Theilheim

Kilian Wallrapp, die Musik und der "Kredit"

200 Jahre alt ist die Idee von Friedrich Wilhelm Raiffeisen. In Theilheim wurde 1877 die erste Genossenschaftsbank Bayerns gegründet.
Das Original-Gründungsprotokoll für den Darlehenskassenverein in Theilheim vom 15. November 1877.
Foto: Antje Roscoe | Das Original-Gründungsprotokoll für den Darlehenskassenverein in Theilheim vom 15. November 1877.

Im Weinort Theilheimwurde am 15. November 1877 die erste Genossenschaftsbank in Bayern gegründet. Aus der Not heraus geschah es, wie damals üblich. Das noch junge Genossenschaftsprinzip nach Friedrich Wilhelm Raiffeisen war noch am Beginn seiner Karriere und feiert jetzt im Jubiläumsjahr "200 Jahre Raiffeisen". Raiffeisen gibt es in Theilheim auch noch immer - inzwischen als Geschäftsstelle der Volksbank Raiffeisen Bank Würzburg eG (VR-Bank Würzburg).

1877 zählt das Wein- und Ackerbauerndorf Theilheim um die 750 Einwohner, heute mehr als das Dreifache. 95 Prozent dürften Bauern gewesen sein, die mehr schlecht als recht wirtschafteten. Einer von war Kilian Wallrapp. Er war 35 Jahre alt, als er im "Fränkischen Landwirt" über die Raiffeisenschen Darlehenskassen las. Ihr gemeinnütziger Zweck und Nutzen begeisterten Wallrapp, nicht aber die Theilheimer. Als Mitglied der Gemeindeverwaltung versuchte er dort mit der Raiffeisenschen Idee zu überzeugen: "Was einer alleine nicht schafft, das schaffen viele". Im Juni des folgenden Jahres setzte er eine Gründungsversammlung an. Er ludt Dr. Lölls, den Autor des Artikels und Sekretär des landwirtschaftlichen Kreisvereins für Unterfranken dazu. Die Versammlung sei gut besucht gewesen, überliefert die Chronik zur Gründung. Indes: es findet sich keine Mehrheit.

"Not können wir heute getrost anders definieren"
Helmut Heitzer - Prokurist VR-Bank Würzburg

Doch Wallrapp gab nicht auf, argumentierte weiter, lud ein zweites Mal zu einer Gründungsversammlung ins Gasthaus ein. Es kamen nur 18 Mitbürger. Da die Blaskapelle im Nebenraum probte, wurde sie dazu gebeten. "Eigentlich muss die Musik als Mitbegründer genannt werden. Ohne sie hätte es wahrscheinlich nicht geklappt", lacht Helmut Heitzer, Prokurist und Marketingleiter der VR-Bank Würzburg. Im gleichen Jahr hatte sich in Raiffeisens Heimat der erste Spitzenverband aus 24 Genossenschaften gegründet.

Kilian Wallrapp – Gründer und Vorstandsmitglied des Theilheimer Darlehenskassenvereins von 1877 bis zu seinem Tode 1921.
Foto: Antje Roscoe | Kilian Wallrapp – Gründer und Vorstandsmitglied des Theilheimer Darlehenskassenvereins von 1877 bis zu seinem Tode 1921.

In der Theilheimer Geschäftsstelle ist das Historische Archiv der VR-Bank Würzburg untergebracht, natürlich mit der Original-Gründungsurkunde und weiteren Dokumenten zur ersten Genossenschaftsbank Bayerns, wie auch der Ehrenurkunde der Industrie- und Handelskammer Würzburg-Schweinfurt zum 100-jährigen Bestehen. Sie dokumentiert die Weitsicht und den Erfolg, die Wallrapp zu verdanken sind - unter anderem auch die Wassergenossenschaft und den Wasserleitungsbau betreffend. Allerdings war man davon, dass sich die Genossenschaftsidee erfolgreich über die ganze Welt verbreiten und 2016 der erste deutsche Beitrag zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit bei der UNESCO werden würde, noch undenkbar weit entfernt.

Sparen und Vorsorge waren damals nicht üblich

Wie schwierig die Anfänge in Theilheim waren zeigen schon einige wenige Gegebenheiten: Sparen und Vorsorge, so Heitzer, waren damals nicht üblich, geschweige denn, die Mittel dazu vorhanden. Vermögen drückt sich in Morgen und bald in Hektar aus. Kreditwünsche gab es wohl, wie der Chronik zu entnehmen ist, doch nicht genügend Kapital und das ganze Dorf spottete über den Verein, den so genannten "Kredit".

Das Historische Archiv der VR-Bank Würzburg in Theilheim sind unter anderem technisches Gerät wie Kassen- und Kreditbücher, Rechen- und Zählmaschinen etc. verwahrt.
Foto: Antje Roscoe | Das Historische Archiv der VR-Bank Würzburg in Theilheim sind unter anderem technisches Gerät wie Kassen- und Kreditbücher, Rechen- und Zählmaschinen etc. verwahrt.

