Karlstadt

Kai Estenfelders einsame 42,195 Kilometer

Konfettiregen bei Kai Estenfelders Zielpassage im Karlstadter Baggertsweg.
Foto: Günther Felbinger | Konfettiregen bei Kai Estenfelders Zielpassage im Karlstadter Baggertsweg.

Es sind exakt 42,195 Kilometer, aber für viele ambitionierte Sportler verknüpft sich mit dieser krummen Weitenangabe eine Art Mythos, einmal im Leben einen Marathonlauf erfolgreich zu absolvieren. Diesen Traum wollte sich in diesem Jahr auch der Karlstadter Kai Estenfelder erfüllen.

Als er im vergangenen Winter den Entschluss fasste, sich der längsten olympischen Laufstrecke zu widmen, lagen mehrere Beweggründe für diese auf den ersten Blick verrückte Idee zugrunde: "Ich habe in den vergangenen Jahren alle anderen Strecken schon gelaufen, nur der Marathon hat noch gefehlt", erzählt der Schüler des Johann-Schöner-Gymnasiums Karlstadt, der sich gerne außergewöhnliche Ziele setzt. So wurde er in diesem Corona-Jahr 2020 auch unterfränkischer Meister im 110-Meter-Hürdenlauf der U-20-Altersklasse, eigentlich eine ganz und gar atypische Disziplin für einen Ausdauersportler.

Sechs Monate Vorbereitungszeit

So begann er bereits frühzeitig im Jahr nach den Plänen seines vertrauten Trainers Bernhard Zink wochenends mit einem langen Dauerlauf über 20 Kilometer, um sich auf die umfangreiche Laufdistanz einzustimmen. Sechs Monate Vorbereitungszeit hatte er sich vorgenommen, und als Höhepunkt sollte der Frankfurt-Marathon just am Sonntag, 25. Oktober, am Tag seines 18. Geburtstages, sein. Warum die Wahl ausgerechnet auf den Marathon in der Rhein-Main-Metropole fiel, erklärt er so: "Bei allen großen Marathonläufen ist das Mindestalter 18, und diese Voraussetzung hätte ich just an meinem Geburtstag gehabt."

Deshalb war sein Enthusiasmus lange vorher auf diesen Marathon-Tag gerichtet. So absolvierte er selbst während des Corona-Lockdowns im Frühjahr seine Dauerlauf-Kilometer rund um den Saupurzel oder entlang des Mains. Sein Ehrgeiz für diesen einen Tag und Traum war so groß, dass er selbst auf nahezu alle Leichtathletik-Wettkämpfe in diesem Jahr verzichtete - ausgenommen der Ausflug auf die 110 Meter-Hürdenstrecke.

Zahlreiche Absagen

Doch wegen der Corona-Pandemie, die trotz des langsamen Wiedereinzugs des Alltages im Sommer weiter Beschränkungen mit sich brachte, auch was sportliches Training und Sport-Wettkämpfe anging, wurde heftig über das Thema Sport-Großveranstaltungen diskutiert. Und da standen die großen Stadtmarathons mit ihren Zehntausenden von Teilnehmer und den Hunderttausenden von Zuschauern an den Straßen oft Kreuzfeuer der Kritik. Und so verging im Juni keine Woche, in der nicht irgendein großer Marathonveranstalter verkündete, dass eine Durchführung seines Rennens in diesem Corona-Jahr nicht umsetzbar sei.

"Ich hatte echt wochenlang gehofft, dass Frankfurt stattfindet, denn sie waren die Letzten, die resignierten und aufgaben. Ich war dann erstmal down und total traurig", so Estenfelder, nachdem die Entscheidung über die Absage gefallen war. Doch so hart die Entscheidung für den ambitionierten Jung-Marathonläufer war, umso schneller schaffte die Idee der LG Main-Spessart-Trainer um Bernhard Zink, selbst eine Marathon auszurichten, eine neue Perspektive.

