Würzburg

Würzburger in Clausnitz: "Die Menschen haben einfach Angst"

Ein Handyfoto – entstanden am Sonntag als Erinnerung an die Begegnung mit Flüchtlingen in Clausnitz: Initiatorin Natali Soldo-Bilac (links) und ihre Würzburger Mitstreiter Peter Range (v. l.), Bülent Öztemel, Tino Diller (vorne v. rechts) und Übersetzer Majeed Demashki (hinten rechts). Sie trafen die aus dem Libanon stammende Familie Khatun mit Vater Majdi und beiden Söhnen Luai und Ramsi (hinten), vorne die Asylsuchende Fandi Lana aus Syrien.
Foto: privat | Ein Handyfoto – entstanden am Sonntag als Erinnerung an die Begegnung mit Flüchtlingen in Clausnitz: Initiatorin Natali Soldo-Bilac (links) und ihre Würzburger Mitstreiter Peter Range (v.

Ein weinendes Kind, verängstigte Frauen in einem Bus, aggressive Polizisten und ein wütender Mob von Demonstranten auf der blockierten Straße: Es waren verstörende Bilder, die am Wochenende aus dem sächsischen Dorf Clausnitz um die Welt gingen.

So wehrt man sich in Deutschland gegen die Aufnahme von Flüchtlingen? Nein – haben sich vier Würzburger gesagt und sind zusammen mit einem Dolmetscher am Sonntag in die Asylunterkunft nach Clausnitz gefahren – eine Geste des Willkommens, der Mitmenschlichkeit. Wir sprachen mit der Initiatorin Natali Soldo-Bilac. Die 43-Jährige, bis Juli 2015 in der Geschäftsstelle des Ausländer- und Integrationsbeirates, ist im Fachbereich Soziales bei der Stadt beschäftigt und ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe aktiv.

Frage: Frau Soldo-Bilac, wer war denn von Würzburg aus am Sonntag bei den Flüchtlingen in Clausnitz?

Natali Soldo-Bilac: Wir waren vier Leute, sie sind Freunde und seit einigen Monaten ehrenamtliche Helfer für Flüchtlinge in Würzburg, dazu in weiser Voraussicht ein Dolmetscher. Er ist selbst aus Syrien geflohen.

Initiiert wurde das Ganze von Ihnen. Was hat Sie dazu bewogen und wie haben Sie die Fahrt vorbereitet?

Soldo-Bilac: Ich habe am Samstagmorgen die Berichte und das Bus-Video aus Clausnitz gesehen und mir beim ersten Anschauen gedacht: Das ist bestimmt ein Fake. War es aber nicht. Dann habe ich erst mal geweint. Ich dachte: Das gibt es überhaupt nicht. Ich wollte zunächst ein schönes Paket dorthin schicken und habe im Internet nach Helfergruppen in benachbarten Städten von Clausnitz recherchiert, aber nichts gefunden. Bei den Kirchengemeinden habe ich niemanden erreicht. Zufällig habe ich dann in anderer Sache mit unseren Würzburger Helfern telefoniert und gesagt: Wäre mein Auto nicht in der Werkstatt, würde ich am liebsten direkt nach Clausnitz zu den Flüchtlingen fahren. Da sagten die anderen: Aber wir haben ein Auto – komm' lass' uns fahren.

Sie sind nicht mit leeren Händen losgefahren...

Soldo-Bilac: Ja, Samstagnachmittag habe ich noch um Spenden gebeten. Innerhalb weniger Stunden war unser Raum rappelvoll.

   

Was hatten Sie dabei?

Soldo-Bilac: Jede Menge Süßigkeiten, Kekse, andere Lebensmittel, Kosmetika. Außerdem haben Würzburger nagelneue Kleidung gekauft, auch für Kinder, und haben sie zu uns gebracht. Dazu kleine Spielsachen, Puppen und Malzeug.

Das war also ein kleiner Hilfstransport?

Soldo-Bilac: Definitiv. Mehr passte nicht rein. Wir haben auch nicht alles untergebracht. Die andere Hälfte ist noch hier.

War denn klar, ob es dafür auch Abnehmer gibt und wohin die Sachen sollten?

Soldo-Bilac: Das wussten wir nicht. Wir haben das Dorf auf der Landkarte gesucht. Aus dem Fernsehen hatte ich ein Bild, wie das Haus aussieht. Wir sind da etwas blauäugig hingefahren, haben uns aber auf der Hinfahrt viele Gedanken gemacht: Wir hatten viel Polizeipräsenz und Sicherheitsdienste erwartet.

Und so war es dann auch?

Soldo-Bilac: Nein, gar nicht. Da war weder Polizei noch Security, das hat uns total überrascht. Für uns war es leicht, wir sind problemlos in das Gebäude reingekommen. Wenn jemand in anderer Absicht käme, hätten die Menschen keinen Schutz.

Sie haben dann gezielt nach dem Jungen aus dem Bus gesucht?

