Würzburg

Gestorben als Arbeitssklave: Stele erinnert an den Würzburger Ernst Ruschkewitz

Er stammte aus der bekanntesten jüdischen Familie Würzburgs, in einem Außenlager des KZ Buchenwald wurde er zu Tode geschunden. Jetzt erhebt sich über seinem Grab eine Stele.
Auf dem Häftlingsfriedhof im thüringischen Berga liegt der Würzburger Ernst Ruschkewitz begraben. Jetzt erinnert eine Stele an ihn.
Foto: Roland Flade | Auf dem Häftlingsfriedhof im thüringischen Berga liegt der Würzburger Ernst Ruschkewitz begraben. Jetzt erinnert eine Stele an ihn.

Berga an der Weißen Elster ist ein verträumtes Städtchen in der Nähe von Gera im Osten Thüringens. Der Ort mit seinen 3258 Einwohnern und dem imposanten roten Rathaus erstreckt sich an einem Hang im Elstertal. An diesem Hang, nicht weit vom Zentrum Bergas entfernt, endete am 31. März 1945 eine menschliche Tragödie: die des Häftlings mit der Nummer 130 612, des Würzburgers Ernst Ruschkewitz.

Der 41-Jährige, der seine Frau Ruth und den kleinen Sohn Jan schon 1942 in Auschwitz verloren hatte, starb in dem Außenlager des KZ Buchenwald, völlig entkräftet an Hunger oder Erschöpfung. Vielleicht wurde er erschossen oder gehenkt – wir wissen es nicht. Was wir aber seit zwei Jahren kennen ist der Ort, an dem er verscharrt wurde.  

An jenem 31. März 1945, einem regnerischen Samstag, wurde Ernst Ruschkewitz’ Leiche zusammen mit vier weiteren auf einen zweirädrigen Karren geworfen, mit einer schmutzigen Decke zugedeckt und von zwei Häftlingen zu jenem Hang gezogen, der noch heute von Wald umschlossen ist. Zwei schwerbewaffnete SS-Männer liefen nebenher.

Das Kommando hob ein Grab aus und kippte die fünf Toten hinein, nachdem man ihnen die Lumpen, die sie anhatten, ausgezogen hatte. Der Bürgermeister von Berga, wo KZ-Häftlinge eine unterirdische Kohleverflüssigungsfabrik bauen sollten, fertigte eine Liste der Beerdigten an. Ernst Ruschkewitz war die Nummer 298. Ein Mitglied des Kommandos schuf eine Zeichnung mit der Lage der Gräber.

Der Plan der Gräber in Berga.
Foto: Repro Christine Schmidt | Der Plan der Gräber in Berga.

Dass die Toten etwa an dieser Stelle oberhalb von Berga verscharrt worden waren, war bekannt. Das KZ befand sich mitten im Ort neben dem Bahnhof, die Leichen mussten monatelang quer durch Berga zum Beerdigungsort gebracht werden. Zu DDR-Zeiten war - allerdings nicht an der richtigen Stelle - ein Gedenkstein errichtet worden, auf dem in typischen SED-Ton nur von „politischen Häftlingen“ die Rede war. Die meisten Toten indes waren Juden, die allein wegen ihrer Religion verfolgt worden waren.

Der genaue Ort der Gräber war lange unbekannt. Vor allem auf Druck der Heimatforscherin Christine Schmidt wurde in Berga vor zwei Jahren durch eine Georadar-Untersuchung, die frühere Erdbewegungen anzeigt, die wirkliche Lage ermittelt. Da ein Plan der Gräber existierte und bekannt war, in welcher Reihenfolge die Toten beerdigt worden waren, konnte man auch das Grab von Ernst Ruschkewitz und den vier gleichzeitig mit ihm begrabenen Häftlingen ermitteln.

Den neugestalteten Häftlingsfriedhof, auf dem Ruschkewitz und 314 andere Männer vieler Nationen liegen, übergaben jetzt der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow und der israelische Botschafter Jeremy Issacharoff der Öffentlichkeit. Über jedem der 75 Gräber erhebt sich eine schlichte Stele mit mehreren Namen. Ernst Ruschkewitz’ Grab enthält auch die sterblichen Überreste des Franzosen Ferdinand Robert, der drei Tage zuvor erschlagen worden war, weil er einem Mithäftling helfen wollte, sowie von Mor Weizmann, Johann Schön und Josef Kornreich.

Ernst Ruschkewitz, einer von vier Söhnen des Würzburger Warenhausbesitzers Siegmund Ruschkewitz, war Kaufmann. Im Dezember 1933 hatte er die Düsseldorferin Ruth Eichenberg geheiratet, seine Brüder Fritz und Hans hatten sich mit ihm gefreut. Der älteste Bruder Max konnte nicht dabei sein, er war 1930 an den Spätfolgen eines Bauchschusses, der ihn als deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg getroffen hatte, gestorben. Bei der Beerdigung von Max auf dem jüdischen Friedhof in der Werner-von-Siemens-Straße sangen Angehörige seines Regiments das Lied "Ich hatt’ einen Kameraden".

