WÜRZBURG

Georg Angermaier: Unerschrockener Katholik und Widerständler

Kluger Kopf und kämpferischer Katholik: Der Würzburger Theologe, Jurist und Staatsrechtler Georg Angermaier (1913 bis 1945) war ein unerschrockener und zäher Nazi-Gegner.
Foto: Repro: Markus Hauck | Kluger Kopf und kämpferischer Katholik: Der Würzburger Theologe, Jurist und Staatsrechtler Georg Angermaier (1913 bis 1945) war ein unerschrockener und zäher Nazi-Gegner.

Also schrieb der Würzburger Georg Angermaier, Justitiar in Diensten des Münchner Kardinals Faulhaber: „Der Kampf zwischen NS (dem Nationalsozialismus, Red.) und katholischer Kirche ist ein reiner Konkurrenzkampf insoweit, als beide einen totalen Anspruch auf totale Gläubigkeit ihrer Anhänger erheben.“ Angermaier, Jahrgang 1913, ausgestattet mit scharfem Verstand und großer Tatkraft, war ein sperriger, unbequemer Denker, ein gläubiger Katholik, ein Feind der Nazis. Am 27. März 1945 fuhr in Berlin ein Wagen der SS das Motorrad an, auf dem der Jurist als Sozius saß. Angermaier, schwer verletzt, starb 32-jährig in einem nahen SS-Lazarett. Ob der Zusammenstoß ein Unfall oder inszeniert war, ist bis heute ungeklärt.

Antonia Leugers, Historikerin von der Uni Tübingen, legte vor 15 Jahren eine Dissertation über Angermaier vor. Jetzt hat sie nachgelegt: „Georg Angermaier (1913 – 1945) Ein Europäer aus Würzburg im Widerstand gegen die NS-Diktatur“ heißt ihre 70-seitige Broschüre. Sie wolle damit einen „leichteren Zugang zu Leben und Werk“ Angermaiers erschließen, sagte sie während der Präsentation im jüdischen Kulturzentrum Shalom Europa.

Leugers schätzt Angermaier als unerschrockenen Widerständler, der „äußerst geschickt“ agiert habe. Unverständlich sei für sie gewesen, dass bis zum Beginn ihrer Recherchen niemand in Angermaiers Geburtsstadt Forschungen zu ihm anstellte; die Uni-Lehrstuhle für Kirchengeschichte und für neuere Geschichte hätten längst auf den „umtriebigen Angermaier“ aufmerksam werden müssen.

Die Historikerin hat Zeugnisse zusammengetragen, wie das von Julius Döpfner, dem späteren Bischof und Kardinal, einem Freund Angermaiers. Der Jurist habe „mit einer seltenen Überlegenheit und verbissenen Zähigkeit für die Rechte der Kirche“ gekämpft. Angermaier sei „der unheimliche, aber in seiner Klugheit unantastbare Gegner einer brutalen Gewaltherrschaft“ gewesen.

Die Nazis hatten den hochbegabten katholischen Philosophen, Theologen, Juristen und Staatswissenschaftler ausgebremst, sie ließen ihn weder Anwalt oder Richter, noch Hochschuldozent werden. Also wurde Angermaier Justiziar der Diözese Würzburg und der Erzdiözese Bamberg, Rechtsberater mehrerer Bischöfe und Rechtsbewahrer verschiedener Ordensgemeinschaften.

Appell an die Öffentlichkeit

Er beriet den greisen Münchner Kardinal Faulhaber in kirchenpolitischen Fragen und hatte dabei, so Leugers, eine eindeutige Meinung über bischöfliche Amtspflichten: In der Diktatur seien „Kirche, Christentum und Menschenwürde nur durch eine feierliche apostolische Wortverkündigung zu wahren“. Der „Appell an die Öffentlichkeit“ sei „das oberste und letztentscheidende Mittel“.

Angermaier ermutigte die deutschen Bischöfe zu Hirtenworten, in denen sie für die „gottverliehenen Menschenrechte“ aller Bedrängten eintreten sollten. Auch die Juden, so zitiert ihn Leugers, erwarteten „Hilfe und Verteidigung der allgemein menschlichen Rechte durch den deutschen Episkopat“. Durchsetzen konnte er seine Forderung nach einem eindeutigen Hirtenwort nicht.

Angermaier, der Consigliere der Bischöfe, vertrat mit enormer Härte, was er für richtig hielt. Leugers zitiert, was er zum Fall eines Kaplans notierte, den das Sondergericht Würzburg wegen Verbrechens der Unzucht mit Kindern und Schülern zum Tode verurteilt hatte: „Ich habe das Urteil erwartet“, schrieb Angermaier, „und hätte es auch ausgesprochen“. Er hoffe, „dass dadurch die Schuld dieses Mannes an den Kindern gesühnt wird“.

Angermaiers Kampf für die Bedrängten, gegen die Nazis, gipfelte in seiner Verbindung zur Widerstandsorganisation Kreisauer Kreis um Helmuth James Graf von Moltke. Angermaier entwickelte einen „Staatsaufbau- und Verfassungsplan“ für ein Deutschland nach dem Sieg über die Nazis. Leugers veröffentlicht ihn in ihrer Broschüre.

Angermaier entwarf darin einen sozialen Staat, in dem aller Besitz sozial gebunden sei. „Verwendung, Art der Verwaltung und Verwertung aller materiellen Güter werden primär durch die allgemeinen Anliegen der Sicherung der wirtschaftlichen Existenz des Gesamtvolkes und der Garantie des Existenzminimums für alle bestimmt.“ Vielen Glaubensgenossen war er weit voraus, indem er eine „wohlwollende Trennung von Kirche und Staat“ vorschlug. Den Religionsunterricht wollte er nicht als Pflichtfach in den Schulen haben. Den meisten weltlichen Zeitgenossen war er auch außenpolitisch weit voraus. Angermaier schrieb in seinen Verfassungsplan eine „organisatorische europäische Konkordanz“, in der sich „das Reich“ „bedingungslos jeder überstaatlichen Zuständigkeit in allen Fragen“ unterwirft.

Leugers stellt mit Georg Angermaier einen Christen vor, der sich „mit seiner beißenden Kritik am Verhalten der katholischen Kirche im Dritten Reich nicht zurückhielt“. Die Leser könnten „bei diesem jungen, hoch gebildeten Katholiken lernen, das Kirchenkritik nicht erst eine Erfindung der Nachkriegszeit ist“.

Die Historikerin empfiehlt Schülern und Studenten, sich mit Angermaier vertiefter zu beschäftigen. „Jede Generation muss auch hier die Generationen zuvor neu entdecken“, sprach Leugers im Shalom Europa. Sie hoffe, dass ihre Beschäftigung mit dem streitbaren Würzburger zu Ende ist; sie wolle der nächsten Forschergeneration „die Bühne endlich und gern überlassen“.

Das Buch: Antonia Leugers, „Georg Angermaier (1913 – 1945). Ein Europäer aus Würzburg im Widerstand gegen die NS-Diktatur“, erschienen bei universaar, dem Universitätsverlag des Saarlandes“, 11,50 Euro. Die Kreisau-Initiative Würzburg empfiehlt das Leugers Angermaier-Buch als Arbeitshilfe für die Jugend- und Erwachsenenbildung.

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