WÜRZBURG/RIMPAR

Unerwiderte Liebe: Vom Leben und Sterben der Julie Laßmann

Aus der geliebten Heimat vertrieben und ermordet: Julie Laßmann aus Rimpar wurde am 17. Juni 1943 zusammen mit den letzten unterfränkischen Juden nach Auschwitz deportiert.
Foto: Staatsarchiv | Aus der geliebten Heimat vertrieben und ermordet: Julie Laßmann aus Rimpar wurde am 17. Juni 1943 zusammen mit den letzten unterfränkischen Juden nach Auschwitz deportiert.

Eine junge Frau war bis 1933 voll ins Rimparer Leben integriert. Mit den Dorfkindern spielte sie Theater, gab ihnen Klavierunterricht. Am 17. Juni 1943, also sie bereits ein paar Jahre in Würzburg lebte, wurde sie mit den letzten unterfränkischen Juden nach Auschwitz deportiert.

Am 9. Juni 1932 erschien im Fränkischen Volksblatt wieder einmal die Beilage „Fränkische Heimat“. Alle vier Seiten waren dem Dorf Rimpar gewidmet. Für den ersten Artikel „Rimpar in der Gegenwart“ hatten die Redakteure eine kenntnisreiche Autorin gewonnen: Julie Laßmann.

Die 27-jährige gehörte der jüdischen Gemeinde des Ortes an, ihr Vater Meier Laßmann fungierte als Kantor und Religionslehrer für die neun jüdischen Kinder Rimpars. Julie, ausgebildete Sprachlehrerin und als begabte Sängerin bekannt, gab auch Klavierunterricht.

Am dörflichen Leben, über das sie in dem Artikel berichtete, nahm die junge Frau intensiv teil. Ein zeitgenössisches Foto zeigt sie zu Beginn der 30er Jahre mit Buben und Mädchen bei einer Faschingsfeier im Saal des Gasthauses „Zum Stern“.

3225 Einwohner hatte Rimpar 1932, schrieb Julie Laßmann in der „Fränkischen Heimat“; außer 50 Juden und 24 Protestanten waren alle katholisch. In zehn Gaststätten saßen sie beim Frühschoppen oder abends beisammen.

Die seit 1929 tobende Weltwirtschaftskrise und die damit einhergehende Massenarbeitslosigkeit hatten das Dorf schwer getroffen. „Rimparer Maurer und Spezialarbeiter waren wegen ihrer Tüchtigkeit und ihres Fleißes früher gesucht und kamen nach allen Teilen Deutschlands“, stand in dem Artikel. „Jetzt sind sie durch die Arbeitslosigkeit zum größten Teil ohne Erwerb.“

Ausführlich widmete sich Julie Laßmann den Bräuchen in ihrem Heimatdorf. Der Peter- und Paulstag beispielsweise, das Fest der Kirchenpatrone, war als „Jugendsonntag“ bekannt und ganz den jungen Rimparern gewidmet. „Wochenlang vorher wurden unter Leitung der Lehrer und Lehrerinnen Theater- und Vortragsstücke, Sprechchöre und Reigen geübt“, schrieb die Autorin. „Nachmittags bewegt sich ein bunter Festzug von der Schule aus über den Marktplatz zur Freilichtbühne hinter der Kirche, wo sich Alt und Jung schon versammelt hat, um den Darbietungen der spielfreudigen Jugend Aug und Ohr zu leihen. Abends wird dann ausschließlich für die Erwachsenen gespielt.“

Ebenfalls im Jahr 1932 verfasste Julie Laßmann ein Gedicht, aus dem ihre tiefe Liebe zu ihrem Heimatort Rimpar spricht:

„Schloßruine, wucht'ge Bauten, / Trutzige Befest'gungswerke. / Mächt'ger Rundturm, hoher Altan, / Mauern von gewalt'ger Stärke, / Stammsitz einst der Grumbachritter, / Zeuge längst entschwund'ner Zeit, / Stillen Friedens, grimmer Fehden / Und versunk'ner Herrlichkeit.

Ringsum aber Leben blühet, / Bächlein eilt durch saft'ge Wiesen, / In der Nähe reiche Fluren, / Fern die blauen Berge grüßen, / Sanfte Hänge, Weizenfelder, / Wo man Erntekränze flicht, / Anger, wo die Herde weidet, / Hügel, wo man Trauben bricht.

Und im Dorfe reges Treiben, / Rührigkeit, geschäft'ges Leben, / Fleiß'ge Hände, Schaffenswille, / Ach würd' es nur Arbeit geben!“

Das friedliche Zusammenleben fand 1933 mit der nationalsozialistischen Machtübernahme auch in Rimpar ein jähes Ende.

