Würzburg

Neuer Main-Post-Chefredakteur: Warum sich Ivo Knahn mehr Widerspruch wünscht

Schon als 15-Jähriger hat Ivo Knahn für die Main-Post geschrieben. Jetzt wird er Chefredakteur. Welchen Journalismus Leserinnen und Leser künftig erwarten dürfen.
Ivo Knahn ist neuer Chefredakteur der Mediengruppe Main-Post.
Foto: Silvia Gralla | Ivo Knahn ist neuer Chefredakteur der Mediengruppe Main-Post.

Zum 1. Oktober wird Ivo Knahn Chefredakteur für alle Publikationen der Mediengruppe Main-Post. Der 46-Jährige stammt aus Marktheidenfeld (Lkr. Main-Spessart), lebt heute im Landkreis Würzburg und ist Vater von vier Kindern. Er hat bei der Main-Post volontiert, später war er dort unter anderem als Redaktionsleiter, Art Director und Transformationsmanager tätig. Seit 2017 war Knahn Stellvertreter von Chefredakteur Michael Reinhard. Im Interview erläutert er, welchen Herausforderungen sich Journalismus in digitalen Zeiten stellen muss und warum er sich von seiner Redaktion manchmal mehr Widerspruch wünscht.

Frage: Ivo, Du wirst jetzt Chefredakteur. Müssen wir Dich künftig siezen oder können wir beim Du bleiben?

Ivo Knahn (lacht): Ist die Frage ernst gemeint? Wir kennen uns seit vielen Jahren. Und ich bin kein anderer Mensch, nur weil ich jetzt Chefredakteur bin. Ich hoffe, dass niemand wegen meiner neuen Position sein Verhalten mir gegenüber ändert. 

Du bist seit über 30 Jahren bei der Main-Post. Schon als 15-Jähriger hast Du als freier Mitarbeiter für die Main-Post in Marktheidenfeld Termine besucht. Was ist die nachhaltigste Veränderung in all den Jahren für Dich gewesen?

Knahn: Die Veränderung an sich, sie hat mich von Beginn an begleitet. Ich habe in der Redaktion noch  Schwarz-Weiß-Filme entwickelt. Dann gab es die erste Digitalkamera. So ging es immer weiter. In all den Funktionen, die ich in den 30 Jahren übernommen habe, musste ich mich immer verändern. Und das macht mir Spaß. Ich bin vom Typ her so, ich verändere mich gerne.

"Michael Reinhard war auch mein persönlicher Coach."
Ivo Knahn, Main-Post-Chefredakteur
Wird sich also auch die Main-Post mit Dir als Chefredakteur verändern?

Knahn: Natürlich werden wir uns weiter entwickeln. Mit dem Chefredakteur-Wechsel hat das aber nichts zu tun. Dieser Übergang wird ein sehr ruhiger sein. Michael Reinhard hat mich in seinen 21 Jahren als Chefredakteur immer begleitet. Als er in Würzburg angefangen hat, habe ich hier volontiert. Unser Miteinander ist mit den Jahren immer enger geworden, seit 2017 war ich dann sein Stellvertreter. Er war auch mein persönlicher Coach in dieser Zeit und ich habe unendlich viel von ihm gelernt. Zum einen ist er journalistisch eine Instanz, die der gesamten Redaktion Sicherheit gegeben hat. Zum anderen hat er mit seinem Führungsstil ein Klima in der Redaktion geschaffen, um das uns viele Medienhäuser beneiden. Er hat eine Diskussionskultur geprägt, die auch harte Kritik möglich macht, in der wir aber doch immer wohlwollend und gut miteinander umgehen. Dafür bin ich ihm sehr, sehr dankbar.

Ivo Knahn im Gespräch mit  Redakteurin Julia Back (rechts) und Redakteur Michael Czygan (links).
Foto: Silvia Gralla | Ivo Knahn im Gespräch mit  Redakteurin Julia Back (rechts) und Redakteur Michael Czygan (links).
Und wie hat sich der Journalismus verändert?

Knahn: Ich erinnere mich an Robert Geis, meinen ersten Redaktionsleiter in Marktheidenfeld. Der hat immer gesagt: Ihr müsst raus zu den Leuten. Dieser Satz, der gilt gerade im Lokaljournalismus auch heute noch. Wir müssen uns mit den Menschen vor Ort vernetzen – analog wie digital. Wir wollen sie in ihrem Alltag begleiten und wissen, was sie bewegt. Gleichzeitig ist die Art und Weise, wie wir heute erzählen und veröffentlichen, vielfältiger geworden. Früher gab es einen Kanal, nämlich die Zeitung. Bis zum täglichen Redaktionsschluss konnten wir uns mit viel Ruhe und Zeit genau überlegen, was wir veröffentlichen. Heute gibt es unzählige Kanäle, die wir rund um die Uhr bedienen. Wir haben permanent Redaktionsschluss. Dadurch ist das Geschäft schneller geworden.