Um ein gewisses Grundkapital für die Genossenschaftsbank aufzubauen springt auf Vermittlung des Aufsichtsratsvorsitzenden Pfarrer Wolf die Universitätskasse Würzburg ein. Allerdings mussten sich die fünf Vorstände dazu durchringen, ihre Höfe als Hypothek einzubringen. Nächste Schwierigkeit: auch die Ehefrauen mussten zustimmen und mit zum Notar, was für die patriarchalische Zeit verwunderlich genug ist. Die wirtschaftliche Situation ist überaus schwierig, die Erlöse aus der Landwirtschaft niedrig. Die 1880er Jahre gehen als Missjahre in die Geschichte ein. Es ist die Zeit der Zwangsversteigerungen und Auswanderung.

Uwe Kapp, Kundenberater in Theilheim und Marketing Leiter Helmut Heitzer in der VR-Bank Geschäftstelle in Theilheim – wo 200 Jahre Raiffeisen eine besondere Bedeutung haben, nachdem hier die erste Genossenschaftsbank Bayerns gegründet wurde.
Foto: Antje Roscoe | Uwe Kapp, Kundenberater in Theilheim und Marketing Leiter Helmut Heitzer in der VR-Bank Geschäftstelle in Theilheim – wo 200 Jahre Raiffeisen eine besondere Bedeutung haben, nachdem hier die erste Genossenschaftsbank ...

Kurios genug ist es, dass das damals noch junge und sicher wagemutige Finanzmodell des Westerwälders Raiffeisen hier auf einen ähnlichen Visionär mit Tatkraft und Durchhaltevermögen trifft. Zehn Jahre dauert es, bis der Darlehenskassenverein nach der Gründung auf die Beine kommt. Es kommen in der Folge auch der Betrieb eines landwirtschaftlichen Lagerhauses und andere genossenschaftliche Aktivitäten dazu, wie die Errichtung einer Obstbaumschule und die Anschaffung diverser Maschinen bis hin zu Obstkelter und Dreschmaschine, die sich keiner hätte leisten können.

Ideen, die es wert sind, umgesetzt zu werden

"Not können wir heute getrost anders definieren", sagt Heitzer in Anspielung auf neue Finanzierungsformen. "Wir stehen jetzt für Ideen, die es wert sind, umgesetzt zu werden, denen aber die Finanzen fehlen". Crowdfunding für die klassischen Vereinsprojekte und Crowdinvesting für wirtschaftliche Unternehmungen verkörpern heute das Genossenschaftsprinzip auf sehr demokratische und gemeinschaftliche Weise. Die reformerische Grundidee aber sei nach wie vor aktuell: Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung. Von Winzergenossenschaften über den Wohnungsbau oder die Mainschifffahrt bis zum Kulturbetrieb Kino, führt Heitzer an, ist die Genossenschaft die ideale Rechtsform. In Zeiten von Networking sei sie überaus modern.

Die Raiffeisen-Idee
22,6 Mio. Menschen in Deutschland sind Mitglied einer Genossenschaft. Tendenz steigend. Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818 - 1888) gilt mit der Gründung des ersten Darlehenskassenverein 1862 als der Begründer des Genossenschaftswesens. Nahezu zeitgleich verfolgt Hermann Schulze-Delitzsch in Sachsen ähnliche Reformen, etabliert "Rohstoffassoziationen" und die Vorläufer der heutigen Volksbanken.
Ein großer Wunsch geht Kilian Wallrapp aus Theilheim in Erfüllung, als er Raiffeisen 1885 bei einer Raiffeisenversammlung in Mainz persönlich kennen lernt. Diese verhilft der Genossenschaftsidee in Bayern schließlich zum Durchbruch. Zahlreichen Neugründungen von Raiffeisenvereinen folgt schließlich die Gründung des Bayerischen Landesverbands und der Zentraldarlehenskasse. Landesorganisationen, die wirtschaftlich und politisch stärken.
Mit rund 83.000 Privat- und Firmenkunden ist die VR-Bank Würzburg, in der die erste Genossenschaftsbank Bayerns aufgegangen ist, aktuell nach eigenen Angaben die größte VR-Bank in Mainfranken. Ihr Geschäftsbereich mit 38 Filialen und 350 Mitarbeitern reicht von Zellingen im Norden bis Röttingen im Süden.
Mehr über Raiffeisen: https://raiffeisen2018.de
60 Jahre nach seinem Tod an Heiligabend 1921, wurde die Straße vor der Bank in Kilian-Wallrapp-Straße umbenannt.
Foto: Antje Roscoe | 60 Jahre nach seinem Tod an Heiligabend 1921, wurde die Straße vor der Bank in Kilian-Wallrapp-Straße umbenannt.
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