Uffenheim

Schon einmal ein Stück weiter gewesen

Dr. Charlotte Knobloch mahnte in ihrem Vortrag, den Feinden der Demokratie nicht das Feld zu überlassen. 
Foto: Screenshot Gerhard Krämer | Dr. Charlotte Knobloch mahnte in ihrem Vortrag, den Feinden der Demokratie nicht das Feld zu überlassen. 

Wenn Dr. Charlotte Knobloch von ihrem Leben erzählt, mit meist fester Stimme, dann nimmt sie einen mit in eine dunkle Zeit der Geschichte – und es nimmt einen mit. Doch sie selbst, eine Zeitzeugin der Novemberpogrome von 1938 und des Nazi-Terrors, bringt mit ihrer überzeugenden Heimatliebe, Beharrlichkeit und Optimismus Licht zurück.

Die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland (2006 bis 2010) und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (seit 1985), Dr. Charlotte Knobloch, sollte eigentlich auf Einladung des Rotary Clubs Uffenheim und dessen Präsidenten Reiner Schmidt bereits am 10. November 2020 zu einer öffentlichen Veranstaltung kommen. Wegen der Pandemie musste die Veranstaltung auf 4. Mai verschoben werden und fand nun in einem Online-Format statt. Bis zu 175 Teilnehmer hatte das Meeting, doch vor den Computern oder Handys saßen weit mehr Menschen, darunter rund 100 Schüler des Steller-Gymnasiums Bad Windsheim, der Bomhard-Schule oder der Mittelschule Uffenheim.

"Ich schätze eigentlich den persönlichen Austausch", bekannte die 88-jährige Charlotte Knobloch, die sich aber nach einer Bedenkzeit bereit erklärt hat, den Bericht aus ihrem Leben, einem deutschen Leben, wie sie bekräftigte, online vorzutragen. Sich mit den Menschen auszutauschen, sei ihr schon allein deshalb wichtig, denn "das jüdische Leben in diesem unserem Land ist für viele leider noch immer alles andere als selbstverständlich".

Braunen Terror erlebt

Charlotte Knobloch, im Oktober 1932 geboren, erlebte als Kind Ausgrenzung und braunen Terror in München. Vier Jahre alt sei sie gewesen, als plötzlich das Tor zum Nachbarhaus versperrt gewesen sei. Die Worte der Frau des Hausmeisters haften ihr noch heute im Gedächtnis: "Ein Judenkind darf nicht mit anderen spielen." Ihre Großmutter trocknete ihr damals die Tränen. Es sind diese Erinnerungen aus ihrer Kindheit, die besonders betroffen machen, wie auch während und nach dem Vortrag im Chat geschrieben wurde.

In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 in München hatte sie ihr Vater aus dem Haus geholt. Man schnuppert unwillkürlich, als sie sagt: "Ich habe noch den Brandgeruch der brennenden Trümmer der Synagoge in der Nase." Nach all den Jahren. Sie erlebte Hausdurchsuchungen durch die Gestapo, die kurzzeitige Festnahme ihres Vaters Fritz Neuland. Dieser hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft und war daraus mit Auszeichnung zurückgekehrt.  

Eine besondere Bindung hatte sie zur Großmutter, die nach der Scheidung der Eltern die Erziehung übernommen hatte. Wegen ihr blieben sie in Deutschland, weil nur sie und ihr Vater nach Amerika hätten ausreisen können. Unvergessen für sie der Abschied von der Großmutter, als diese ins KZ Theresienstadt deportiert wird, wo sie später ermordet wurde.

Ihrem Vater gelingt es, sie ins mittelfränkische Arberg bei Gunzenhausen zu schaffen, wo sie eine ehemalige Hausangestellte ihres Onkels als uneheliches Kind ausgibt. Ihr Vater entging der Deportation, er überlebte als Zwangsarbeiter.

In Deutschland geblieben

Obwohl sie nach dem Krieg weg aus München, weg aus Deutschland wollte, blieben sie und ihre Familie. Es sollte Jahrzehnte dauern, bis sie München wieder als ihre Heimatstadt ansah. Schließlich sei es für sie nicht leicht gewesen, wieder Menschen zu treffen, die ihrer Familie feindselig gegenübergestanden hätten, bekennt sie auf eine Frage im Chat. Doch viel mehr erschüttert sie, wenn heute wieder jüdische Menschen angegriffen werden. "Wir waren alle schon einmal ein Stück weiter." Eine große Gefahr für die Demokratie sieht sie in der AfD, aber auch in den Wutbürgern und Corona-Leugnern. Sie habe nie geglaubt, nochmals so einen Kampf um die Demokratie führen zu müssen.

Doch sie habe genügend Heimatliebe, Beharrlichkeit und Optimismus von ihrem Vater mitbekommen. So weigere sie sich, an der Integrität der Menschen zu zweifeln. Sie forderte dazu auf, den Feinden der Demokratie nicht das Feld zu überlassen. Den jungen Menschen hatte sie schon bei ihrer Rede im Bundestag bei der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus gesagt, dass es keinen besseren Kompass gebe "als Eure Herzen". "Lasst Euch von niemandem einreden, wen ihr zu lieben und wen ihr zu hassen habt", schloss sie auch diesmal ihren Vortrag, den Alfred Schöwe, einer der Teilnehmer, als "sehr beeindruckend und bedrückend" bezeichnete.

Charlotte Knobloch nahm sich noch viel Zeit für die Diskussion. Dr. Bruno Kuntke, stellvertretender Schulleiter des Steller-Gymnasiums, wollte zum Beispiel wissen, ob Knobloch bei den Schülerinnen und Schüler eine Veränderung im Verhalten oder bezüglich des Interesses festgestellt habe. Früher sei es für viele ein Pflichtunterricht gewesen, Schüler hätten gesagt "Wir haben doch keine Schuld", antwortete Knobloch. Dies habe sich seit einigen Jahren geändert. Sie sei beeindruckt vom Wissen und von den Gedanken der Schüler.

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