Frauenland

Wo in Würzburg einst das Zentrum jüdischer Lehrerbildung war

Das Haus in der Sandbergerstraße, das heute die David-Schuster-Realschule beherbergt, hat eine bewegte, zeitweise tragische Geschichte. Sie reicht bis 1931 zurück.
Die David-Schuster-Realschule heute. 
Foto: Roland Flade | Die David-Schuster-Realschule heute. 

Der 14. Juni 1931 war ein Tag der Freude für die bayerischen Juden. In der Sandbergerstraße im Stadtteil Frauenland wurde das neue Haus der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt (ILBA) eingeweiht. Das Gebäude beherbergt heute die David Schuster-Realschule. Es gab Festreden und Grußworte und dazwischen sang der Chor der ILBA-Studenten. Von einem "Tag des Jubels und des Dankes" sprach der Würzburger Rabbiner Siegmund Hanover; er zeigte sich zuversichtlich, dass die Juden "die Gefahren der Zeit bannen und überwinden" würden.  

Die "Gefahren der Zeit" waren in jenem Jahr 1931 schon deutlich sichtbar. Mit der Weltwirtschaftskrise hatte 1929 auch der Aufstieg der NSDAP in Deutschland begonnen. Zwei Tage nach der Feierstunde drohte am 16. Juni 1931 der bekannteste unterfränkische Nationalsozialist Otto Hellmuth offen mit Gewalt. Der NSDAP-Gauleiter, Landtagsabgeordnete und spätere Regierungspräsident erklärte im Landtag, wenn die Nationalsozialisten ans Ruder kämen, würden "Köpfe in den Sand rollen". So und noch viel schlimmer kam es.

Jüdische Lehrerbildungsstätte brachte knapp 900 Pädagogen hervor 

Ein Dreivierteljahrhundert gehörte die jüdische Lehrerbildungsstätte mit ihren Gebäuden in der Bibrastraße und der Sandbergerstraße zu Würzburg; in dieser Zeit brachte sie fast 900 Pädagogen hervor.  

Gründer und langjähriger Leiter des Seminars war Bezirksrabbiner Seligmann Bär Bamberger. Am 7. November 1864 begann in einem heute nicht mehr bestimmbaren Haus der Unterricht mit zwölf Studenten. Bamberger wollte, dass die Lehrer, die an den zahlreichen jüdischen Volksschulen Bayerns unterrichteten, eine gute Ausbildung genossen, vor allem auch im Fach Religion. Dies nämlich übernahm in christlichen Schulen in der Regel der örtliche Pfarrer, während in jüdischen Schulen der Lehrer dafür zuständig war.

Schon nach einem Jahr platzte das Seminar aus allen Nähten und zog in die Kettengasse 6 um. Ganz in der Nähe befanden sich in der Domerschulstraße die 1841 eingeweihte Synagoge und die 1856 gegründete jüdische Volksschule. Als Bamberger 1878 starb, folgte ihm sein Sohn Nathan als Bezirksrabbiner und Schulleiter nach. Eine seiner ersten Aufgaben war die erneute Suche nach größeren Räumlichkeiten für das weiter expandierende Seminar. 1884 siedelten die ILBA schließlich in ein geräumiges Gebäude in der Bibrastraße 6 um.

Jakob Stoll, der letzte Direktor des jüdischen Lehrerseminars in der Sandbergerstraße.
Foto: Archiv Roland Flade | Jakob Stoll, der letzte Direktor des jüdischen Lehrerseminars in der Sandbergerstraße.

1905 wurde Jakob Stoll an das jüdische Lehrerseminar berufen. Unter Stoll entwickelte sich die ILBA zur bedeutendsten jüdischen Lehrerbildungseinrichtung Deutschlands.

Galoppierende Inflation wirkte sich dramatisch aus

Rabbiner Nathan Bamberger starb 1919. Sein Nachfolger als Bezirksrabbiner war Siegmund Hanover, der allerdings in Personalunion nicht auch noch die Leitung der ILBA übernahm. Stattdessen wurde Jakob Stoll zum Direktor ernannt. Hatten schon Heizmaterial- und Lebensmittelknappheit in den letzten Kriegsjahren die Arbeit des Seminars behindert, so verschlechterte bis 1923 die galoppierende Inflation die Lage dramatisch: Eine für Notlagen angesparte Rücklage sowie die Kriegsanleihen waren nur noch Pfennige wert, was zur Folge hatte, dass jüdische Lehrerseminare in Hannover, Kassel und Münster ihre Pforten schließen mussten.

