Würzburg

Röntgens Personalakte: Was sie über den Physiker verrät

Zwölf Jahre lang war Wilhelm Conrad Röntgen Professor für Physik in Würzburg. Andere Universitäten wollten ihn abwerben, doch der spätere Nobelpreisträger blieb bescheiden.
3. November 1888: Die Philosophische Fakultät der Universität Würzburg hält in einem Protokoll die Verpflichtung von Wilhelm Conrad Röntgen auf den Lehrstuhl für Physik fest. Das Originaldokument befindet sich in dessen Personalakte.
Foto: Johannes Kiefer | 3. November 1888: Die Philosophische Fakultät der Universität Würzburg hält in einem Protokoll die Verpflichtung von Wilhelm Conrad Röntgen auf den Lehrstuhl für Physik fest.

Er ist der berühmteste Wissenschaftler der Würzburger Julius-Maximilians-Universität, als erster Nobelpreisträger überhaupt schrieb er Geschichte. Dabei hätte Wilhelm Conrad Röntgen seine zufällige Strahlenentdeckung vor 125 Jahren beinahe woanders als am Physikalischen Institut in Würzburg gemacht.

Nur wenige Monate zuvor wollte ihn die Universität Freiburg verpflichten, Röntgen lehnte den Ruf ab. Er vertraute auf Zusagen für eine bessere Ausstattung und mehr Personal in Würzburg. Doch folgten den warmen Worten keine Taten, über Jahre wurde der Physiker hingehalten – bis er schließlich 1899 den Ruf an die Universität München annahm. Dem hatten die Würzburger nichts mehr entgegenzusetzen.

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Peronalakte, Medaillen und Nobelpreisurkunde im Würzburger Universitätsarchiv

Aufschlussreiche Einblicke in das Tauziehen um eine Koryphäe seines Fachs gibt die Personalakte Röntgens aus seiner Würzburger Zeit. Klimaüberwacht wird sie heute in einem Tresor im Universitätsarchiv aufbewahrt, ebenso wie die Nobelpreisurkunde von 1901, einige Orden und 15 Medaillen, die der Wissenschaftler verliehen bekam.

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Nur ganz vorsichtig und mit weißen Stoffhandschuhen fassen Archivleiter Marcus Holtz und Mitarbeiterin Mareile Mansky die einzelnen Dokumente aus der Akte an. Es sind Zeugnisse von historischer Bedeutung – und sie verraten zwischen den Zeilen einiges darüber, wie dieser Wilhelm Conrad Röntgen "getickt" hat: Fleißig und diszipliniert muss er gewesen sein, immer am wissenschaftlichen Fortschritt interessiert und nicht am persönlichen Gewinn, gutmütig und leichtgläubig. Und ja, vielleicht auch etwas naiv.

Röntgens Personalakte wird in einem Tresor im Archiv der Würzburger Julius-Maximilians-Universität aufbewahrt.
Foto: Johannes Kiefer | Röntgens Personalakte wird in einem Tresor im Archiv der Würzburger Julius-Maximilians-Universität aufbewahrt.

Röntgen ist nicht die erste Wahl, als es im März 1888 um die Besetzung des Lehrstuhls für Physik in Würzburg geht. Im Berufungsverfahren setzt ihn der zuständige Senat nur auf Platz drei der Wunschliste. Doch die beiden Vorgenannten – Eduard Riecke aus Göttingen und Ferdinand Braun aus Tübingen – lehnen ab. So ist der Weg frei für Röntgen, der von 1870 bis '72 schon als Assistent in Würzburg tätig gewesen war. Er kehrt aus Gießen an den Main zurück, erhofft er sich hier doch deutlich bessere Arbeits- und Forschungsbedingungen. Die Universität genießt einen exzellenten Ruf.

Seine Berufung "im Namen seiner Majestät des Königs" und zu einem Jahresgehalt von 6000 Mark ist festgehalten in einer Urkunde, die am 3. September an der Universität Würzburg eingeht.  Zwei Monate später protokolliert die Philosophische Fakultät seine Verpflichtung.

