Würzburg

 Im Vertiko fand sich eine Zeitung von 1920

Stefan Nothegger restauriert zusammen mit Bernd K. einen über hundert Jahre alten Hochschrank.
Foto: Christophorus-Gesellschaft | Stefan Nothegger restauriert zusammen mit Bernd K. einen über hundert Jahre alten Hochschrank.

Nein, ein Rückgang an Aufträgen war 2020 trotz Krise nicht zu verzeichnen. „Wir hatten genauso viel zu tun wie sonst“, freut sich Stefan Nothegger, der die Holzwerkstatt des Würzburger Johann-Weber-Hauses leitet. Im Moment restauriert das Team einen über 100 Jahre alten Hochschrank. „Dass das Vertiko so alt ist, wissen wir, weil wir beim Zerlegen eine Zeitung von 1920 fanden“, erzählt Bernd K. (Name geändert), der im Johann-Weber-Haus lebt und seit einem Jahr in der Holzwerkstatt arbeitet.

Weil das erste Quartal des neuen Jahres genauso gut begann, wie das letzte Quartal endete, müssen Neukunden gerade ein wenig warten, bis ihr Auftrag angenommen werden kann. Für Bernd K. ist es klasse, dass es so viel zu tun gibt. Der gelernte Koch und Bäcker, der nach mehreren Schicksalsschlägen psychisch erkrankte, ist Arbeiten gewohnt. „Ich hatte einen eigenen Betrieb“, erzählt der 43-Jährige. Doch der ließ sich irgendwann nicht mehr halten. Die berufliche Krise führte zu massiven Problemen in der Partnerschaft. Bernd K. verlor plötzlich alles: „Meine berufliche Existenz, meine Lebensgefährtin, mein Erspartes und schließlich meine Wohnung.“

Früher war es Bernd K. egal gewesen, ob eine Wohnung stylisch oder altmodisch eingerichtet war: „Möbel haben mich nie interessiert.“ Überhaupt – mit Holz hatte er nie etwas zu tun, erzählt er schmunzelnd: „Außer mit Holzkochlöffeln.“ Durch die Arbeit in der Werkstatt hat sich das geändert. Bernd K. schätzt heute antike Möbel. Er liebt es, Holzoberflächen zu bearbeiten: „Das ist oft richtig meditativ.“ Vor allem aber hat er bei Schreinermeister Stefan Nothegger eines gelernt: „Ich achte heute viel mehr auf meine Grenzen.“ Früher hatte sich Bernd K. oft überfordert. So kam es letztlich auch zum beruflichen Scheitern. Inzwischen hält er früher inne. Und er lässt sich mehr Zeit.

Werden Tätigkeiten unter hohem Zeitdruck erledigt, kann es zu Pfuscharbeit kommen. Dieses Übel ist vom Bau bekannt. In der Holzwerkstatt des Johann-Weber-Hauses spielt Zeit keine Rolle. Nothegger: „Ein Möbelstück ist fertig, wenn es fertig ist.“ Nachdem die Werkstatt nicht gewinnorientiert arbeitet, kann sich das Team den Luxus „Zeit“ erlauben. Nur so ist es aber auch möglich, dass Männer, die, wie Bernd K., noch nie etwas mit Holz zu tun hatten, die Möbelrestaurierung zumindest in ihren Grundzügen erlernen. Die Erfolgsquote ist riesig. Nothegger: „Ich bin nun 21 Jahre Werkstattleiter und hatte in dieser Zeit nur eine einzige berechtigte Reklamation.“

In regelmäßigen Dreiergesprächen bringen die Rehabilitanden aufs Tapet, was sie gerade bewegt. Neben Stefan Nothegger nimmt daran immer auch ein Sozialarbeiter aus dem Johann-Weber-Haus teil. Daneben finden Einzelgespräche statt: Welches Ziel hat ein Klient? Was könnten die nächsten Schritte sein, um dieses Ziel zu erreichen? Bernd K. hat längst einen Traum für seine Zukunft: „Ich würde gerne im sozialen Bereich arbeiten, zum Beispiel mit Kindern in einem SOS-Kinderdorf oder in einem Wohnheim für behinderte Menschen.“ Dies deshalb, weil er endlich seine soziale Ader und seine Kreativität ausleben möchte.

Durch das Johann-Weber-Haus öffneten sich Bernd K. völlig neue Wege. Die Pandemie allerdings macht es schwierig, das, was sich der Würzburger erträumt, schnell zu realisieren: „Ohne die Corona-Krise wäre ich jetzt wahrscheinlich schon in einer Maßnahme des Jobcenters.“ Doch viele Maßnahmen sind im Moment ausgesetzt: „Alles zieht und zieht sich.“ Zum Glück kann Bernd K. weiter in der Holzwerkstatt tätig sein. Er schleift. Wachst. Und macht sonst alles, was anfällt. Jeden Tag lernt er etwas hinzu. Fast jeden Tag hat er das Gefühl, ein kleines bisschen stabiler zu werden. Ein kleines bisschen sortierter.

Heuer noch würde Bernd K. gerne in eine eigene Wohnung umziehen und wieder sein eigener Herr sein. Mal schauen, ob es klappt. Bernd K. versucht, nicht ungeduldig zu werden. Wenn er daran denkt, wie er vor zwei Jahren ins Johann-Weber-Haus zog, muss er leise lachen: „Ich dachte, ich bin nach einem halben Jahr wieder weg.“ Doch was ist ein halbes Jahr, denkt er heute, wenn er über das mehr als hundert Jahre alte, helle Holz des Vertikos streicht. Das antike Möbelstück lehrt ihn, die Zeit etwas anders zu bewerten. Was könnte der Schrank nicht alles erzählen. Er existierte vermutlich schon, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Und überstand den verheerenden zweiten Krieg.

Bernd K. konnte im Johann-Weber-Haus lange über sein bisheriges Leben nachdenken. Und das war äußerst wichtig für ihn gewesen. Hätte er diese Chance nicht erhalten, hätte er vielleicht nie erkannt, warum er in der Vergangenheit immer wieder scheiterte. Stefan Nothegger, mit dem er nun schon seit einem Jahr kooperiert, weist ihn stets darauf hin, wenn etwas nicht ganz so läuft, wie es eigentlich laufen sollte. Oft ist Bernd K. über das Feedback überrascht: „Es ist wirklich interessant, wie andere einen sehen.“ Interessant ist das. Und äußerst lehrreich. Bernd K. schaffte es in vielerlei Hinsicht, sich zu korrigieren. Was seine Chancen auf einen guten Neustart erheblich vergrößert.

Von: Nadia Fiedler, für die Christophorus-Gesellschaft

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