In Würzburg war es Jakob Stoll, der in den Ferien bei Spendern vorsprach und Mark für Mark das Überleben seiner Schule gewährleistete. Endgültig sicher konnte er erst sein, als die Landesverbände der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, Baden Württemberg und Preußen regelmäßige Unterstützungszahlungen versprachen.

Das Haus der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in der Sandbergerstraße im Jahr 1931.
Foto: Archiv Roland Flade | Das Haus der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in der Sandbergerstraße im Jahr 1931.

Die folgenden Jahre des wirtschaftlichen Aufschwungs und der politischen Beruhigung kamen auch der ILBA zugute. Waren es 1925 gerade noch 18 Studenten gewesen, so zählte der Jahresbericht 1929 bereits 55 auf. Wieder wurde ein Umzug nötig, denn das Haus in der Bibrastraße genügte den gewachsenen Ansprüchen nicht mehr. Besser eingerichtete Lehrsäle für den Naturkundeunterricht waren nötig, außerdem zusätzliche Wohnräume, da die meist von auswärts kommenden Studenten im ILBA-Haus lebten. Zudem musste die Israelitische Präparandenschule in Höchberg, die Jungen und Mädchen in drei Studienjahren auf den Besuch der ILBA vorbereitete, in das Lehrerseminar eingegliedert werden.

Würzburg wurde zum Zentrum der jüdischen Lehrerbildung

Als der Neubau in der Sandbergerstraße emporwuchs, hatten sich die Zeiten allerdings  schon wieder geändert und die Pläne mussten reduziert werden. Das Gebäude umfasste bei seiner Fertigstellung sechs Schulzimmer, einen 100 Quadratmeter großen Studiersaal, einen Zeichensaal, Physik- und Chemiesaal mit Vorbereitungszimmer, Musiksaal, fünf Musikübungszimmer, Lehrmittelzimmer sowie eine Bibliothek. Küche und Speisesäle wurden provisorisch im Untergeschoss eingerichtet, die Turnhalle erst 1934 errichtet.

Nicht verwirklichen ließ sich auch das Projekt, Wohnraum für alle Studierenden zu schaffen. Nur die 1930 erstmals aufgenommenen Studentinnen zogen in ein kleines Gebäude, das neben der neuen ILBA in der Sandbergerstraße stand. Die männlichen Studenten wohnten weiterhin im Altbau in der Bibrastraße.

Die Israelitische Lehrerbildungsanstalt in der Sandbergerstraße verfügte auch über ein Orchester. Heute befindet sich in dem Haus die David-Schuster-Realschule.
Foto: Archiv Roland Flade | Die Israelitische Lehrerbildungsanstalt in der Sandbergerstraße verfügte auch über ein Orchester. Heute befindet sich in dem Haus die David-Schuster-Realschule.

Das Seminar expandierte. Im Schuljahr 1931/32 besuchten 100 Studenten, darunter sieben junge Frauen, die ILBA. Das einzige weitere jüdische Lehrerseminar stand in Köln. Es schloss allerdings wenig später seine Tore; wer in Deutschland Lehrer an einer jüdischen Volksschule werden wollte, musste nach Würzburg kommen.

Das Jahr 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten schuf abermals neue Verhältnisse. Zunächst wuchs die ILBA weiter, denn als die jüdischen Schüler nach und nach aus den religiös gemischten Schulen herausgeworfen wurden, entstanden allenthalben jüdische Volksschulen, beispielsweise in Schweinfurt, Augsburg und München. Sie alle brauchten Lehrer.

Terror beim Novemberpogrom 1938

Der Novemberpogrom von 1938 beendete die Geschichte des Seminars in wenigen Stunden gewaltsam. In der ILBA standen Prüfungen bevor. Am 10. November, einem Donnerstag, war kein Unterricht vorgesehen, um den Studentinnen und Studenten Zeit für letzte Vorbereitungen zu geben.

