Würzburg

Wenn Rhetoriker um die Meisterschaft kämpfen

Die Argumente flogen nur so hin und her im Toscanasaal der Residenz. Es war ein packender Zweikampf der Debattierer.
Studierende diskutieren beim Finale der Süddeutschen Debattiermeisterschaft im Toscanasaal der Residenz in Würzburg den Austritt von Großbritannien aus der Europäischen Union. Bei dem Finale treffen sich die besten studentischen Rednerinnen und Redner, um sich im Wettstreit der Argumente zu messen.
Foto: Daniel Peter | Studierende diskutieren beim Finale der Süddeutschen Debattiermeisterschaft im Toscanasaal der Residenz in Würzburg den Austritt von Großbritannien aus der Europäischen Union.

Am Samstag und Sonntag flogen in der Würzburger Residenz die Argumente hin und her. 21 Teams aus dem südlichen deutschen Sprachraum, zwischen Coburg, Wien, Zürich und Heidelberg, trugen eine Debattiermeisterschaft aus. Über Impfzwang und die Zivilehe redete man sich in den Vorrunden die Köpfe heiß. Am Sonntagnachmittag brummte der Toscanasaal dann von jungen Leuten. Der Edel-Vorlesungssaal der Uni fasste all die, für die das Mitmachen nun, nach ihrem Ausscheiden aus den Wettkämpfen, zum bloßen Dabeisein geworden war.

Drei Tübinger Teams waren schon aus dem Wettreden geflogen, eins jedoch, "Streitkultur Ozymandias", ging noch einmal ins Rennen. Lennart Lokstein, Präsident des Verbands der Debattierclubs an Hochschulen, studiert selbst am Neckar, ausgerechnet Rhetorik. Den einzigen Lehrstuhl für dieses Fach gründete Walter Jens in Tübingen. Diese Personalie sei aber kein direkter Grund für die Vorherrschaft seiner Stadt, sagt Lokstein: "Tübingen hatte den ersten deutschen Debattierclub, ist eine sehr große Uni und konnte so die beste Infrastruktur aufbauen."

Finalgegner aus dem Südwesten des Landes

Die Finalgegner stammten ebenfalls aus dem Südwesten: die "Freiburger Exilregierung". Ihrer aller Thema: "Gesetzt es findet sich eine entsprechende Mehrheit im britischen Unterhaus: Sollte das britische Parlament für den Rücktritt vom Brexit stimmen?" Während das Publikum noch stutzte und die Frage verdauen musste ("Ist eher was für Verfassungsrechtler…!"), hatten die Teams eine Viertelstunde lang darüber gebrütet. Längere Zeit zur Vorbereitung hatten sie nicht. Für einige besonders erschwerend: Es wird ausgelost, welches Team die hochkomplexe Frage mit Ja beantworten muss und welches mit Nein.

Außerdem hatten sich in den Vorrunden drei Rhetoren qualifiziert, die sich auf die eine oder auf die andere Seite schlagen durften: Angélique Herrler aus Heidelberg, Antonio Messner aus Wien und - nochmal Tübingen - Konrad Gütschow. Gerechte Regel: Wenn einer dieser Freien für Team A sprach, dann hatte Team B noch einmal eine Minute Gelegenheit, den Betreffenden umzustimmen und sich dabei en passant noch einmal zu präsentieren.

Das Thema war der Brexit

Welche Argumente sich durchsetzen würden, war nur eine von mehreren spannenden Fragen. Inhaltlich drehten sich die Differenzierungen, Appelle und Schlussfolgerungen um zwei Kerne: Die britischen Abgeordneten sind inzwischen mehrheitlich gegen den Brexit und sollten ihn also stoppen. Hingegen: Tun sie das, bestätigen sie den Brexiteers im Volk: meine Stimme zählt nicht, die da oben machen, was sie wollen. Wie raus aus dem Dilemma?

Je weiter die Wechselrede sich entspann, desto mehr Sinn bekamen die Unbeteiligten im Publikum für andere Aspekte: Würde die Jury auf schöne Artikulation achten? Ist es gut, wenn fast jede Rede mit weit ausgebreiteten Armen anfängt? Wenn einer seine Ansprache selbst als Video aufnimmt, gehört der dann eher disqualifiziert als der, der da formulierte: "Die europäische Idee hat seine Schwächen"? Wenn schon Rhetorik, dann auch richtiges Geschlecht.

Unterm Strich jedoch unterhielt der vorherrschende Scharfsinn prächtig: Oft ließ der Leibwächter von Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sein Smartphone ruhen und lauschte mit glänzenden Augen. Sein Chef war einer der Juroren für die besten Einzelredner. Sie einigten sich auf den Tübinger Sven Jentzsch, der alle schauspielerischen Techniken drauf hatte - nur dass sie bei ihm ganz natürlich wirkten.

Das beste Team war "Streitkultur Ozymandias" aus Tübingen

Neben der Promi-Jury mit Schuster bildeten fünf Studierende ein weiteres Beurteilungskomitee - für das beste Team. Das wurde die "Streitkultur Ozymandias" aus Tübingen, laut Jury-Sprecher Julius Steen, weil sie am klarsten die Konsequenzen politischen Handelns zeigte. "Respektvolles und sachorientiertes Argumentieren", darauf kommt es den Debattierclubs laut ihrem Gesamtvorsitzenden Lennart Lokstein schließlich an.

Mitreden? Der Würzburger Debattierclub ColloquiaHerbipolensia trainiert donnerstags um 20 Uhr im Hörsaal 124 der Neuen Uni Sanderring: www.debattierclub-wuerzburg.de

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