Soldo-Bilac: Nein, haben wir nicht. Wir haben irgendwo angeklopft und unser Dolmetscher hat den Menschen erklärt, woher wir kommen und dass wir ihnen eine Freude machen wollen. Der angesprochene Mann hat das im ersten Moment gar nicht geglaubt. Dann haben sich alle 17 Bewohner versammelt. So haben wir auch den Jungen Luai kennengelernt. Er ist mit seinem Vater und seinem Bruder geflohen. Wir dachten erst, die drei kommen aus Libyen, sie stammen aber aus dem Libanon.

Wie haben denn die Leute auf Ihren Besuch reagiert?

Soldo-Bilac: Als wir ihnen unser Mitgefühl gezeigt hatten, haben einige angefangen zu weinen, vor allem die Frauen. Wir haben sie getröstet, die Kinder haben die gespendeten Sachen für die fünf Familien aufgeteilt – das war ganz rührend.

Haben die Flüchtlinge erzählt, wie sie die Vorgänge im Bus und die Proteste erlebt haben?

Soldo-Bilac: Ja. Sie haben uns gesagt, dass wir die ersten sind, mit denen sie sich richtig unterhalten können. Die Leute hatten schon drei Stunden vor den gefilmten Szenen im Bus ausgeharrt. Sie sagten, sie waren in Todesangst. Vor dem Bus hatten die Demonstranten einen Traktor mit einer Schneepflugschaufel geparkt. Eine Frau hatte in Syrien schon mal erlebt, wie Steine auf einen Bus geworfen wurden. Deshalb hat sie den Kindern gesagt, sie sollten sich auf den Boden setzen.

Und die angeblichen Provokationen durch die Flüchtlinge?

Soldo-Bilac: Die eine Frau, die spuckend im Video zu sehen ist, haben wir angesprochen. Sie sagt, sie schäme sich fast, wenn sie das jetzt so sieht. Aber sie habe Todesangst gehabt. Da waren drei Frauen ganz allein dabei. Sie waren verstört, dass sie jetzt hier in Deutschland noch mal Angst um ihr Leben haben müssen. Zum angeblich gezeigten Stinkefinger: Die wussten noch gar nicht, was das ist. Ein Mann hat zugegeben, dass er vor lauter Unverständnis eine Kopf-Ab-Geste gemacht hat.

Wie haben sie den Polizeieinsatz erlebt?

Soldo-Bilac: Als ganz schlimm. Eine Frau hat erzählt, dass sie erst Vertrauen in die Polizei hatte. Aber dann konnte sie nicht erkennen, dass sie irgendetwas gegen die wütenden Menge gemacht hätte. Sie standen einfach nur da, und so nahm die Angst bei den Flüchtlingen zu. Zum Schluss haben sie den Einsatz als sehr aggressiv erlebt. Vor allem, wie der Junge von einem Polizisten aus dem Bus gezerrt wurde.

Über Facebook haben Sie die Aktion öffentlich gemacht und berichtet. Wie weit war es auch eine PR-Aktion?

Soldo-Bilac: Eigentlich hatten wir so große Reaktionen darauf gar nicht erwartet. Ich mache ja sonst auch nicht jeden Tag fünf Posts auf Facebook. Wir wollten noch einige Spenden mitnehmen, deshalb war der Aufruf eher für uns intern zur Vorbereitung gedacht. Dass es so eine Anteilnahme wird – damit hatte ich gar nicht gerechnet.

Aber wollten Sie nicht doch die öffentliche Aufmerksamkeit haben...?

Soldo-Bilac: Diese Aufmerksamkeit hat sich für mich persönlich erst ergeben, nachdem wir dort waren. Die Menschen haben uns angefleht, nicht mehr wegzugehen. Da dachte ich mir, von dieser Situation sollten andere auch erfahren. Am liebsten hätten wir die Leute direkt mitgenommen. Aber das ging ja nicht. Wir mussten vernünftig bleiben. Mit so einer Gefühlsaktion hätten wir ihnen auf Dauer nicht geholfen. Aber wir wollten unbedingt für diese Menschen noch etwas tun, das haben wir ihnen versprochen. Wir werden auch nächstes Wochenende wieder hinfahren.

Gefühlsaktion... Was sagen Sie Kritikern, die Ihnen persönlichen Hilfsaktionismus unterstellen?

Soldo-Bilac: Ehrlich gesagt: Das ist mir egal, wenn das jemand so denkt. Dieses Ausmaß, wie schrecklich Menschen dort empfangen wurden, habe ich in dieser Form einfach noch nirgendwo anders mitbekommen.

Nun hat das Würzburger Bündnis für Zivilcourage bei der Stadt am Montag um Verlegung der Asylsuchenden aus Clausnitz nach Würzburg gebeten. Kann das wirklich die Lösung sein?

Soldo-Bilac: Natürlich kann es nicht die Lösung sein, von dort umzuverteilen, wo es Probleme gibt. Es können auch nicht alle nach Würzburg kommen. Aber ich finde, das ist dort eine Ausnahmesituation. Sie ist öffentlich geworden und wir können nicht sagen, wir wussten nichts davon. Ich denke, mit guter Vorbereitung und einem Helferkreis können Flüchtlinge in diesem Ort leben. Aber speziell diese Menschen, mit denen wir gesprochen haben, werden nicht mehr mit einem sicheren Gefühl dort leben können. Sie haben einfach Angst. Um diese Menschen geht es bei einer möglichen Verlegung.“

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