In der Nacht zu diesem Donnerstag wurden die ILBA-Studenten, die im alten Seminargebäude in der Bibrastraße wohnten, um 3.30 Uhr von einer Gruppe randalierender Hitlerjungen geweckt, die die schwere eichene Eingangstür aufbrachen und sich an die systematische Zerstörung der Wohnsäle machten. Der Betreuer alarmierte die Polizei – nur um wenig später zusammen mit sämtlichen Studenten verhaftet zu werden.

Bereits um 2 Uhr hat der nichtjüdische Hausmeister des Neubaus in der Sandbergerstraße die Studentinnen geweckt, die im Haus neben dem Schulgebäude wohnen.  "Steht auf, Mädchen", rief er aufgeregt, wie sich eine der Studentinnen später erinnerte. "Horden, die die jüdischen Gebäude zerstören", seien unterwegs. Der Hausmeister warnte. "Sie werden Steine durch die Fenster schmeißen. Sie werden nicht darauf Rücksicht nehmen, ob ihr hier seid, und euch verletzten." Die Studentinnen flüchteten durch den Hintereingang.

Um 5 Uhr schleppte ein Gestapomann Jakob Stoll zu seiner Schule in der Sandbergerstraße, wo uniformierte Plünderer gerade die wertvolle Bibliothek des Seminars verbrannten. Stoll musste seinen Bewacher durch die verwüsteten und mit antisemitischen Schmierereien versehenen Räume führen und erfuhr dann gegen 6 Uhr morgens, dass das Seminar geschlossen und Gebäude und Grundstück vom bayerischen Staat beschlagnahmt seien.

Studenten und Lehrer kamen ins Gefängnis und ins Konzentrationslager

Die 74-jährige Geschichte der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt Würzburg war zu Ende. Sie ging in derselben Nacht zu Ende, in der auch die Synagoge in der Domerschulstraße geschändet und das jüdische Gotteshaus in Heidingsfeld niedergebrannt wurde. Studenten und Lehrer des Seminars wurden festgenommen. Für die meisten endete die "Schutzhaft" im Gefängnis in der Ottostraße oder im Konzentrationslager Buchenwald, wo sie bis zur Freilassung ausharren mussten.

Jakob Stoll emigrierte im August 1939 in die USA. Sein Stellvertreter Selig Steinhäuser, der ehemalige Direktor der Höchberger Präparandenschule, wurde ermordet, ebenso wie Jakob Neubauer, der von 1926 bis 1933 Rabbiner an der Lehrerbildungsanstalt gewesen war. Bevor Selig Steinhäuser am 17. Juni 1943 mit seiner Frau nach Auschwitz deportiert wurde, erwarb der fanatische Antisemit Otto Hellmuth einen Wäscheschrank aus seinem Besitz. Nach dem Krieg praktizierte Hellmuth nach mehrjähriger Haft von 1956 bis zu seinem Tod 1968 als Zahnarzt mit Kassenpraxis in Reutlingen.

Das Gebäude überstand den Bombenangriff vom 16. März 1945

Den Bombenangriff vom 16. März 1945 überstand das teilweise aus Eisenbeton errichtete Gebäude in der Sandbergerstraße, in dem nach 1938 zunächst eine Reichswehreinheit und dann eine Schule untergebracht waren, fast unzerstört. Dagegen fiel das Haus in der Bibrastraße durch einen direkten Treffer in Trümmer. Nach 1945 verkaufte die IRSO, eine weltweite Organisation, die erbenlosen jüdischen Besitz verwaltete, das Gebäude in der Sandbergerstraße. Viele Jahre hatte hier die 1974 nach Jakob Stoll benannte Realschule eine Heimat, die sich heute in der Zellerau befindet.

Anschließend kam die Realschule des damaligen Mozart-Schönborn-Gymnasiums hier unter sowie ab 2003 die neu gegründete Staatliche Realschule III, die 2007 nach David Schuster benannt wurde, dem langjährigen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Würzburg und Unterfranken.

Samson Raphael Weiß, Seminarrabbiner nach Jakob Neubauer, war 1938 in die USA emigriert und später nach Jerusalem gezogen. 1977 kam er für einen Tag nach Würzburg. Das Haus, in dem er unterrichtet hatte, betrat er nicht. "Ich ging nicht hinein", schrieb er später, "ich bleib draußen stehen und weinte".

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