LOKALSPORT:

Es geht auch um die Zukunft der Vereine

Bilder, wie dieses wie beim Kinderturnen des TSV Oberstreu, wird es in absehbarer Zeit in den Turnhallen nicht geben.
Foto: ArchivUdo Großmann | Bilder, wie dieses wie beim Kinderturnen des TSV Oberstreu, wird es in absehbarer Zeit in den Turnhallen nicht geben.

Tobende, lachende Mädchen und Jungen, voller Bewegungsdrang und auf sportlicher Entdeckungsreise, ihre Fähigkeiten ausprobieren, Neues entdecken, einfach Spaß haben. Und dabei etwas für die Gesundheit tun. Denn Bewegung fördert die körperliche und geistige Entwicklung. All das geschieht in den Sportvereinen unter Anleitung engagierter Übungsleiter, die nicht nur Fachkompetenz, sondern auch ein gutes Nervenkostüm besitzen müssen. So gestaltet sich in der Regel das Kinderturnen in den Turnhallen. Dort ist nun Stille und Leere eingekehrt, ja ein Ort gespenstischer Ruhe. Was für alle Sportgruppen gilt, deren Aktivitäten „auf Eis“ gelegt worden sind. Grund ist der zweite Lockdown seit Anfang November aufgrund der Corona-Pandemie.

Danach mussten die Sportvereine ihre Anlagen schließen und ihre Angebote, nicht nur für Kinder, sondern für alle, so gut wie einstellen. Das rief den Bayerischen Landes-Sportverband (BLSV) und die Bayerische Sportjugend (BSJ) auf den Plan. „Das wird dramatische Auswirkungen, insbesondere auf den Sport und die Bewegung der Kinder und Jugendlichen haben,“ betonen BLSV und BSJ in einer Pressemitteilung. Bereits aus dem ersten Lockdown im Frühjahr sei bekannt, dass die Mitgliederzahl in den bayerischen Sportvereinen im Kinder- und Jugendbereich „um fünf Prozent rückläufig sein wird.“ Umso mehr wird indes begrüßt, dass die Turnhallen für den Schulsport geöffnet bleiben.

Maßnahmen einiger Kommunen wirken kontraproduktiv

Das unterstreicht auch der Vorsitzende des BLSV-Sportkreises Rhön-Grabfeld, Klaus Greier, der, wie alle, einer ungewissen Zukunft entgegenblickt. „Das Positive ist, dass der Schulsport im Gegensatz zum Vereinssport grundsätzlich erst einmal nicht eingeschränkt ist.“ Für Greier auch logisch: „Warum sollten Kinder, die über einen langen Zeitraum im Klassenzimmer zusammen sind, nicht auch gemeinsam Sport treiben können?“ Allerdings würden die Vorsichtsmaßnahmen einiger Kommunen, die „ihre Sportstätten im Moment weder den Schulen noch den Vereinen zur Verfügung stellen, kontraproduktiv wirken.“

Vereine vor einer ungewissen Zukunft

Klaus Greier rechnet zudem fest damit, dass auch auf Kreisebene die Mitgliedszahlen rückläufig sein werden. „Durch das fehlende Sportangebot ab März fehlt den Vereinen ein Großteil des nächsten Jahrgangs, der beim jeweiligen Sportangebot hinzugekommen wäre. Dies konnte auch in der relativ kurzen Zeit, in der im Sommer und Herbst der Sport fast ohne Einschränkungen möglich war, nicht ausgeglichen werden.“ Der Kreisvorsitzende verschließt sich dem Argument, dass der Vereinssport für Kinder und Jugendliche nicht mit dem Schulsport gleichzusetzen ist, nicht. „Im Verein kommen Kinder und Jugendliche aus mehreren Schulen und mehreren Jahrgängen zusammen. Infektionsketten sind da schwieriger nachzuvollziehen. Dennoch muss es unser Bestreben sein, dass gemeinschaftlicher Sport, gerade, aber nicht nur für Kinder und Jugendliche, möglichst frühzeitig wieder erlaubt wird. Hier geht es nicht nur um die positive Wirkung des Sports auf das körperliche Wohlbefinden. Es geht auch um die Zukunft der Vereine“, betont Greier.

