Rimpar

Was Hamburgs Trainer Torsten Jansen von Aufstiegsträumen hält

Stoppt Rimpar die Serie des Spitzenreiters? Der Handball-Weltmeister von 2007 über seine Rolle als Vorbild, die Ambivalenz des Älterwerdens und sein Interesse für Philosophie.
Früher Weltklasse-Spieler, heute Trainer: Torsten ''Toto'' Jansen trägt seit 2017 die sportliche Verantwortung beim Zweitligisten Handball Sport Verein Hamburg.
Foto: Valeria Witters | Früher Weltklasse-Spieler, heute Trainer: Torsten ''Toto'' Jansen trägt seit 2017 die sportliche Verantwortung beim Zweitligisten Handball Sport Verein Hamburg.

Es ist der Abend des zweiten Weihnachtsfeiertages. Torsten "Toto" Jansen, seit 23. Dezember 44 Jahre alt, sitzt im Mannschaftsbus auf dem Heimweg aus Eisenach und isst Pizza. Alltag im Profisport. Das kennt er aus über zwei Jahrzehnten als aktiver Handballer, und es ist als Trainer nicht anders. Seit März 2017 coacht er den aktuellen Zweitliga-Spitzenreiter Handball Sport Verein Hamburg. Mit seinem Team sorgt er in dieser Corona-Saison für eine der Überraschungen.

Für den früheren Erstligisten hatte der Linksaußen zuvor selbst zwölf Jahre gespielt (2003 bis 2015, kurzes Comeback 2016). Bevor der HSVH 2016 insolvent ging und in der Dritten Liga neu starten musste, gewann Jansen mit dem Klub unter anderem die Deutsche Meisterschaft (2011) und die Champions League (2013).  Für die deutsche Nationalmannschaft bestritt der gebürtige Rheinland-Pfälzer 178 Länderspiele. Er wurde 2004 Europameister und Olympia-Zweiter, 2007 Weltmeister im eigenen Land – als bester Spieler seines Teams.

Doch Jansens Horizont geht über Handball hinaus. Er ist gelernter Bankkaufmann, verheirateter Familienvater dreier Töchter (9, 12, 14) und eines Sohnes (8), interessiert sich für Philosophie und ist ein unprätentiöser und humorvoller Gesprächspartner. Vor dem Hamburger Heimspiel gegen die Rimparer Wölfe verrät er, warum ihn die Tabellenführung nicht interessiert, wie es sich anfühlt, auf dem Parkett nicht mehr mit den Jungen mithalten zu können und was er mit der Goldmedaille von 2007 angestellt hat.

Man weiß ja gar nicht, wozu man Ihnen zuerst gratulieren soll, Torsten.

Torsten Jansen: (lacht) Am besten chronologisch.

Also gut. Alles Gute nachträglich zum Geburtstag, frohe Weihnachten und Glückwunsch zum Erfolg in Eisenach (30:24, d. Red.).

Jansen: Danke!

Ach, vergessen: Und auch zur Tabellenführung, die Ihnen Ihre Mannschaft schon mit dem Heimsieg über Dessau (29:27) zum 44. geschenkt hat.

Jansen: Die interessiert mich nicht. Es ist eine Momentaufnahme. Bei der Tour de France hat man auch nicht gewonnen, wenn man eine Etappe gewinnt.

Ihre Mannschaft hat die letzten acht Etappen gewonnen.

Jansen: Das ist schön. Aber es warten noch viele weitere auf uns.

Für die deutsche Nationalmannschaft bestritt Torsten Jansen 178 Länderspiele und erzielte 503 Tore. Das Bild zeigt ihn bei der Europameisterschaft 2010 in Österreich.
Foto: Jens Wolf, dpa | Für die deutsche Nationalmannschaft bestritt Torsten Jansen 178 Länderspiele und erzielte 503 Tore. Das Bild zeigt ihn bei der Europameisterschaft 2010 in Österreich.
Die Saison ist tatsächlich noch lang und ziemlich verrückt. Da oben hätte man vermutlich eher Kandidaten wie Bietigheim oder Hamm erwartet als Hamburg. Haben Sie schon mal davon geträumt, wie es wäre, wenn der HSVH wieder in die Erste Liga aufsteigen würde? 