Die vier Söhne der Würzburger Familie Ruschkewitz: (von links) Fritz, Ernst, Hans, Max.
Foto: Repro Roland Flade | Die vier Söhne der Würzburger Familie Ruschkewitz: (von links) Fritz, Ernst, Hans, Max.

Damals kauften die Würzburger gern im Warenhaus Ruschkewitz in der Schönbornstraße, wo heute der Kaufhof ist, und im Niedrigpreisgeschäft "Wohlwert" in der Eichhornstraße (heute Targobank) ein. Vor Weihnachten lockte eine große Spielzeugausstellung die Kinder an.

Die ganze Familie Ruschkewitz war sportbegeistert. In der Würzburger Rudergesellschaft von 1905 erhielt Ernst 1921 als 17-Jähriger den "Kilometerpreis" als aktivster Ruderer. Max war Mitglied des Fußballvereins FV 04 und der Skiabteilung des Rhönclubs, Hans hatte Josef Neckermann zum Freund, den Sohn eines reichen Würzburger Kohlenhändlers, den er beim Reiten, der gemeinsamen Leidenschaft, kennenlernte.

Ein Foto aus dem Jahr 1920: Ernst Ruschkewitz (rechts hinter der Schulter des Trainers) mit Mitgliedern der Würzburger Rudergesellschaft auf dem Main. 
Foto: Archiv Roland Flade | Ein Foto aus dem Jahr 1920: Ernst Ruschkewitz (rechts hinter der Schulter des Trainers) mit Mitgliedern der Würzburger Rudergesellschaft auf dem Main. 
Im Exil in Holland: Ernst Ruschkewitz mit Frau Ruth und Sohn Jan.
Foto: Archiv Roland Flade | Im Exil in Holland: Ernst Ruschkewitz mit Frau Ruth und Sohn Jan.

Auch Ernsts Sohn liebte das Wasser. Als Jan am 2. November 1936 geboren wurde, lebten Ernst und Ruth schon in Holland – im sicheren Ausland, wie nicht nur sie glaubten. Die Paddelboot-Ausflüge von Vater und Sohn fanden auf den Grachten in dem kleinen Ort Bodegraven zwischen Rotterdam und Utrecht statt. Den ganzen Sommer über lief Jan in Badehose und Holzschuhen herum, Holländisch sprach er besser als Deutsch.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Familie bereits alles verloren. Warenhaus und Niedrigpreisgeschäft, als dessen Geschäftsführer Ernst zuletzt fungierte, übernahm 1935 Josef Neckermann, gerade 23 Jahre alt. Auf 50 000 Mark handelte er im Rahmen der "Arisierung" den Kaufpreis herunter und schuf so die Basis für sein späteres Kaufhaus-Imperium. Fritz war nach Palästina ausgewandert, Hans nach Südafrika, die Eltern Mina und Siegmund Ruschkewitz zogen nach dem erzwungenen Verkauf nach Berlin.

Das Warenhaus Ruschkewitz in der Würzburger Schönbornstraße im Jahr 1928. Heute steht hier der Kaufhof.
Foto: Roland Flade | Das Warenhaus Ruschkewitz in der Würzburger Schönbornstraße im Jahr 1928. Heute steht hier der Kaufhof.

Sie haben ihren kleinen Enkel Jan nie kennengelernt, genauso wenig wie den 1936 in Tel Aviv geborenen Gad, den Sohn von Fritz und seiner Frau Ida. Im Herbst 1940 unternahmen Mina und Siegmund Ruschkewitz einen verzweifelten Versuch, Deutschland in Richtung Palästina zu verlassen. Beide starben auf dem Fluchtschiff. Begraben wurden sie in Heraklion auf Kreta. Die Gräber sind nicht mehr aufzufinden.

Im Oktober 1942 gerieten Ernst, Ruth und der fünfjährige Jan im besetzten Holland in die Fänge der Gestapo. Die Familie wurde mit Hunderten anderer Juden in den Osten deportiert. Das Leben von Ruth und Jan endete nach der Trennung in der Gaskammer von Auschwitz. Ihre Leichen wurden verbrannt, ihre Gräber befinden sich, wie Paul Celan in der berühmten "Todesfuge" schrieb, "in den Wolken".

Ernst musste Zwangsarbeit in mehreren Konzentrationslagern leisten: erst in Annaberg, dann in Gleiwitz und schließlich in Blechhammer, einem von vielen Außenlagern des KZ Auschwitz. In Blechhammer stand ein kriegswichtiges Hydrierwerk, in dem Benzin aus Kohle hergestellt wurde. Ruschkewitz war Arbeitssklave, der mithelfen musste, die deutsche Kriegsmaschinerie in Gang zu halten; wie später in Berga ging es um die Produktion von synthetischem Kraftstoff.

