Greußenheim

Houda Droll hilft als Dolmetscherin in der Greußenheimer Notunterkunft

Mittlerin zwischen den Welten: Huoda Droll weiß aus eigener Erfahrung, wie viele feine Unterschiede es zwischen der arabischen und der deutschen Kultur gibt.
Foto: Obermeier | Mittlerin zwischen den Welten: Huoda Droll weiß aus eigener Erfahrung, wie viele feine Unterschiede es zwischen der arabischen und der deutschen Kultur gibt.

Sie hat es geschafft: Vor 14 Jahren kam sie in einem fränkischen 500-Seelen-Dorf an, ohne Sprachkenntnisse, ohne zu wissen, wie Deutschland und die Deutschen ticken. Dass es Unterschiede zu ihrer Heimat Tunesien geben würde, allein der verschiedenen Kulturen wegen, war ihr klar.

Was genau das heißen würde, musste Houda Droll aber erst nach und nach erfahren. 2001 folgte sie ihrer deutschen Urlaubsliebe nach Duttenbrunn. Mit ihrem Mann konnte sie sich auf Englisch verständigen, mit den Schwiegereltern war das schwieriger. Huoda Droll wollte lernen, schrieb alles auf, paukte die Begriffe, sprach sie nach, wie sie sie hörte, machte sich Wort für Wort die deutsche Sprache zu eigen.

Vor allem jenseits der Vokabeln musste sie ihr neues Zuhause, die Menschen, ihre Art miteinander umzugehen, verstehen lernen. „Ich habe mich manchmal angegriffen gefühlt, obwohl es meine Schwiegereltern nur gut mit mir gemeint haben“, erinnert sich die 40-Jährige. Heute weiß sie, was sie damals so verletzt hat: Diese direkte Art, in der Deutsche miteinander reden, sich auffordern, Dinge zu tun oder auch zu lassen – das komme in der arabischen Kultur einer Beleidigung gleich. „Araber kommunzieren viel emotionaler miteinander“, sagt sie. Wichtiger als das, was gesagt wird, sei, wie es gesagt wird. Entscheidend ist: Spiegelt sich darin eine persönliche Wertschätzung wider?

Dieser Unterschied wird Houda Droll einmal mehr bei einem Treffen der Helfer und Flüchtlinge in der Alte Schule in Greußenheim deutlich: Sie übersetzt, was die Ehrenamtlichen den Flüchtlingen zu sagen haben. Und umgekehrt. Da ist zum Beispiel die Rede von Tischtennisschlägern, die kaputt gemacht würden, gefolgt von der Bitte, das zu vermeiden und der anschließenden Warnung, künftig dafür gerade stehen zu müssen. Houda Droll überlegt kurz, dann beginnt sie zu übersetzen. Sie spricht ruhig, ihr Ton ist freundlich, ihr Blick ernst und offen, ab und an lächelt sie.

Was Droll da auf Arabisch zu den Flüchtlingen sagt, versteht keiner der Greußenheimer. Dass es keine Eins-zu-Eins-Übersetzung ist, dürfte jedem angesichts ihrer Rededauer klar sein. „Ich musste es für sie anders formulieren, so dass sie es auch annehmen können“, sagt sie später. Sie habe ihnen erklärt, dass sie achtsam mit den Dingen umgehen müssen, schließlich kämen weitere Flüchtlinge, vielleicht sogar Verwandte von ihnen, die gerne damit spielen wollen. Einfach nur die Spielregeln klar zumachen, wie es im Deutschen üblich wäre, hätte in den Ohren der Flüchtlinge wie eine persönliche Zurückweisung geklungen, weiß Droll. „Dann machen sie dicht.“

Das manches anders gemeint ist, als es für sie klingen mag, müssten die Flüchtlinge noch lernen, so Droll. Wie auch, ihre Ungeduld zu zügeln, die auf Deutsche mitunter fordernd oder anmaßend wirkt. „Ich habe Zahnschmerzen, ich will zum Arzt“, meldet sich ein Flüchtling zu Wort. Wer ihn fahren könne? Die Greußenheimer Helfer blicken einander irritiert an. Es ist früher Abend, die Praxen haben geschlossen und nach einem Notfall für die Zahnklinik schaut der junge Mann nicht aus. Man einigt sich darauf, am nächsten Tag zum Arzt zu fahren.

„Sie denken, dass hier in Deutschland ja alles prima läuft, alles da ist. Warum also soll man es nicht bekommen, wenn man es braucht?“, sagt Droll. Dass man aber Termine ausmachen und manchmal warten müsse, das leuchte den Wenigsten auf Anhieb ein. Ein Teil dieser Ungeduld sei sicher auch ihrer Euphorie geschuldet, es endlich nach Deutschland geschafft zu haben.

Die Kehrseite dieser Euphorie sei jedoch die Ungewissheit: Wie geht es weiter, können sie ihre Familien nachholen, müssen sie zurück? In diesem Gefühlschaos, zwischen Erleichterung und Angst, falle es sicher schwer, besonnen und gelassen zu bleiben, so Droll.

Noch etwas wird den Flüchtlingen offensichtlich erst an diesem Abend klar, an dem Houda Droll übersetzt: Die Helfer, die mit Sport- und Spielaktionen dafür sorgen, dass ihnen nicht die Decke auf den Kopf fällt, die Essen und Kleider austeilen oder Fahrdienste übernehmen, machen das freiwillig, neben ihrer Arbeit, sie opfern dafür ihre Freizeit, es ist nicht ihr Job. Das Thema kommt zufällig zur Sprache, als eine Helferin, die das tägliche Basketballspiel betreut, darum bittet, zur ausgemachten Zeit da zu sein und nicht erst eine halbe Stunde später einzutrudeln. Die Nachricht von der unbezahlten, echten Hilfe scheint angekommen zu sein: Am Tag darauf werden alle Spieler pünktlich zum Anpfiff bereitstehen.

Es gibt viel zu erklären und viel zu verstehen – für beide Seiten. Wie etwa, dass man nicht jede Bank oder Schaukel, die irgendwo steht, benutzen darf. „Wir haben den Flüchtlingen erklärt, dass das Privateigentum ist, auch wenn die Grundstücke nicht eingezäunt sind, und dass es in Deutschland sehr wichtig ist, diese Spielregel einzuhalten“, erzählt etwa Greußenheims zweiter Bürgermeister Rainer Troll. „In den Ländern, aus denen sie kommen, spielt sich das Leben draußen ab und wenn da eine Bank steht, setzt man sich eben zusammen“, erklärt er den Greußenheimer Helfern.

Und noch eine Lektion hält der Abend bereit: Was gut gemeint ist, muss nicht gut ankommen. Viele Greußenheimer hatten angesichts der hochsommerlichen Temperaturen Tops und Spaghetti-Träger-Shirt in der Kleiderkammer abgegeben. Keine der Flüchtlinge griff nach diesen Teilen. Mit Undankbarkeit hat das nichts zu tun. Der Grund liegt so nahe, dass man ihn leicht übersieht: Eine Muslima würde niemals so viel Haut in der Öffentlichkeit zeigen. Amüsiert vom eigenen Lapsus müssen einige Greußenheimer laut lachen. Vielversprechender kann der Wille, einander verstehen und kennen zu lernen, nicht klingen – egal in welcher Sprache. „Ja, dann suchen wir jetzt halt nach dünnen Strickwesten oder Tüchern“, sagt eine Greußenheimerin.

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