Leiden die Inhalte darunter?

Knahn: Nein, überhaupt nicht. Wir reden in der Redaktion unheimlich viel über journalistisches Handwerk. Heute kann ein jeder rund um die Uhr in den sozialen Medien seine Sicht der Dinge ungefiltert veröffentlichen. Aber jeder oder jede, die dort sendet, ist noch lange nicht Journalist oder Journalistin. Um glaubwürdig und relevant zu sein, sind andere Qualitäten gefragt.

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Knahn: Das Foto von einer Scheckübergabe an einen Kindergarten oder Verein, das war früher eine Aufgabe, die Lokalredakteure hatten. Das machen wir heute nicht mehr selbst, weil wir sagen, das ist eine Information, für die es keine journalistischen Fertigkeiten wie Recherche oder eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gegenüber braucht. Solche Inhalte veröffentlichen wir weiter gerne. Aber wir lassen sie uns von den Betroffenen liefern, zum Beispiel vom Verein oder Kindergarten.

"Wir wissen heute besser, welche Themen die Menschen bewegen."
Ivo Knahn, Main-Post-Chefredakteur
Diese Veränderung schmerzt viele Leserinnen und Leser, gerade die, die sich in den Vereinen engagieren.

Knahn: Ja, das ist teilweise so. Aber diese Veränderung ist notwendig, um mehr Ressourcen für journalistische Tätigkeiten wie Recherche zu haben. Das ändert nichts an unserer Wertschätzung für das Ehrenamt. Diese Inhalte finden ja weiterhin in der Zeitung und auf mainpost.de statt. Das ist doch das Wichtigste – für die Vereine und für die Leserschaft.

Wir wissen heute viel mehr, welche Beiträge Leserinnen und Leser gerne nutzen, wie lange sie auf einzelnen Texten verweilen, wann sie aufhören zu lesen. Inwieweit verändert das den Journalismus?

Knahn: Ich glaube, dieses ständige Feedback von Leserinnen und Lesern im Digitalen macht den Journalismus besser. Wir wissen heute besser, welche Themen die Menschen bewegen. Früher waren wir da oft allein auf unser Bauchgefühl angewiesen. Anhand des Nutzungsverhaltens lässt sich auch erkennen, ob eine Geschichte schon auserzählt ist oder ob sich weitere Recherchen lohnen.

Ivo Knahn (rechts) folgt auf Michael Reinhard, der 21 Jahre lang Chefredakteur der Main-Post war.
Foto: Christoph Weiss | Ivo Knahn (rechts) folgt auf Michael Reinhard, der 21 Jahre lang Chefredakteur der Main-Post war.
Apropos Zahlen. Ein vielfach geäußerter Vorwurf lautet, Journalistinnen und Journalisten schauten nur noch nach Klicks.

Knahn: Ich finde das Wort Klick ganz furchtbar. Das ist billig. Und der Vorwurf ist Quatsch. Unser Job ist es, Öffentlichkeit herzustellen. Jeder Journalist, der es nicht schafft, mit seinem Inhalt eine relevante Anzahl an Menschen zu erreichen, muss sich fragen, warum das so ist. Und da helfen uns Kennzahlen sehr gut. Das darf allerdings nicht dazu führen, dass wir ausschließlich die Themen machen, die eh gut 'geklickt' werden. Wir müssen uns vielmehr fragen, warum Inhalte, die wir für wichtig halten, nicht gut genutzt werden. Liegt es am Thema? Oder liegt es an unserer Aufarbeitung? Oft liegt es an der Aufarbeitung. Da sind wir als Journalisten  mit all unserer Kreativität gefragt.

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Der freien Presse kommt in der Demokratie auch eine Kontrollfunktion zu. Wie kann die unter den veränderten Bedingungen erfüllt werden?

Knahn: Es gibt Medienhäuser, die schreiben ihren Journalistinnen und Journalisten vor, wie viele Texte sie jeden Tag oder jede Woche zu liefern haben. Davon halte ich gar nichts. Natürlich kann sich keiner ausruhen. Aber wir erreichen Menschen nicht durch viele Inhalte, sondern durch gute. Ich bin überzeugt, dass es auch mal notwendig ist, sich drei, vier Tage oder viel länger mit einem Thema zu beschäftigen. Und es gehört dazu, dass nach tagelanger Recherche auch mal nichts Verwertbares rauskommt. Das macht Journalismus so aufwendig. Aber nur so können wir unserer Kritik- und Kontrollfunktion gerecht werden. Und das tun wir.

"Missstände aufzuklären, bleibt eine unserer wichtigsten Aufgaben."
Ivo Knahn, Main-Post-Chefredakteur
Kannst Du Beispiele nennen?