Jansen: Nö. Wir haben noch nicht mal die Hälfte der Saison rum. Wenn man da schon von irgendwas träumt, läuft man nur Gefahr, dass man sich nicht mehr auf das Wesentliche fokussiert. Und das ist nun mal das nächste Spiel. Wenn man das immer gewinnt, dann passiert der Rest automatisch. Von Fernzielen war ich noch nie ein Freund. 

"Ich muss als Trainer nicht everybody's darling sein, aber ich möchte grundsätzlich schon einen Konsens mit den Jungs haben."
Torsten Jansen
Warum läuft es sportlich gerade so rund – und das trotz Corona-Fällen und Verletzungen? 

Jansen: Zum Ersten: Die Jungs sind hoch professionell. Zum Zweiten: Wir haben ein paar Spieler, die 26, 27 sind, die gerade in die besten Handballerjahre kommen, um das mal so lapidar auszudrücken. Die halten ihr Niveau und steigern sich sogar noch leicht. Und dann haben wir zum Dritten die ganz Jungen, Jahrgang 98/99, die hoch talentiert sind und die Zeit auf ihrer Seite haben. Alle sind heiß und wollen sich verbessern. Die Kombination plus die Erfahrung von einem etwas Älteren wie Tobias Schimmelbauer, das funktioniert derzeit ganz gut.

Stefan Kretzschmar hat in einem "Bild"-Interview im Sommer gesagt: "Toto hat seine eigene Mentalität, sein eigenes Spiel auf die Mannschaft übertragen" und damit Mut und Robustheit gemeint. Können Sie sich damit identifizieren?

Jansen: (überlegt) Ja, grundsätzlich schon. Aber es gehören noch ein paar andere Dinge dazu.

Welche?

Jansen: Unter anderem spielerische Disziplin und ein gewisses Faible fürs Abwehrspiel.

'Rimpar spielt seit vielen Jahren eine sehr unangenehme Abwehr. Dafür müssen wir die optimalen Lösungen finden': Torsten Jansen
Foto: Valeria Witters | "Rimpar spielt seit vielen Jahren eine sehr unangenehme Abwehr. Dafür müssen wir die optimalen Lösungen finden": Torsten Jansen
Dabei gehört der Angriff Ihrer Mannschaft zu den gefährlichsten der Liga. Abwehr ist den Zahlen nach eher die Stärke Ihres nächsten Gegners Rimpar.

Jansen: Na, das wird ja interessant. (lacht vieldeutig) Aber klar, Rimpar spielt seit vielen Jahren eine sehr unangenehme Abwehr. Dafür müssen wir die optimalen Lösungen finden. Und vor allem müssen wir im Kopf fix sein, jetzt, wo wir alle paar Tage spielen.  

Sie sind nun seit knapp vier Jahren Trainer. Schauen Ihre Spieler angesichts Ihrer erfolgreichen Karriere zu Ihnen auf?

Jansen: Ich glaube, wir begegnen uns auf Augenhöhe. Das ist mir viel wichtiger, eine gewisse Menschlichkeit. Das, was ich in der Vergangenheit erreicht habe, das hab ich ja nicht alleine geleistet, sondern auch zusammen mit einer Mannschaft. Genauso verstehen wir uns jetzt auch als Team. Es ist ein Miteinander mit stetiger Kommunikation. Ich muss als Trainer nicht everybody's darling sein, aber ich möchte grundsätzlich schon einen Konsens mit den Jungs haben.

Wollen Sie ihnen Vorbild sein?

Jansen: Wenn es ihnen hilft, gebe ich meine Erfahrungen gerne weiter. Ich halte mich auch einigermaßen fit mit Laufen, Fahrrad, Krafttraining... In der Hinsicht bin ich gerne Vorbild. Aber meine Spieler sollen nicht zu mir aufschauen.

Zwei Champions-League-Sieger von 2013: Heute sind Torsten Jansen (Mitte) und der Kroate Blazenko Lackovic (links) Trainer und Co-Trainer beim Handball Sportverein Hamburg (Foto von 2019)
Foto: Valeria Witters | Zwei Champions-League-Sieger von 2013: Heute sind Torsten Jansen (Mitte) und der Kroate Blazenko Lackovic (links) Trainer und Co-Trainer beim Handball Sportverein Hamburg (Foto von 2019)
Anfang November war zu lesen, dass Sie aufgrund der Personalsorgen im Kader sogar mit der Mannschaft Handball trainiert haben und notfalls sogar gespielt hätten. Auch Ihr Co-Trainer Blazenko Lackovic hat schon mal ausgeholfen. Hätte es Sie gejuckt?

