Würzburg/Schweinfurt

Polizeisprecher interviewt Polizeireporter: "Warum wissen Sie manchmal mehr als ich?"

Normalerweise stellt Reporter Manfred Schweidler der Polizei die Fragen. Zum Start des neuen Podcasts "Mordsgespräche" tauscht er mit Pressechef Michael Zimmer die Rollen.
Vertauschte Rollen: Zum Start des Main-Post-Podcasts 'Mordsgespräche' interviewte Polizei-Pressechef Michael Zimmer (links) Kriminalreporter Manfred Schweidler.
Foto: Thomas Obermeier | Vertauschte Rollen: Zum Start des Main-Post-Podcasts "Mordsgespräche" interviewte Polizei-Pressechef Michael Zimmer (links) Kriminalreporter Manfred Schweidler.

Michael Zimmer und Manfred Schweidler sprechen regelmäßig miteinander. Mal ganz offiziell, mal sehr vertraulich. Hauptkommissar Zimmer leitet die Pressestelle des Polizeipräsidiums Unterfranken, Reporter Schweidler berichtet für diese Redaktion über große und spektakuläre Kriminalfälle in der Region. Über diese Fälle gibt es jetzt nicht nur zu lesen, sondern auch zu hören: im Main-Post-Podcast "Mordsgespräche". Zum Start des neuen Formats tauschten Zimmer und Schweidler die Rollen. Der Polizist interviewte den Journalisten und durfte mal selbst die Fragen stellen.

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Michael Zimmer: Jetzt schreiben Sie nicht nur über Kriminalfälle, jetzt sprechen Sie auch darüber. In der ersten Folge des Podcasts geht es um die Leiche im Erlabrunner Badesee. Ich habe mich gefragt, wie schwierig es ist, einen Mordfall in knapp 30 Minuten zu erzählen.

Manfred Schweidler: Es ist ja das Kunststück, das man als Reporter immer schaffen muss: sehr komplexe Vorgänge in sehr geballter Form in einen Artikels zu kriegen. Das ist im Podcast und wenn ein Fall abgeschlossen ist, wir also eine Rückschau auf die ganze Entwicklung machen, etwas leichter, weil man mehr Zeit und mehr Platz hat. 

Zimmer: Hand aufs Herz: Wie kommt es eigentlich, dass Sie vor allem bei Cold-Case-Fällen, also den älteren und noch nicht aufgeklärten, ich möchte nicht sagen mehr als die Ermittler, aber mehr als der Pressesprecher der Polizei wissen?

Schweidler: Der Reporter lebt von drei Dingen: einem guten Riecher, einem Notizbuch mit vielen Telefonnummern hilfreicher Kontaktpersonen und von jahrelang erworbenem Vertrauen – auch bei Polizeibeamten. Diesem Vertrauen muss man sich natürlich würdig erweisen: Meine Gesprächspartner müssen sich darauf verlassen können, dass ich mit sensiblen Informationen verantwortungsvoll umgehe. Das führt dazu, dass man manchmal mehr und früher Informationen bekommt.

Zimmer: Um sich das aufzubauen und solche Kontakte zu pflegen, braucht es schon eine spezielle persönliche Leidenschaft für den Beruf und ein Interesse an Kriminalfällen, oder?

Schweidler: Das ist unabdingbar. Und es ist kein Bürojob, bei dem man morgens um 9 Uhr beginnt und um 17 Uhr Feierabend hat. Viele Informanten und Gesprächspartner wollen nicht während ihrer Bürozeit sprechen, weil sie nicht wollen, dass Kollegen mithören. Also spricht man manchmal zu sehr unmöglichen Zeiten oder auch an ungewöhnlichen Orten.

Zimmer: Zum Beispiel?

Schweidler: Ich hatte einmal einen Kollegen von Ihnen als Informanten, der hatte so viel Angst davor, mit mir gesehen zu werden, dass wir uns immer irgendwo draußen in der Prärie getroffen haben. Das ging irgendwann so weit, dass er befürchtete, eine zufällig vorbeifahrende Polizeistreife könnte ihn erkennen. Also haben wir uns jenseits der bayerischen Landesgrenze im Main-Tauber-Kreis getroffen. Die Polizei hat uns nie gesehen, dafür Verwandtschaft von mir.

Zimmer (lacht): Ermittler wissen ja, zu unauffällig ist manchmal auffällig. Aber Sie sind kein gelernter Polizist und Jura haben Sie auch nicht studiert. Wie schaffen Sie es, dem Leser zu übersetzen, was passiert? Von Ermittlungstechniken bis hin zum Gerichtsverfahren. Sie begleiten ja anders als die Polizei die Geschichte einer Tat von der Ermittlung bis zur Verurteilung.

Schweidler: Diese Dolmetscherfunktion haben wir als Journalisten ja in vielen Bereichen. In meinem Fall hilft vor allem Erfahrung – und es helfen auch wieder Kontakte: Also Experten, die einem mit viel Geduld vieles erklären. So erwirbt man sich das Fachwissen nebenbei.

Polizei-Pressechef Michael Zimmer (links) beim Treffen mit Main-Post-Polizeireporter Manfred Schweidler (rechts) und Reporter-Chef Benjamin Stahl, der das Gespräch aufzeichnete.
Foto: Johannes Kiefer | Polizei-Pressechef Michael Zimmer (links) beim Treffen mit Main-Post-Polizeireporter Manfred Schweidler (rechts) und Reporter-Chef Benjamin Stahl, der das Gespräch aufzeichnete.
Zimmer: Für uns als Polizei ist es ja auch wichtig, dass wir Kontakt zu Journalisten haben, mit denen man auch mal ein vertrauliches Hintergrundgespräch führen kann. Ab und zu hilft es, wenn man mal bestimmte Dinge erklären kann, zum Beispiel warum eine Information aus ermittlungstaktischen Gründen noch nicht veröffentlicht werden sollte. Wie finden Sie hat sich das Verhältnis zwischen Polizei und Medien entwickelt?