Knahn: Wir decken Mietskandale in Würzburg auf, wir bringen Amtsmissbrauch in der Schweinfurter Stadtverwaltung an die Öffentlichkeit, wir bleiben über Jahre an Missbrauchsfällen in der Kirche dran. Ganz aktuell ist der Wassermissbrauch in der Bergtheimer Mulde, der durch unsere Recherchen aufgedeckt wurde. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Missstände aufzuklären, bleibt eine unserer wichtigsten Aufgaben. Wir haben mehr als 70 festangestellte Reporterinnen und Reporter im Einsatz. Dazu kommen Hunderte freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Kolleginnen und Kollegen, die für die Öffentlichkeit unsichtbar, aber genauso professionell die Zeitung produzieren oder sich um das Ausspielen im Internet kümmern. Permanent arbeiten wir mit Experten aus anderen Bereichen zusammen, zum Beispiel Entwicklern, Datenspezialisten oder Mediengestalterinnen. Journalismus ist Teamarbeit, die viel Geld kostet, die aber existenziell ist für eine funktionierende Gesellschaft. Dass wir dabei auch Fehler machen, will ich gar nicht verschweigen. Die korrigieren wir aber immer transparent.

Wie garantiert die Main-Post, dass ihre Journalisten unabhängig sind?

Knahn: Wichtig ist wirtschaftliche Unabhängigkeit. Dafür sind wir als Unternehmen erstmal selbst verantwortlich. Aber wir haben auch das Glück, zur Mediengruppe Pressedruck in Augsburg zu gehören. Die Verantwortlichen dort fordern publizistische Qualität ein und wissen, dass diese Geld kostet. Das zweite Thema ist: Wie sichern wir auch redaktionsintern eine Unabhängigkeit?

Ivo Knahn beim Interview.
Foto: Silvia Gralla | Ivo Knahn beim Interview.
Was heißt das?

Knahn: Wir haben uns nicht nur, wie alle seriösen Verlagshäuser, dem Pressekodex verpflichtet. Wir haben darüber hinaus eigene journalistische Leitlinien erarbeitet, die öffentlich nachzulesen sind. Da sind unter anderem Regeln zum Umgang mit ungesicherten Informationen festgeschrieben, zu diskriminierungsfreier Sprache, aber auch zu Fragen von Compliance. Dieses Regelwerk ist eines der großen Verdienste von Michael Reinhard. Im Entstehungsprozess hat er unzählige Debatten in der Redaktion angestoßen. Auf diese Diskussionskultur baue ich auch künftig. Wir müssen ständig intern über unsere Inhalte und Abläufe diskutieren. Ich würde mir manchmal noch mehr Widerspruch von Kolleginnen und Kollegen wünschen. Wir sind uns oft zu schnell einig. Vielleicht bin ich da auch selbst manchmal zu schnell mit Entscheidungen. 

Lass uns einen Ausblick wagen: Wie sieht die Main-Post in fünf Jahren aus?

Knahn: Wenn ich das wüsste, wäre ich nicht Chefredakteur geworden, sondern würde in einer Zaubershow auftreten. Vielleicht hilft der Blick fünf Jahre zurück: Damals war das Team im Schnitt drei Jahre älter als heute, damals hatten wir sieben Prozent Frauen in Führungspositionen, heute sind es 53 Prozent. Vor fünf Jahren haben wir monatlich im Digitalen etwa 30 bis 50 Abonnenten gewonnen, heute gewinnen wir 700 bis 800 Abonnenten. Das stimmt mich hoffnungsvoll, auch wenn es deutlich schwieriger ist, Digital-Abonnenten dauerhaft zu halten als einen Printleser. Wir sind ein Haus, das mit viel Selbstvertrauen und großer Erfahrung ständig neue Herausforderungen angeht. Gleichzeitig wissen wir, dass die Zeiten wirtschaftlich eher noch schwieriger werden. Einerseits verlieren wir in Print Auflage, andererseits ist die Bereitschaft, für digitalen Journalismus zu bezahlen, noch nicht so ausgeprägt, wie sie es sein müsste. Wir erreichen heute zwar so viele Menschen mit unseren Inhalten wie nie zuvor. Aber die Frage lautet: Wie lässt sich Journalismus auch in fünf oder 15 Jahren finanzieren? Die Antwort, die suchen wir noch. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir sie finden.

Das Gespräch führten Julia Back (36) und Michael Czygan (59). Back hat 2013 bei der Main-Post volontiert, seit Juni 2022 ist sie Redaktionsleiterin in der Rhön. Czygan hat 1985 bei der Main-Post volontiert, nach mehreren Stationen in der Rhön und in Würzburg ist er seit April 2012 stellvertretender Leiter der Regionalredaktion.

Fragen an Ivo Knahn

Haben Sie Fragen an den neuen Chefredakteur? Ivo Knahn beantwortet sie gerne. Schicken Sie Ihre Mail an: ivo.knahn@mainpost.de
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