Pfarrer i.R. Ernst Zürrlein, dessen Vater seit 1922 Gemeindeschreiber in Rimpar war, erinnerte sich später: „Mein Vater hatte ein sehr gutes Verhältnis zu den jüdischen Familien. Selbst noch 1933 und 1934 kamen jüdische Bekannte am Abend und in der Nacht, damit sie niemand sah, in ihrer Bedrängung zu meinem Vater und fragten ihn: ,Herr Zürrlein. Helfen Sie uns. Was sollen wir machen?‘" Wir bekamen als Kinder die Not und die Ängste dieser Leute mit.“

Obwohl sie am 18. März 1905 im schwäbischen Hainsfarth geboren wurde und ihr ganzes Leben in Deutschland verbrachte, erkannten die neuen Herrscher Julie Laßmann die deutsche Staatsangehörigkeit ab. Etwa 1935 ging sie nach Würzburg, wo sie zeitweise in der Sieboldstraße 3 1/2 wohnte. Ihre Eltern blieben zunächst in Rimpar und folgten erst 1939. Noch in diesem Jahr starb ihre Mutter; der Vater zwei Jahre später.

In Würzburg war Julie Laßmann bei der Israelitischen Kultusgemeinde angestellt; sie hielt Fremdsprachenkurse zur Vorbereitung unterfränkischer Juden auf die Emigration ab. Als ab Oktober 1941 keine Auswanderung aus Deutschland mehr möglich war, arbeitete sie als Hausangestellte. Im Jahr 1943 wurde sie als Hilfsnäherin zur Zwangsarbeit in der Würzburger Uniformfabrik Franz Kreisel verpflichtet.

Am 2. Dezember 1940 durchsuchten Gestapomänner Julie Laßmanns Zimmer in der Schillerstraße 8 und beschlagnahmten einige Silberbestecke, die sie von ihrer verstorbenen Mutter geerbt hatte.

Im Jahr 1942 lebte sie im jüdischen Altersheim in der Konradstraße 3. Einrichtungsgegenstände, die dort keinen Platz mehr fanden, darunter ein kleines Sofa und ein Tischchen, musste sie am 10. Juli 1942 im Platzschen Garten, einem Veranstaltungslokal, versteigern lassen. Ihr geliebtes Klavier ersteigerte ein Würzburger für 200 Reichsmark. Der nach Abzug der Unkosten verbleibende Erlös von 142,10 Reichsmark wurde auf ein Sperrkonto eingezahlt, über das Julie Laßmann nicht mehr verfügen konnte. Am 8. Juni 1943 ging ihre Singer-Nähmaschine für 150 Mark an einen neuen Besitzer.

Am 28. April 1943 durchwühlten Gestapomänner ihr Zimmer. Der Würzburger Gestapo-Chef Michael Völkl notierte anschließend, es seien „einige Wäschestücke beschlagnahmt und der Nationalsozialistischen Volksfürsorge unentgeltlich abgegeben“ worden.

Zur Ausraubung kam die rechtliche Ausgrenzung. Am 22. Februar 1943 hatte der Polizeipräsident in Würzburg einen „Fremdenpass“ für Julie Laßmann ausgestellt, der ein Jahr gültig war. Gegen eine Gebühr von drei Reichsmark erhielt sie am selben Tag eine Aufenthaltserlaubnis, die ebenfalls am 21. Februar 1944 ablief.

Diesen Tag sollte sie nicht mehr erleben. Am 17. Juni 1943 wurde Julie Laßmann zusammen mit den letzten unterfränkischen Juden ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert und in der Gaskammer ermordet. Persönliche Papiere hatte sie vorher abzugeben.

Für die Beamten der Würzburger Gestapo handelte es sich um einen routinemäßigen Verwaltungsvorgang. In ihrer Akte, die heute im Würzburger Staatsarchiv liegt, heißt es unter dem 22. Juni 1943: „Laßmann ist am 17. Juni 1943 nach dem Osten abgewandert. Die sichergestellten Ausweispapiere u. ä. befinden sich im Personalakt. Das Arbeitsbuch, die Quittungskarte mit Sammelbuch und die Lohnsteuerkarte der Laßmann wurden an die zuständigen Behörden zurückgesandt.“

Stolperstein: Für Julie Laßmann wird am Montag, 17. Juni um 15 Uhr vor dem Haus Sieboldstraße 3 1/2 ein von der Evangelischen Studentengemeinde finanzierter Stolperstein verlegt.

Faschingsfeier: Julie Laßmann mit Rimparer Kindern zu Beginn der 30er Jahre im Gasthaus „Zum Stern“.
Foto: Hedwig Kraft | Faschingsfeier: Julie Laßmann mit Rimparer Kindern zu Beginn der 30er Jahre im Gasthaus „Zum Stern“.
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