Schweidler: Als ich in den 80er Jahren angefangen habe, gab es kein Verhältnis der Polizei zur Presse. Mit den "Pressefuzzis" wollten Polizisten nichts zu tun haben. Das ist ein großer Unterschied zu heute. Vor allem Ihre jungen Kolleginnen und Kollegen sind sehr presseaffin. Und Ihre Pressestelle ist kompetenter und personell aufgerüstet. Das ist aber auch notwendig: Das Interesse an Kriminalfällen ist nämlich gewachsen,  und vor allem durch die sozialen Medien kann jeder Medien-Amateur ohne ethischen Kompass mitmischen und auf die Berichterstattung Einfluss nehmen – ob aus echtem Interesse, Geltungsdrang oder politischen Interessen. Das erhöht den Druck auf die Polizei und uns als Journalisten gleichermaßen.

Zimmer: Und die Erwartungen der Bevölkerung sind hoch.

Schweidler: Kein Wunder. Viele ziehen ihr Wissen aus Fernsehkrimis. Der "Tatort"-Kommissar präsentiert seinen Täter in 88 Minuten. Das erwartet der Bürger in der Wirklichkeit auch – und wehe, wenn nicht. Dann werden Ermittler und Reporter zur Zielscheibe von Spott oder Kritik.

Zimmer: Oft sind Ermittler und Täter im Fokus der Berichterstattung. Wie sieht es denn mit Angehörigen oder Hinterbliebenen von Opfern aus? Eine Berichterstattung wühlt in den meisten Fällen die Familien emotional nochmals auf. Wir überlegen uns immer gut, wie wir Öffentlichkeit am besten nutzen können, um neue Hinweise oder Zeugen zu finden. Da müssen wir dann abwägen: Wie groß ist die Chance, etwas Neues herauszufinden? Was wühlt man bei den Angehörigen wieder auf? Wie gehen Sie damit um?

Schweidler: Es ist ja eine große Forderung, die an die Medien herangetragen wird: Wir sollen mehr die Perspektive der Opfer einnehmen als die der Täter. Das versuchen wir mit der gebotenen Vorsicht. Ich stelle immer wieder fest, dass es viel mehr Opfer oder Angehörige gibt, die ihre Geschichte erzählen wollen, als man denkt. Aber die Geschichten dürfen dann von uns nicht sensationslüstern oder voyeuristisch wiedergegeben werden, sondern in der gebührenden Art und Weise. Da muss man im Kontakt mit diesen Leuten viel Zeit und Feingefühl einsetzen. Aber das lohnt sich.

Was macht das mit Ihnen?

Schweidler: Wenn wir nach Hause gehen, lassen wir auch nicht alles in der Redaktion. Man denkt eigentlich, als Reporter stumpft man mit der Zeit ab. Aber zum Beispiel die Schicksale der Kinder, die von einem Würzburger Logopäden missbraucht wurden, oder der Elfjährigen, die bei Schweinfurt Lkw-Fahrern zum Missbrauch angeboten wurde, beschäftigen mich heute viel intensiver als früher. Es gehört zum Job, und wie gesagt: Viele Opfer legen wert darauf, dass ihre Sicht der Dinge geschildert wird. Man muss da sensibel abwägen, was man aus schützenswerten Interessen verschweigt oder schreiben muss, um ein Geschehen in allen wichtigen Facetten seriös darzustellen.

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Zimmer: Bei der Polizei kommt es manchmal vor, dass der Kontakt zu Opferfamilien über Jahre nicht abreißt. Vor allem bei ungelösten Fällen. Kennen Sie das auch?

Schweidler: Ja. Zum Beispiel bei dem ungelösten Fall Simone Strobel, die 2005 in Australien getötet wurde. Mit der Familie stehe ich seit 15 Jahren in Kontakt. Manchmal nur um zu fragen, wie es geht. Manchmal wird es intensiver – zum Beispiel wenn es neue Ermittlungsansätze gibt.

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Zimmer: Zurück zum Podcast: Welcher Fall ist Thema in der zweiten Folge?

Schweidler: Da geht es um einen Mordfall in Heidingsfeld im Jahr 2012, bei dem der Täter die Leiche tatsächlich in einer Schubkarre durch den halben Stadtteil geschoben hat. Die Zahl der Morde sinkt ja seit 30 Jahren. Aber Stoff für den Podcast gibt es leider genug. Und es wird ja nicht nur um Mordfälle gehen.

Zimmer: Ich bin gespannt auf die kommenden Folgen. Sie zu interviewen war mir jedenfalls eine  große Freude!

Schweidler: Ganz meinerseits.

Wahre Verbrechen als Podcast

Der neue Podcast "Mordsgespräche" der Main-Post fasst nicht nur die detaillierte Berichterstattung, mit der die Redaktion einen solchen Fall begleitet, zusammen. Die Reporter lassen im Podcast außerdem ihre Erfahrungen und Gedanken mit einfließen, die sie während der Recherche des Falls erlebt und gedacht haben. Alle zwei Wochen erscheint eine neue Folge kostenlos auf den bekanntesten Podcast-Plattformen wie Spotify und Co. Mehr Infos unter: mainpost.de/podcast
ben
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