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Röntgen muss in der ersten Zeit, wie damals viele Professoren zum Stellenantritt, in einem Gasthof gewohnt haben. Dies geht aus einer Rechnung hervor, die der Physiker einige Wochen später, Ende Februar 1889, dem Senat schickt. "Die meisten kamen für einige Wochen im Russischen Hof unter", weiß Archivar Marcus Holtz.

680 Mark verlangt Röntgen für den "Transport des Hausrats", 158,70 Mark für den Aufenthalt im Gasthof und Reisekosten für vier Personen: Neben seiner Frau Anna Bertha und der später adoptierten Nichte Josephine Bertha bringt die Familie ein Hausmädchen mit. Sie ziehen in die geräumige Professorenwohnung im ersten Stock des Physikalischen Instituts am heutigen Röntgenring.

Uni-Archivleiter Marcus Holtz und Mitarbeiterin Mareile Mansky mit der Personalakte Wilhelm Conrad Röntgens.
Foto: Johannes Kiefer | Uni-Archivleiter Marcus Holtz und Mitarbeiterin Mareile Mansky mit der Personalakte Wilhelm Conrad Röntgens.

Röntgen macht in den Folgejahren mit akribischer Forschungsarbeit und großem Einsatz in der Lehre auf sich aufmerksam. Er hat viele Hörer in seinen Vorlesungen, überwiegend Mediziner, das lohnt sich damals auch finanziell – die Studenten müssen Gebühren bezahlen.

Im Frühjahr 1895, wenige Monate vor der Strahlenentdeckung, ereilt ihn dann der Ruf an die Universität Freiburg. Wie die Akten zeigen, entspinnt sich ein echter Konkurrenzkampf um seinen Verbleib. Röntgen zeigt dem Würzburger Rektor am 15. Februar 1895 pflichtgemäß den erhaltenen Ruf an, in dem Brief aus Freiburg wird er förmlich bezirzt, die Uni lockt ihn vor allem mit einem höheren Jahresgehalt: 7760 Mark . Doch Röntgen geht es weniger ums eigene Portemonnaie als um Verbesserungen für seine Forschung und sein Institut. Diese fordert er in Würzburg ein – sozusagen als Bedingung, damit er bleibt.

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Fast flehentlich liest sich ein Bericht aus der Philosophischen Fakultät an den Senat mit der dringenden Bitte, Röntgen als Spitzenforscher und herausragende Persönlichkeit zu halten. Es sei "alles aufzubieten um diesen drohenden Verlust abzuwenden". Röntgens Wünsche seien längst bekannt und nur zu befürworten: eine außerordentliche Professur für theoretische Physik ("schon vor zwei Jahren von dem hohen königlichen Staatsministerium als nothwendig anerkannt"), eine Erhöhung des Etats um 500 Mark zur Anstellung einer Hilfskraft und ein rückwärtiger Anbau ans Physikalische Institut. Denn die Erschütterungen durch die Fuhrwerke auf der Straße, dem heutigen  Röntgenring, machten exakte Messungen unmöglich. Außerdem möge sich der Senat für eine Gehaltsaufbesserung einsetzen.

In einer alten Holzkassette werden Orden und Medaillen aufbewahrt, mit denen Röntgen für seine wissenschaftlichen Leistungen ausgezeichnet wurde.
Foto: Johannes Kiefer | In einer alten Holzkassette werden Orden und Medaillen aufbewahrt, mit denen Röntgen für seine wissenschaftlichen Leistungen ausgezeichnet wurde.

Würzburgs Universitätsleitung weiß, was sie an Röntgen hat. In Windeseile wendet sich der Senat an das Ministerium in München. In einem Brief vom 1. März 1895 schreibt man vom "lebhaften Wunsch, die ausgezeichnete Kraft Röntgen zu erhalten". Prompt sagt das Ministerium die Erfüllung aller genannten Forderungen zu. Auch eine Gehaltserhöhung stellt man in Aussicht. Am 3. März wird Röntgen darüber informiert, am 6. März teilt dieser dem Würzburger Universitätsrektor mit: Er habe den Ruf nach Freiburg abgelehnt. Aus lauter Dankbarkeit darüber wird ihm am 20. Mai der Bayerische Verdienstorden verliehen. 

