital. Was sind die Favoriten der Mitglieder der Filminitiative?
Das Internationale Filmwochenende findet wegen der Corona-Pandemie ausschließlich digital statt. Archivfoto.
Foto: Daniel Peter | Das Internationale Filmwochenende findet wegen der Corona-Pandemie ausschließlich digital statt. Archivfoto.

Auch wenn in diesem Jahr vieles anders läuft beim Internationalen Filmwochenende: Die Filme stehen wie immer ganz im Mittelpunkt des Festivals. Bei 25 verschiedenen Spiel- und Dokumentarfilmen kann die Entscheidung schon einmal schwer fallen. Für Unentschlossene oder diejenigen, die sich einfach nicht festlegen können, haben Cineasten des Veranstalters Filminitiative den Festivalbesuchern ihre Lieblingsfilme zusammengestellt.

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Ist er es wirklich?

Taylan Torlu
Foto: Filminitiative | Taylan Torlu

Taylan Torlu, Programmbereich Türkei: Murat Düzgünoglus Film "Halef" hat schon beim Adana Filmfestival überzeugt. Rückkehrer Mahira wird in seiner Heimat mit dramatischen und mystischen Ereignissen konfrontiert. Eigentlich wollte er nach vielen Jahren der Abwesenheit seiner Mutter bei der Orangenernte helfen. Dabei wird er mit seinem angeblichen Bruder konfrontiert, der als Kind aber verstorben ist. Eine mystische Geschichte entwickelt sich, die dramatische Entwicklungen nimmt. Düzgünoglu liefert mit seinem Psychothriller beeindruckende Bilder zu einer wahren Erzählung über Glauben, Mystik und Reinkarnation.

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Die (zerstörerische) Kraft der Veränderung

Internationales Filmwochenende, die Filmtipps. Klaus Wohlleben
Foto: Filminitiative | Internationales Filmwochenende, die Filmtipps. Klaus Wohlleben

Klaus Wohlleben, Programmbereich Nachtschiene: Im Film "Boy Meets Gun" erzählt der niederländische Regisseur Joost van Hezik in bester Tarantino-Manier die Geschichte von Maarten Moreau, einem gelangweilten Evolutionsphilosophen. Sein Leben nimmt eine ungeahnte Wendung, als er zufällig in den Besitz einer Waffe kommt. Eine Romanze der ungewöhnlichen Art beginnt. Nach Meinung von Van Hezik sehnen wir uns alle auf die eine oder andere Weise nach persönlicher Veränderung. Dieser Glaube an eine endlose positive Entwicklung scheint heutzutage gar zu einem fast heiligen Status aufzusteigen. Van Hezik möchte diesen Wunschglauben infrage stellen. Denn in was verwandeln wir uns? Und ist das wirklich besser?

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Irrer Künstler, wahnsinniger Schauspieler

Richard Schwaderer 
Foto: Theresa Müller | Richard Schwaderer 

Richard Schwaderer, Programmbereich Italien: Der im italienischen Autorenkino schon lange bekannte Giorgio Diritti erzählt in "Volevo nascondermi" packend und realitätsnah die tragische Lebensgeschichte des zunächst von der italienischen Provinzgesellschaft gequälten und ausgestoßenen Künstlers Antonio Ligabue. Dessen malerisches Genie wird während einer seiner Zwangsaufenthalte in einer psychiatrischen Anstalt entdeckt. Spät und längst von der Qual gezeichnet gelangt er zu nationalem Ruhm. Elio Germano, der Ligabue im Film verkörpert, gewann für seine großartige schauspielerische Leistung auf der Berlinale 2020 den "Silbernen Bären". Ein atmosphärisch sehr dichter Film, den Italienfreunde auf keinen Fall verpassen sollten.

