Würzburg

Wald in Unterfranken: Die Jahrhundert-Baustelle

Ein Blick in die lichten Baumkronen offenbart, was durch den Klimawandel bevorsteht. Der Wald leidet – überall in der Region. Was die Statistik sagt und was getan werden muss.
Wald im Hesselbacher Bergland: Die Fachleute sehen gleich, welche Schäden Hitze und Trockenheit verursachen. 
Foto: Thomas Obermeier | Wald im Hesselbacher Bergland: Die Fachleute sehen gleich, welche Schäden Hitze und Trockenheit verursachen. 

Mit seinem Hund an der Leine stapft Hubert Feuchter über den trockenen Waldboden. Laub raschelt, moosig-erdiger Geruch liegt in der Luft. Seit mittlerweile 26 Jahren ist Feuchter im Landkreis Schweinfurt als Förster unterwegs. Sein Revier, über 2000 Hektar, erstreckt sich von Schonungen bis zum Ellertshäuser See. Während Feuchter redet, schweift sein Blick immer wieder hoch hinauf in die Baumkronen. Dort erkennt er, was der Laie auf den ersten Blick kaum sieht. Der Wald leidet.

Die Trockenheit der vergangenen Jahre ist eine Warnung. Und sie lässt erahnen, was den unterfränkischen Wäldern durch den Klimawandel bevorstehen könnte. Es sind Nadelhölzer wie Fichte und Kiefer, die besonders leiden. Doch zunehmend erwischt es auch die heimische Rotbuche. Trockenstress, Borkenkäfer, Eichentriebsterben und Schwammspinner – die Liste der Probleme ist lang. Laut neuesten Zahlen ist der mittlere Nadel- und Blattverlust, mit dem der Zustand des Waldes beurteilt wird, in diesem Jahr erneut deutlich gestiegen.

Die Förster Gunther Hahner (links) und Hubert Feuchter vom Bund deutscher Forstleute zeigen, welche Schäden Hitze und Trockenheit im heimischen Wald verursachen.
Foto: Thomas Obermeier | Die Förster Gunther Hahner (links) und Hubert Feuchter vom Bund deutscher Forstleute zeigen, welche Schäden Hitze und Trockenheit im heimischen Wald verursachen.

Dass der Klimawandel seine Spuren hinterlässt, zeigen regionalisierte Klima-, Wetter- und Forstdaten, die die Redaktion ausgewertet hat. 2018, 2019 und 2020 fehlte gerade in den wichtigen Vegetationsmonaten von Mai bis September der Regen. Die Böden trockneten aus, die Bäume konnten ihr Blattwerk nicht mit genügend Wasser versorgen. Tag für Tag verloren sie weiter an Kraft. Die Rinde platzte auf, die Baumkronen lichteten sich. Blätter vertrockneten, Äste brachen ab. Optimale Bedingungen für Schädlinge.

„Die Bäume stehen wie eine Blume in einem Blumentopf, der nicht mehr gegossen wird.“ So beschreibt es Gunther Hahner. Der rüstige Forstmann marschiert einige Meter hinter Feuchter. „Die letzten Jahre waren in Unterfranken so extrem, dass die Bäume dauerhaft Schaden davongetragen haben“, sagt Hahner, der 25 Jahre lang an der Spitze der Forstleute in Bayern stand. Den Wald, wie wir ihn kennen, zu erhalten, gleiche einer Jahrhundertaufgabe.

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Feuchter stoppt vor einer kräftigen Rotbuche. Er beugt sich in Richtung Stamm und deutet auf einen langen, braun-schwarzen Riss, der die Rinde durchzieht. „Schleimfluss“, erklärt der 53-Jährige, eine Krankheit ausgelöst durch die extreme Trockenheit. 120 Jahre lang hat die stattliche Buche Wind und Wetter getrotzt, doch dem Stress der vergangenen Jahre ist sie nicht gewachsen. Und das ist erst der Anfang: Der Würzburger Klimaforscher Heiko Paeth rechnet – ohne ökonomisch-ökologische Kehrtwende – im Winter wie im Sommer mit vier bis fünf Grad Erwärmung im Maintal. Schuld daran, da sind sich Klimawissenschaftler weltweit einig, ist der Mensch, der seit der Industrialisierung im 18. Jahrhundert den Treibhauseffekt massiv verstärkt hat.