"Ich habe die letzten Tage blödsinnige Sehnsucht nach Euch."
Ernst Ruschkewitz im Dezember 1942 in einem Brief an seine Frau 

Vom November 1942 bis zum März 1944 notierte Ernst den täglichen Kampf ums Überleben, seine Ängste und Hoffnungen in einem kleinen Adressheft. Immer wieder, so schrieb er, betrachtete er die Fotos seiner kleinen Familie. Oft wandte er sich direkt an Frau und Kind, die längst ermordet waren. "Sonderbarerweise gelingt es mir nicht, mir Deine Stimme vorzustellen, sie ins Ohr zu kriegen", schrieb Ernst am 17. Dezember 1942 an die tote Ehefrau: "Von Jan kann ich Liedchen hören und wenn er ‚Vadje‘ sagt. Ich habe die letzten Tage blödsinnige Sehnsucht nach Euch." Am 1. Februar 1943 dominierte die Hoffnung: "Hörte heute wieder, dass es den Frauen gut geht, dass sie in Lagern wie dem unseren sind und täglich die Kinder sehen."

Im Frühjahr 1944 übergab Ernst Ruschkewitz das Heft einem nichtjüdischen Ingenieur, der wie er in der großen Kohleverflüssigungsanlage von Blechhammer arbeitete und es nach Deutschland brachte. Heute liegt es, zusammen mit vielen weiteren Dokumenten und Fotos zur Geschichte der Familie Ruschkewitz, im Johanna-Stahl-Zentrum in Würzburg.

Am 22. Januar 1945 begann nach dem Durchbruch der Roten Armee im Osten der Todesmarsch der Häftlinge von Blechhammer in Richtung Westen, nachdem die SS alle Kranken und Nichtgehfähigen erschossen hatte. Zu diesem Zeitpunkt war Ernst Ruschkewitz, wie wir von einem Augenzeugen wissen, noch in einem verhältnismäßig guten körperlichen Zustand. Tatsächlich überlebte er die Strapazen und erreichte am 2. Februar 1945 das KZ Groß-Rosen. Fünf Tage später wurden die Häftlinge dort in Güterzüge verladen und nach Buchenwald gebracht, die meisten von ihnen am 26. Februar nach Berga weitertransportiert.

"Wir aßen Läuse und andere Insekten, um zu überleben."
Josef Krauze, Mithäftling von Ernst Ruschkewitz in Berga

In Berga waren Bergleute dabei, 18 Stollen in einen Hang des Elstertals zu sprengen, die miteinander verbunden eine riesige unterirdische Fabrikhalle (Tarnname "Schwalbe V") ergeben sollten. Die Häftlinge mussten das Gestein ins Freie bringen und in einem Steinbruch Basalt für einen Bahndamm abschlagen. "Es war nicht möglich, sich zu säubern oder zu waschen", erinnerte sich Josef Krauze, der gleichzeitig mit Ernst Ruschkewitz aus Buchenwald in Berga ankam. "Wir aßen Läuse und andere Insekten, um zu überleben." Der Hunger war so groß, dass viele Männer im Gelände tot umfielen, schrieb der Häftling Paul Frenkel.

Beide notierten ihre Erlebnisse Jahrzehnte später für die Heimatforscherin Christine Schmidt, die dafür kämpfte, dass nach Entdeckung der Gräber der Häftlingsfriedhof entstand und die Erinnerung an das KZ Berga nicht verloren geht.

Die Stele für Ernst  Ruschkewitz und drei Mithäftlingen.
Foto: Roland Flade | Die Stele für Ernst  Ruschkewitz und drei Mithäftlingen.

In Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste" wird die Terrorherrschaft des SS-Manns Amon Göth im KZ Plaszów bei Krakau gezeigt. Die Zustände in Berga waren vergleichbar. Der Leiter des KZ, SS-Obersturmführer Willy Hack, war oft betrunken. Er und die anderen SS-Männer misshandelten die Häftlinge bis sie bluteten und warfen sie  zum Sterben in einen mit Wasser und Schlamm gefüllten Graben. Oder sie hetzten einen Wolfshund auf sie und als dieser mit einem Stück Menschenfleisch zurückkam rieb sich Hack zufrieden die Hände.

Die Eingänge zu den Stollen und zur nie fertiggestellten unterirdischen Fabrik wurden 1945 und 1946 gesprengt. Willy Hack wurde, wie Amon Göth, nach dem Krieg zum Tod verurteilt und hingerichtet. Vor dem Würzburger Kaufhof liegen Stolpersteine für Ernst, Ruth und Jan Ruschkewitz. Im Ringpark plätschert schräg gegenüber vom Studentenhaus ein Brunnen, den Siegmund Ruschkewitz 1914 der Stadt geschenkt hatte. Alte Würzburger nennen ihn noch heute Ruschkewitz-Brünnle.

Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow am Grab von Ernst Ruschkewitz.
Foto: Roland Flade | Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow am Grab von Ernst Ruschkewitz.
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