WÜRZBURG

Realist und Visionär: Erinnerungen an David Schuster

Er war gegenwärtig, erfüllte den Raum und machte die Gedenkstunde zu seinem 100. Geburtstag zur Wiederbegegnung. Das lag nicht nur an den still und endlos auf einer Leinwand erscheinenden Fotos mit Szenen aus seinem Leben, das lag vor allem an den Menschen, die gekommen waren, um sich an David Schuster zu erinnern.
David Schuster (rechts) und der damalige Bischof Paul-Werner Scheele 1999: Anlässlich der Gedenkfeier wurde als Sonderveröffentlichung des Stadtarchivs (Band 7) „David Schuster –  Blick auf ein fränkisch-jüdisches Leben im 20. Jahrhundert“ aufgelegt. Die Autoren sind Rotraud Ries und Roland Flade (126 Seiten, 66 Abbildungen, 9,80 Euro). Wir werden über den Band, dem wir das Bild entnahmen, noch berichten.
Foto: ArchivTheresa Müller | David Schuster (rechts) und der damalige Bischof Paul-Werner Scheele 1999: Anlässlich der Gedenkfeier wurde als Sonderveröffentlichung des Stadtarchivs (Band 7) „David Schuster – Blick auf ein ...

 Aber auch an den Grußworten, die, wie man weiß, nicht immer gelingen. An diesem Abend jedoch waren sie alle bereichernd.

Rosa Grimm, als Geschäftsführerin der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, deren Gründungsmitglied und erster jüdischer Vorstand David Schuster seit 1962 bis zu seinem Tod war, hieß die Gäste zugleich für die Jüdischen Gemeinde willkommen und verzichtete auf die übliche Aufzählung der bekannten Namen.

Sie sprach von David Schusters stetem Willen, Juden in die Gesellschaft zu integrieren, wobei es ihm auch darum gegangen sei, deutlich zu machen, welche große kulturelle Rolle das Judentum in Würzburg immer gespielt habe.
 
In Erinnerung an seine kleinen, väterlichen Gesten versprach sie den Jugendlichen der David-Schuster-Realschule, die für die musikalische Begleitung sorgten, je eine Tafel Schokolade. „Das hat er immer so gehalten“.

Rabbiner Jakov Ebert fragte, ob man Geburtstag mit einem Toten feiern könne. Er bezog sich in seiner Antwort auf die Thora und das erste Buch Moses, in dem Jakobs Tod geschildert wird.

„Sein Werk lebte weiter, also ist Jakob nicht gestorben“, so Ebert. „Auch David Schuster lebt in dem, was er uns hinterlassen hat.“

Mit dem Mut seines biblischen Namenspatrons habe David Schuster den christlich-jüdischen Dialog geführt, so Bischof em. Paul-Werner Scheele.

Die Auffindung der mittelalterlichen Grabsteine, die 1987 Aufsehen erregte, habe er als großes Geschenk betrachtet und sich in unverdrossenem Engagement für ihren Erhalt eingesetzt.

„Es sind immer die Väter, die Glauben und Geschichte weitergeben“, sagte der evangelische Dekan Günter Breitenbach, der David Schuster nicht mehr kennen gelernt hat. „Aber er ist mir präsent als Vaterfigur.“ In der christlich-jüdischen Zusammenarbeit habe er „mutig und sanftmütig“ einen neun Anfang gemacht.

„Er war ein großartiger Brückenbauer.“

Oberbürgermeister Georg Rosenthal über David Schuster

1956 zurückgekehrt aus dem Exil habe er zu den ersten Persönlichkeiten gehörte, die im öffentlichen Leben der fränkischen Region wieder eine Rolle spielten, betonte Regierungspräsident Paul Beinhofer.

Trotz der bitteren Erfahrungen (in KZs und der Emigration) habe er sich von seinem Herkunftsland nicht abgewendet. Und – so Oberbürgermeister Georg Rosenthal, – er habe zur Aussöhnung mit nichtjüdischen Bürgern der Stadt die Türe der Synagoge aufgestoßen und Tausenden erklärt, wie Judentum gelebt wird.
 
„Er war ein großartiger Brückenbauer zwischen der alten jüdischen Lehre und der Gegenwart.“

Als Weggefährte seines Vaters richtete Fürst zu Castell-Castell herzliche Worte an David Schusters Sohn und seine Familie. Er erinnerte an die „Eltern David und Anita“ und daran, dass Vater Schuster ein Realist und zugleich ein Visionär gewesen sei.

Das habe sich besonders bei seinem Einsatz im Initiativkreis für „Shalom Europa“, dessen Planung er ungeduldig voran getrieben habe, gezeigt.

Höhepunkt des Abends war der Festvortag von Professor Karlheinz Müller, der vielschichtig und warmherzig David Schuster als „guten Nachbarn“ beschrieb und gleichzeitig als „Parnass seiner Gemeinde“.

Er erklärte ihn damit zum „Judenbischof“, der alle Ideale, die man mit einem klassischen Parnass verbinde, verkörperte.

Er sei zudem ein Diaspora-Jude gewesen, dem das Zusammenleben mit nichtjüdischen Menschen selbstverständlich war, immerhin seit 400 Jahren lebte seine jüdische Familie im fränkischen Land.

Diese Würdigung war stark geprägt von persönlicher Achtung und Zuneigung, angefüllt mit Beobachtungen und liebenswürdigen Anekdoten.

Enkel Aron Schusters Aufgabe war es schließlich, mit seinem an den Großvater gerichteten persönlichen Schlusswort an die Urgroßeltern in Brückenau zu erinnern, und – wie es sich für die junge Generation gehört – an all die aktuellen familiären und politischen Ereignisse, die sich seit dem Tod des Großvaters im Jahr 1999 zugetragen haben und über die er sich – so der Enkel – sehr gefreut hätte.

Und ganz bestimmt hätte er sich auch über dieser Abend im voll besetzten Saal des Jüdischen Gemeindezentrums, der seinen Namen trägt, gefreut.

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