Unterfranken ist ein Dürre-Hotspot, weshalb auch die Bundeslandwirtschaftsministerin von einer „Referenzregion“ spricht. „Hier sieht man schon Schäden, die man woanders noch nicht sieht“, sagte Julia Klöckner (CDU) bei einem Besuch im Oktober in Schweinfurt.

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Forst-Veteran Hahner fordert eine Kehrtwende: „Die Rationalisierungsmöglichkeiten in der Forstwirtschaft sind weitgehend ausgeschöpft.“ Im vergangenen Jahrzehnt wurde mit den Gewinnen aus dem Holzverkauf der Staatshaushalt saniert, jetzt müsse die Politik Geld in die Hand nehmen, um den Wald zu retten. CSU-Ministerpräsident Markus Söder kündigte an, dass im Staatsforst 30 Millionen Bäume gepflanzt werden sollen. Ziel sei es, den „Wirtschaftswald“ in einen „Klimawald“ umzuwandeln. Es war der Abschied von der Idee der Stoiber‘schen Forstreform.

Im Zeitgeist des Neoliberalismus hatte 2005 die CSU-Mehrheit im Landtag beschlossen, die traditionellen Einheitsforstämter aufzulösen. Die Bewirtschaftung des Waldes wurden den neu gegründeten Bayerischen Staatsforsten übertragen, einer gewinnorientierten Anstalt des öffentlichen Rechts. Hahner hat miterlebt, wie dort das Personal abgebaut, Reviere und Forstbetriebe jedoch vergrößert wurden. Aus Sicht der Reformer ging es um einen Dreiklang aus Ökologie, Ökonomie und der sozialen Funktion des Waldes. Reine Gewinnmaximierung sei nicht das Ziel, beteuerte der damalige Forstminister Josef Miller (CSU). Doch die Reformpläne waren umstritten, ein initiiertes Volksbegehren scheiterte nur knapp. 15 Jahre später hat sich die Debatte gänzlich gedreht.

Bestand an Fichten und Buchen könnte deutlich sinken

Heute wird über klimatolerante Mischwälder gesprochen, mit denen man wenig Geld verdient, die aber wegen ihrer hohen Biodiversität als besonders stabil und resistent gelten. Waldbesitzer sollen mit einer breiten Palette an Baumarten arbeiten, um das Risiko zu streuen – ähnlich einem Banker, der sein Aktiendepot diversifiziert. Die Forstverwaltung prognostiziert, dass der Fichten- und Kiefernbestand in der Region deutlich sinken und die Buche – zumindest auf trockenen Waldböden – an Dominanz verlieren wird, während der Eichenbestand steigen soll.

In der Praxis erfordert der Waldumbau Fingerspitzengefühl: Nahe der vom Schleimfluss geplagten Buchen hat Feuchter Edellaubsorten wie Bergahorn, Walnuss und Elsbeere gepflanzt. Als Förster muss er Jahrzehnte vorausplanen, ohne in die Zukunft schauen zu können. Welche Triebe gehören gestutzt? Wie weit muss er die Buche zurückschneiden, damit andere Baumarten überhaupt eine Chance haben? Welche Sorten vertragen die Trockenheit? „Viele der alten Gewissheiten sind verschwunden“, konstatiert sein Kollege Hahner.

Waldbegehung im Hesselbacher Bergland : Auch viele Lärchen sind betroffen und wurden zum Fällen markiert.
Foto: Thomas Obermeier | Waldbegehung im Hesselbacher Bergland : Auch viele Lärchen sind betroffen und wurden zum Fällen markiert.

Die Vorstellung, es müssten nur genügend Bäume gepflanzt werden, ist trügerisch. In Fachkreisen wird eher von „Waldmanagement“ gesprochen. Es brauche viele Förster und Waldarbeiter, die durch Wald streifen, Schäden und Schädlinge früh erkennen, die Setzlinge ausbringen, bewässern und umzäunen. Die Arbeit im Wald wird „aufwendiger und ungemütlicher“, prognostiziert Andreas Hahn, der bei der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) die Abteilung Waldschutz leitet. Es werde nicht mehr reichen, „ab und an mal rauszuschauen“. Da der Holzpreis derzeit im Keller ist, bedeutet das für den Waldbesitzer am Ende: weniger Geld, aber deutlich mehr Arbeit. Privatleute, die vielleicht nur einen kleinen Streifen bewirtschaften, könnten an ihre Grenzen stoßen, befürchtet der promovierte Forstwissenschaftler. In Bayern verteilen sich 56 Prozent der Waldfläche – rund 1,5 Millionen Hektar – auf gut 700 000 private Waldbesitzer.