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Der perfekte Bruder …

Clémence Leboucher
Foto: Filminitiative | Clémence Leboucher

Clémence Leboucher, Programmbereich Frankreich und Belgien: … ist Toms großer Bruder Leo. Er ist 19 Jahre alt, sieht gut aus, ist witzig und talentiert. Ein richtiger Mann in Toms Augen, der selbst eher sensibel und schüchtern ist. Zum Glück hat er Leos volle Unterstützung, um auch "Un vrai bonhomme" zu werden. Das Problem? Seit zwei Jahren existiert Leo nur noch in Toms Kopf. Mit seinem neuen Film greift Regisseur Benjamin Parent eine seiner Lieblingsfragen wieder auf: Was bedeutet es, ein Mann zu sein? Denn diese Frage muss Tom beantworten, um seine Trauer zu überwinden und erwachsen zu werden. Ein Drama? Ja, vielleicht. Aber Sie werden auch sehr viel lachen und ebenfalls vergessen, dass Leo gar nicht wirklich da ist.

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Abweicher (un-)gerngesehen

Gerhard Suttner
Foto: Filminitiative | Gerhard Suttner

Gerhard "Eloy" Suttner, Programmbereich International: In einem ehemaligen Wasserschutzgebiet am Rande von Bukarest lebt eine elfköpfige Familie im Einklang mit der Natur in einer selbst gebauten Hütte fernab der Zivilisation. Ironischerweise werden sie zwangsweise umgesiedelt, als ihr Gebiet zum Naturschutzgebiet deklariert wird. Die einzelnen Familienmitglieder kommen unterschiedlich gut mit dem neuen Leben in der Stadt zurecht. Der bildgewaltige, mehrfach preisgekrönte Dokumentarfilm "Acasa, my Home" des rumänischen Regisseurs Radu Ciorniciuc wirft viele Fragen auf: Ist es legitim, ein Leben außerhalb der Gesellschaft zu führen? Wo fängt die Verantwortung gegenüber Kindern an? Wie viel abweichendes Verhalten darf eine Gesellschaft tolerieren?

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Ein letztes Mal Bruno Ganz

Max Trompeter
Foto: Filminitiative | Max Trompeter

Max Trompeter, Pressearbeit und Dokus: Dass wir beim FiWo Bruno Ganz' letzten Film zeigen können, ehrt uns. Der als "Engel über Berlin" und Hitler in "Der Untergang" weltweit gefeierte Schweizer spielt in "Winterreise" einen in die USA emigrierten deutschen Juden, der unfreiwillig auf seine Zeit als Musiker im Dritten Reich zurückblickt. Seine Erinnerungen werden in wunderschönen dokumentarischen Bildcollagen nachgestellt. Diese gewähren einen Blick auf den Kulturbund Deutscher Juden, mit dem sich die Nazis jüdische Künstler "hielten", während deren Familien in den Konzentrationslagern starben. Dem Dänen Anders Østergaard und der Ungarin Erzsébet Rácz ist hier ein eindringliches Werk gelungen, das tagelang beschäftigt.

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Acht Kurze für kurzweilige Unterhaltung

Viviane Bogumil
Foto: Filminitiative | Viviane Bogumil

Vivi Bogumil, Vorstand und Kurzfilme: Unsere acht Kurzen aus dem "Kurzfilmblock" kommen heuer aus Deutschland, Schweden, Italien, den USA und Puerto Rico – und gehen ans Herz und an die Nieren. Drei Frauen verlieben sich in einen Serienmörder, und Kinder klettern in die Schornsteine Londoner Herrenhäuser; ein Stummfilm über eine Telefonstörung vereint Liebende aus unterschiedlichen Epochen, und ein Polizeieinsatz im Hallenbad wird zunehmend absurder. Außerdem beschäftigt uns Aktuelles wie an Satire grenzende Zoom-Meetings, Mutter-Sohn-Aussprachen oder zerstörte Infrastrukturen. Und am Ende schreibt das Kino im Lockdown einen Brief an die Menschheit. Ein abwechslungsreiches Filmvergnügen ist garantiert.