Probleme nach längeren Pausen

Für Daniel Straub, lizenzierter Übungsleiter des RSV Wollbach, passen die staatlichen Vorgaben Schulsport ja, Vereinssport nein, „nicht mehr ganz zusammen. Einerseits dürfen die Kinder zum Glück in den Kindergarten und in die Schule. Aber die gleichen Kinder, wenn es mehr als zwei sind, dürfen im Anschluss nicht gemeinsam spielen oder zum Sport.“ Auch Straub untermauert die Bedeutung des Sports. „Wenn man den Fitnesszustand von Kindern sieht, bevor sie in die Schule kommen, und danach, dann fällt deutlich auf, wie dieser durch das viele Sitzen und die mangelnde Bewegung rapide nachlässt. Deshalb ist ein ausreichendes Sportprogramm im Unterricht und begleitend in den Sportvereinen unerlässlich. Wenn man die Kinder hier verliert, hat das Konsequenzen auf den Gesundheitszustand im Erwachsenenleben.“ Außerdem seien viele Kinder und auch Erwachsene alleine nicht motiviert genug oder benötigen Unterstützung durch Übungsleiter und Trainer bei der Ausführung oder Belastungssteuerung. Straub sieht die größte Schwierigkeit darin, sich nach längeren Pausen wieder den Trainingsgruppen anzuschließen. „Teils wegen der Motivation (es ging ja jetzt auch wochenlang ohne), teils aus Scham, weil man denkt, mit den anderen nicht mehr mithalten zu können.“

Je länger die Pause, desto größer die Hürde

Ricarda Seufert, Übungsleiterin beim TSV Hollstadt (u. a. für Kinderfitness) und zugleich zweite Vorsitzende der BSJ-Sportjugend im Landkreis Rhön-Grabfeld hofft „inständig, dass wir bald wieder mit einem kleinen Teilnehmerkreis in die Halle können“. Die Grundlagen für die koordinativen Fähig- und Fertigkeiten würden nachweislich im Kindesalter gelegt. „Nicht umsonst bezeichnen wir eine große Spanne des Schulkind-Alters als ,erstes goldenes Lernalter'. Die Einschränkungen, die seit März 2020 in unterschiedlichem Umfang, jedoch durchgehend herrschen, entziehen den Schulkindern die Möglichkeiten, die Basis für diese Fähigkeiten zu erarbeiten. Wir sollten uns durchaus die kritische Frage stellen, ab welcher Zeitdauer dieser Effekt irreversibel sein.“ Seufert sieht die Gefahr, dass Kinder, die über den Schulsport motiviert werden, auch Angebote in den Vereinen zur Verbesserung ihrer Leistungen und damit letztlich auch für die Gesundheit wahrzunehmen, „gänzlich für den Vereinssport verloren gehen. Denn je länger die Pause, desto größer wird hier die Hürde.“

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und die Landessportbünde bzw. -sportverbände haben an die Ministerpräsidenten und Regierenden Bürgermeister der Länder eine Resolution geschickt. Kernaussage des Schreibens an die Politik ist, dass der Sport aus Sicht des organisierten Sports „kein Teil des Problems, sondern vielmehr ein Teil der Lösung der Pandemie-Bekämpfung ist“, wie es in der Resolution heißt. Die Sportvereine, die Sportverbände und Landessportbünde in Deutschland seien in der Lage, auch bei hohen Inzidenzwerten verantwortbare Sportangebote zu unterbreiten.

Falsches Signal in schwieriger Zeit

Ganz „frisch“ ist eine Pressemitteilung des BLSV, der auf eine Anweisung der Bayerischen Staatsregierung mit „Falsches Signal in schwieriger Zeit“ reagiert hat. Bis zur Entscheidung am Donnerstag war der Vereinssport nicht komplett eingeschränkt, sondern Individualsportarten weiterhin, im Familienverbund oder mit zwei Haushalten möglich. „Dies gilt auch in kommunalen und vereinseigenen Sportanlagen und im Freien sowieso“, hatte Klaus Greier festgestellt. Das ist inzwischen überholt. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof hatte unter Verweis auf das Gleichheitsprinzip die bisherige Schließung von Fitnessstudios aufgehoben, weil auf der anderen Seite sonstigen Sportstätten für Individualsport geöffnet seien, und damit dem Eilantrag eines Fitnessstudio-Inhabers zum Teil stattgegeben.

Nur noch Profi- und Schulsport erlaubt

Darauf reagierte die Staatsregierung umgehend und schloss nahezu alle Indoor-Sportstätten. „Einzig der Profi- und Schulsport bleiben im November in Innenräumen erlaubt“, so der BLSV. „Ein großer Rückschlag für den Sport und eine aus Sicht des BLSV nicht nachvollziehbare Maßnahme“, schreibt der BLSV weiter. Für dessen Präsident Jörg Ammon ist diese Entscheidung „aus unserer Sicht eine kurzfristige Maßnahme ohne Ziel und ein falsches Signal in dieser schwierigen Zeit. Wir haben für diese überhastete Maßnahme kein Verständnis. Die Volksseele unserer Sportlerinnen und Sportler, Sportvereine und Sportfachverbände brodelt. Die Gesundheit unserer Sportlerinnen und Sportler hat für uns nach wie vor oberste Priorität. Dennoch sollte die Bayerische Staatsregierung diese Entscheidung dringend überdenken.“ Ein Statement, hinter „dem wir als Kreis und ich persönlich vollumfänglich stehen“, wertet Klaus Greier dieses Schreiben des BLSV.

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