Bayernweit bietet die Forstverwaltung, also die Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF), daher kostenlose Beratung an. Zusätzlich hat die Staatsregierung ein millionenschweres Förderprogramm auf den Weg gebracht. Kommunen und Privatleute, die Mischwälder pflanzen, pflegen und erhalten, bekommen hohe Zuschüsse. Auf Antrag werden bis zu 90 Prozent der Kosten übernommen. Doch es sei schwierig, das Geld an die Leute zu bringen, melden die Ämter.

Insgesamt seien Waldschäden in Bayern noch kein „flächiges Megaphänomen“, beruhigt LWF-Experte Hahn. Es sei ein natürlicher Prozess, dass sich die Natur verändere. Die Frage: Können wir als Menschen damit leben? Ertragen wir kahle Bergrücken, wo vorher saftgrünes Blattwerk die Landschaft prägte? Der Klimawandel, sagt Hahn, bedrohe viele Funktionen, die der Wald heute erfüllt – als Garant für saubere Luft und sauberes Wasser, als Lebensraum für Tiere, Rohstofflieferant, CO2-Speicher und Erholungsraum.

Umbau des Waldes soll bis zum Jahr 2030 abgeschlossen sein

„Schon seit mindestens Mitte der 1990er Jahre wird Waldumbau betrieben“, erklärt Hahn. „Wir haben Wälder, die deutlich gemischter sind als früher, mehrschichtiger, älter und vorratsreicher.“ Doch gerade in trockenen Regionen wie Unterfranken braucht es auch die richtigen Baumarten. Noch immer verkaufen die Bayerischen Staatsforsten, die mit rund 800 000 Hektar fast ein Drittel der Waldfläche in Bayern bewirtschaften, zu 80 Prozent Kiefern- und Fichtenholz – eine Art, die als wenig klimatolerant gilt. Die gute Nachricht: Viele Flächen der Staatsforsten sind bereits vielfältiger bestückt. Im Jahr 2030 soll der Umbau abgeschlossen sein.

Die Blätter der jungen Buchen sind von der Sonne verbrannt.
Foto: Thomas Obermeier | Die Blätter der jungen Buchen sind von der Sonne verbrannt.

Letzte Etappe des Waldspaziergangs, ein Naturwaldreservat im Landkreis Schweinfurt. Hier, auf den rund 40 Hektar Staatswald, darf sich die Natur austoben, ohne von ratternden Motorsägen gestört zu werden. Seit über 50 Jahren ist das kleine Waldstück stillgelegt – und steht damit exemplarisch für einen lange schwelenden Disput: Sollte man überhaupt noch Bäume fällen?

Während Naturschützer mehr Flächen aus der Bewirtschaftung nehmen wollen, argumentieren die Förster, der Klimawandel schreite so schnell voran, dass der Mensch aktiv eingreifen müsse. Für Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner ist die Sache klar: „Die Zeit, den Wald sich selbst zu überlassen, haben wir im Klimawandel nicht.“ Anders sieht das Steffen Jodl, Regionalreferenz des Bund Naturschutz (BN): „Wir wünschen uns, dass größere Bereiche aus der Nutzung genommen werden.“

In dem kleinen Naturwaldreservat kennt sich Gunther Hahner gut aus, in jungen Jahren war er hier oft unterwegs. Mit schnellen Schritten geht der 68-Jährige voran, immer wieder deutet er auf den Boden. Es fällt auf, dass vor allem kleine Buchen nachwachsen, während andere Baumarten sich nur vereinzelt verjüngen. Nach einigen Metern stoppt Hahner und schaut in die Baumkronen. Drei Bäume mittleren Alters stehen eng beieinander – eine Buche, zwei Elsbeeren.

Es ist ein erstaunliches Bild: Die Buche dominiert, wächst gerade nach oben, während sich der Stamm der beiden Elsbeeren, auf der Suche nach Licht, immer weiter krümmt. „Die seltenen Baumarten werden einfach überwachsen“, erklärt Hahner, solange bis sie absterben. Das Problem: Schon jetzt kämpft die Buche mit der Trockenheit. „Die Buche weiß noch nicht, dass sie auf lange Sicht der falsche Baum ist“, betont der pensionierte Förster. Der Mensch müsse also gegensteuern, sonst drohe ein böses Erwachen.

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