Sie werden doch nicht …

Birgit Pelchmann
Foto: Filminitiative | Birgit Pelchmann

Birgit Pelchmann, Programmbereich International: Der iranische Regisseur Rezal Jamali erzählt in seinem Spielfilmdebüt "Old Men Never Die" eine sinnbildhafte und skurrile Geschichte über eine Gruppe von alten Männern, die glauben, der "Engel des Todes" habe sie leider vergessen. Die Ernsthaftigkeit, mit der die Alten dieser Herausforderung begegnen, führt sie immer wieder zu den absurdesten Einfällen, bei denen man sich das Lachen nicht verkneifen kann. In der atemberaubenden Landschaft von Aserbaidschan gefilmt, erscheinen die Menschen winzig klein. Mich hat die liebevolle Art, auf die Protagonisten zu schauen, der Humor und die vielen kleinen Erzählungen am Rande der Parabel ganz und gar überzeugt.

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Rausschmiss aus dem Paradies

Katharina Schulz
Foto: Filminitiative | Katharina Schulz

Katharina Schulz, Programmbereich International: 1960er, vollkommen unerwartet verlässt eine Schweizer Mutter mit ihren drei Töchtern die Wahlheimat Bahamas, wo sie bis dahin wie im Paradies gelebt hat. Der Vater bleibt zurück, die Kinder werden auf Pflegefamilien verteilt. Viele Jahre später lädt Regisseurin Sonja Wyss – eine der Töchter – alle Familienmitglieder getrennt voneinander ein und lässt sie erzählen. Wie haben sie den krassen Einschnitt erlebt? Was hat er für ihren Lebensweg bedeutet? Wie in einem Krimi werden in "Farewell Paradise" Beweggründe und Perspektiven erkundet. Ungeschönt und aufrichtig. Eine Frage drängt sich zunehmend auf: Ist eine Familiengeschichte nur die Summe ihrer vielleicht unvereinbaren Erinnerungen?

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Kunst im Knast

Susanne Bauer
Foto: Filminitiative | Susanne Bauer

Susanne Bauer, Programmbereich Österreich: In "Fuchs im Bau" vom österreichischen Regisseur Arman T. Riahi wagt sich Lehrer Hannes Fuchs in ein Wiener Gefängnis, um jugendliche Insassinnen und Insassen zu unterrichten. Dort trifft er auf die eigenwillige Gefängnislehrerin Elisabeth Berger, die ihn anfangs mit ihren unkonventionellen Lehrmethoden irritiert. Doch Berger erreicht mit ihrem Unterricht nicht nur die schwer vom Leben gezeichneten Lernenden. Sie verhilft auch Fuchs, seine Kreativität neu zu entdecken und als einziger zu einer introvertierten Schülerin eine Bindung aufzubauen. Ein Film über den Mut, seinen Weg zu gehen und über die Kraft von Bildung unter erschwerten Bedingungen. Berührend, kraftvoll und zugleich mit viel Humor erzählt.

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Tanz auf der Rasierklinge

Werner Schmitt
Foto: Filminitiative | Werner Schmitt

Werner Schmitt, Programmbereich Japan und Türkei: "Dancing Mary" ist der aktuelle Film des japanischen Kultregisseurs Sabu (Hiroyuki Tanaka), der spielerisch über Genre-Grenzen hinwegdreht und einen sehr unterhaltsamen Mix aus Komödie, Geisterstory und Yakuza-Action präsentiert. Halt alles, was japanisches Kino in seiner Gesamtheit ausmacht. Turbulent, skurril und immer ein bisschen abgedreht. Eine schillernde Story, die selbst vor der Welt der Geister keinen Halt macht und sogar die härtesten Yakuza-Gangster noch gruselt. In Zeiten des Lockdowns eine vor Kreativität und Spielwitz sprühende Unterhaltung.