Schnell hatte man mit zwei Schleifen auf den Radwegen von Karlstadt nach Wernfeld und auf der linksmainischen Seite zurück sowie weiter bis nach Retzbach und über Himmelstadt wieder zurück gen Kreisstadt die 42,195 Kilometer verlegt – und Kai Estenfelders Marathon-Traum lebte wieder. "In den Anfangsmonaten waren es drei bis vier Trainingseinheiten pro Woche, später dann sechs bis sieben", resümierte er schließlich am Sonntag, vor dem eigentlich der Wettkampf in Frankfurt vorgesehen war, im Ziel des 1. Main-Spessart-Corona-Marathons nahe des Karlstadter Freibades. Nach 3:17,08 Stunden stoppte er erschöpft im Konfetti-Regen, den ihm Bekannte, Freunde, Familie und Sportkameraden bescherten.

Ganz im Gegensatz zum eigentlich geplanten Massen-Marathonlauf in Frankfurt mit Zehntausenden von Läuferinnen und Läufern lief er den MSP-Marathon fast alleine. Aber die berühmte Einsamkeit des Läufers verspürte der 17-Jährige nicht, denn seine Vereinskameraden und Freunde, die über Monate seine harte Vorbereitungszeit miterlebt hatten, waren während der gesamten 42 Kilometer motivierende Begleiter. Flankiert von bis zu acht Radfahrern und der ein oder anderen Teilzeit-Laufbegleitung spulte er seinen programmierten 5:00er-Schnitt auf dem Kilometer generalstabsmäßig ab. Eine Vereinskameradin hatte immer in Sichtweite die Fünf-Kilometer-Zeiten auf einer Tafel auf ihrem Rücken präpariert, Bruder Timo die bei einem Marathon nötige Verpflegung stets griffbereit. So war bereits zu Mitte des Wettkampfes ersichtlich, dass der Marathon-Novize sich das Rennen gut eingeteilt hatte und das Training Früchte tragen würde.

Eine Fahrradstaffel als Eskorte für Kai Estenfelder (vorn).
Foto: Günther Felbinger | Eine Fahrradstaffel als Eskorte für Kai Estenfelder (vorn).

"Du liegst drei Minuten drunter", signalisierte ihm Trainer Bernhard Zink bereits auf dem Hinweg nach Himmelstadt, dass er auf Kurs lag. Bis letztendlich in Mühlbach das Ziel am Karlstadter Freibad zum Greifen nahe war, hatte sich der Vorsprung auf die anvisierten 3:30 Stunden nochmals vergrößert. Nach 3:17,08 Stunden schließlich stoppte Kai Estenfelder erschöpft im Ziel, und im Gesicht wich die Anstrengung der Freude über die mit vielen Hindernissen erbrachte Leistung. "Ich hatte die beiden letzten Wochen extreme Probleme mit dem Knien und musste eine komplette Woche pausieren", analysierte er, während ihm LG-Chef Alfred Maasz das von zu Hause mitgebrachte alkoholfreie Weißbier reichte, um die verbrannte Energie möglichst schnell wieder auszugleichen.

"Jetzt steht zu Hause erstmal eine heißes Bad an", freute er sich und meinte nach einigen Minuten des Kräftefassens, dass er sich durchaus vorstellen könne, erneut einen Marathon anzugehen: "In diesem Jahr zwar nicht mehr, aber in Zukunft!" Der Vollständigkeit halber sei auch erwähnt, dass mit Vereinskamerad Elias Kriester nach 3:44,09 Stunden ein weiterer LG Main-Spessart-Läufer das Ziel erreichte.

Der Autor ist früherer Landtagsabgeordneter und Vorsitzender der bayerischen Sektion des Deutschen Sportlehrerverbands. Ferner ist er auch ausgebildeter Journalist und dieser Funktion in der Sportberichterstattung dieser Redaktion tätig.

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