Erste Auszeichnung nach Strahlenentdeckung: der Kronenorden vom Kaiser

Dann klafft eine zeitliche Lücke in der Personalakte – just über die Monate, als in Würzburg eine bahnbrechende Entdeckung für die Menschheit gemacht wird. Vom 4. Februar 1896 stammt das nächste Dokument: Laut Mitteilung aus dem Ministerium soll Röntgen von  Kaiser Wilhelm der preußische Kronenorden verliehen werden.

Kurz zuvor hatte der Physiker auf Einladung im Berliner Schloss einen Vortrag über seine Strahlenentdeckung gehalten. Es ist die erste Auszeichnung, die Röntgen für seine X-Strahlen bekommt, und er nimmt sie ernst: Auf seinen Wunsch hin beantragt der Senat beim Ministerium, dass der so Geehrte den Orden auch tragen darf. Die Erlaubnis wird erteilt.

Aufbewahrt in einem alten Etui: Röntgens Frackkette mit Miniaturorden.
Foto: Johannes Kiefer | Aufbewahrt in einem alten Etui: Röntgens Frackkette mit Miniaturorden.

Dagegen tut sich nichts bei den zugesagten Verbesserungen für seine Forschungs- und Lehrtätigkeit. Man lässt Röntgen ins Leere laufen. Dies zeigt sich im November 1898, als er den nächsten Ruf erhält – diesmal auf den Lehrstuhl an die Universität Leipzig. Wieder macht sich die Fakultät in Würzburg für ihn stark, ebenso der Senat in einem Schreiben ans Ministerium. An den Forderungen vom Frühjahr 1895 hat sich nichts geändert: Hörsaal-Erweiterung, außerordentliche Professur, Etat- und Gehaltserhöhung. 

Röntgen lehnt auch Ruf an Universität Leipzig ab

Und wieder wird ihre Einlösung versprochen. Das Ministerium sichert am 30. November 1898 zu, dafür die nötigen Mittel in den nächsten Haushalt aufzunehmen. Und Röntgen? Gibt sich erneut mit der bloßen Aussicht zufrieden. Am 8. Dezember 1898 informiert er die Würzburger Hochschulleitung, dass er auch den Ruf nach Leipzig abgelehnt habe. Eine Woche später wird er mit dem Titel "Königlicher Geheimrat" dekoriert, sein Gehalt soll zum 1.Januar – endlich – angehoben werden, auf 9000 Mark jährlich.

Röntgen war 1901 der erste Nobelpreisträger überhaupt, weil der Physikpreis bei der Verleihung als erster aufgerufen wurde. Seine Original-Nobelpreismedaille wird ebenso wie die Urkunde im Würzburger Universitätsarchiv aufbewahrt. 
Foto: Johannes Kiefer | Röntgen war 1901 der erste Nobelpreisträger überhaupt, weil der Physikpreis bei der Verleihung als erster aufgerufen wurde.

Eine finanzielle Anerkennung, die sich für Röntgen in Würzburg kaum mehr auszahlen sollte: Im Juli 1899 erhält der renommierte Physiker einen neuerlichen Ruf an eine andere Hochschule, diesmal ist es München. Röntgen teilt es in einem Schreiben vom 31. Juli 1899 dem Senat mit. Und dieses Mal folgt kein Ringen mehr um seine Person, kein Werben und Verhandeln. Nichts. Der nächste Eintrag datiert vom 7. Dezember: Röntgen habe den Ruf angenommen.

Für Archivleiter und Historiker Marcus Holtz gibt es nur eine Interpretation für die plötzliche Sprach- und Tatenlosigkeit: "Den Würzburgern war offenbar klar, dass sie gegen einen Ruf nach München, mit der Nähe zum Ministerium, nichts mehr ausrichten konnten." Röntgen forschte und lehrte an der Universität München bis zu seiner Emeritierung im April 1920. 

Im Archiv der Universität Würzburg:  Protokoll aus der Personalakte von Wilhelm Conrad Röntgen.
Foto: Thomas Obermeier | Im Archiv der Universität Würzburg:  Protokoll aus der Personalakte von Wilhelm Conrad Röntgen.
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