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Heftiger Stoff auf Heavy Metal

Rainer Mesch
Foto: Filminitiative | Rainer Mesch

Rainer Mesch, Programmbereich Deutschland: "Albträumer" ist ein hochemotionaler, von der Kritik hochgelobter deutscher Debütfilm und wurde von uns auf den diesjährigen Hofer Filmtagen entdeckt. Ein 17-jähriges Mädchen versucht, den Selbstmord ihres Bruders zu verstehen und beginnt eine Beziehung mit dessen besten Freund, dem man die Schuld an dem Unglück zuschreibt. Diese fesselnde Geschichte von Verlust, Trauer, Wut, Liebe und Schuld wird atmosphärisch dicht erzählt und wirkt lange nach. Dem Regisseur Philipp Klinger gelingt mit seinen beiden bisher noch unbekannten Jungschauspielern Sarah Mahita und Béla Gabor Lenz ein starkes Stück Deutsches Kino.

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Mein Vater Agnete

Thomas Schulz
Foto: Filminitiative | Thomas Schulz

Thomas Schulz, Vorstand und Programmbereich Skandinavien: "Wir lassen uns scheiden, weil Papa eine Frau sein will." Der Satz ihrer Mutter konfrontiert die 11-jährige Emma mit einer großen Herausforderung. Das Mädchen erlebt, wie ihr Vater Thomas allmählich zu Agnete wird. Ein Chaos der Gefühle. Doch nach anfänglicher Ablehnung nähern sich die beiden wieder an. "Eine total normale Familie" wird aus Emmas Perspektive erzählt (hervorragend: die junge Kaya Toft Loholt). Autorin und Regisseurin Malou Reymann beeindruckt durch ein einfühlsames und humorvolles, teilweise autobiografisches Porträt einer Familie, die sich von gesellschaftlichen Konventionen verabschieden muss, um sich neu finden zu können.

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Dokumentarischer Blick statt vorschnelles Urteil

Hannes Tietze
Foto: Filminitiative | Hannes Tietze

Hannes Tietze, Programmbereich Österreich: Ob Pinkafeld, der Heimatort von FPÖler Norbert Hofer, wo die Mehrheit der Wähler bei der Präsidentschaftswahl für ihn stimmte, "Der schönste Platz auf Erden" ist, sei dahingestellt. Regisseurin Elke Groen hat sich über drei Jahre lang den Pinkafeldern genähert und sie unaufgeregt und wohlwollend porträtiert. Am Ende bleibt nicht viel übrig vom Klischee des "Nazi-Dorfs". Stattdessen stellt sich die Frage, ob doch nicht alles so weiß und schwarz ist, wie es in den kurzatmigen Medien manchmal erscheint. Das sollten Dokumentarfilme leisten: dem Zuschauer einen vorurteilsfreien Blick auf die Welt bieten, sodass er sich sein eigenes Urteil bilden kann und muss.

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Flucht aus Holland zu sich selbst

Christian Molik
Foto: Filminitiative | Christian Molik

Christian Molik, Vorstand und Programmbereich Jugendfilm: Mit voller Wucht reißt der Film uns mitten ins Geschehen: Chloe, Yousef und Lorenzo sind keine Helden, mit denen man mitfiebert, doch die Kamera führt uns ganz nah an sie heran. Diese sonst so seltenen Momente, in denen das nicht gesprochene Wort durch Blicke umso stärker wirkt – "Paradise Drifters" ist voll davon, der Film lebt durch sie. Mit der bruchstückhaften Abbildung der Entwicklung der Protagonisten gelingt es Jungregisseur Mees Peijnenburg, die Unwürdigkeit ihrer Lebenssituation zwar nicht erträglich zu machen. Die vom unerschütterlichen Drang zum Sich-Durchkämpfen ausgehende positive Kraft aber wird durch dieses beeindruckende Filmerlebnis mehr als deutlich.

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