Jansen: In dem Moment, als ich in der Halle gestanden habe, natürlich. Es hat wieder richtig Spaß gemacht. Aber die Realität hat mich auch schnell wieder eingeholt. (lacht) Ich hätte im absoluten Notfall ausgeholfen, ja, aber ich hätte letztlich weder der Mannschaft helfen noch meinen eigenen Ansprüchen gerecht werden können. Ich bin jetzt über vier Jahre raus und 44. Da muss man anerkennen, dass die Jungen einfach schneller, besser, fitter sind. Irgendwann ist es für einen selber Zeit, sich das nicht nur einzugestehen, sondern auch zu akzeptieren. Der Zeitpunkt ist bei mir schon lange gekommen. 

"Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Meine Spieler sollen nicht zu mir aufschauen."
Torsten Jansen
Ist das etwas, was Ihnen leicht fällt: zu akzeptieren, dass alles seine Zeit hat, auch der aktive Leistungssport? 

Jansen: Die Erkenntnis kommt mit der Zeit. Die Akzeptanz hat bei mir etwas länger gedauert. Nicht Jahre, aber schon einige Monate. 

Was mögen Sie an der Zeit jetzt, mit Mitte 40?

Jansen: Ich will nicht sagen, dass es eine Zeit ist, in der ich mich neu erfinde, aber doch auch für andere Dinge interessiere. Das soll jetzt nicht hochtrabend klingen, aber ich hab die Philosophie ein bisschen für mich entdeckt, über Essays oder Kommentare in Zeitungen von zeitgenössischen Philosophen wie Precht oder Sloterdijk. Gesellschaftliche, ökonomische, ökologische Fragen – damit beschäftige ich mich, so eine Art Eigenstudium. Ich hoffe, ich halte das auch durch, denn das ist schon anstrengend. Und dann haben wir ja auch noch vier Kinder, das ist häufig auch nicht unanstrengend, um ehrlich zu sein. (lacht)

Mit der deutschen Nationalmannschaft wurde Torsten Jansen 2007 in Köln Handball-Weltmeister.
Foto:  Oliver Berg, dpa | Mit der deutschen Nationalmannschaft wurde Torsten Jansen 2007 in Köln Handball-Weltmeister.
Zum Schluss hätte ich noch ein Geständnis und eine letzte Frage.

Jansen: Zuerst das Geständnis!

Bei der Weltmeisterschaft 2007 habe ich Ihr Trikot getragen.

Jansen: (lacht) Völlig zurecht! Das muss ins Interview rein! Haben Sie es gerade an? (lacht)

Es liegt seit damals im Schrank. Was haben Sie mit Ihrem WM-Trikot und der Goldmedaille gemacht?

Jansen: Die hab ich beide im Keller verräumt, in einer Kiste und Schublade. Das war sehr schön damals, aber es ist lange her. Ich hab mir keinen Schrein eingerichtet. 

Handball Sport Verein Hamburg - DJK Rimpar Wölfe (Dienstag, 20 Uhr)

Kann die DJK Rimpar Wölfe (9./11:11) die Serie des Spitzenreiters Handball Sport Verein Hamburg (24:4) nach acht Siegen stoppen? Danach gefragt, lacht Rimpars Coach Ceven Klatt. Dann sagt er: "In Bietigheim hat uns auch keiner was zugetraut, und am Ende sind wir von den Schiedsrichtern eines wahrscheinlichen Punktes beraubt worden. Schon da sind wir mit dem letzten Aufgebot aufgelaufen – und jetzt sind wir noch mal einer weniger."
In Hamburg wird vermutlich neben den bekannten Ausfällen von Andreas Wieser, Patrick Schmidt, Valentin Neagu, Julian Sauer und Lukas Siegler auch noch Benedikt Brielmeier fehlen. Er zog sich laut Klatt in Bietigheim eine Verletzung im Bereich Bauchmuskel/Leiste zu und konnte bis Montag nicht mit dem Ball trainieren. Damit stünde keiner der nominellen Halblinken mehr zur Verfügung. Philipp Meyer soll als gelernter Rückraumspieler aushelfen, "aber das geht nur zeitlich begrenzt. Er muss Kraft haben, um die Abwehr zusammenzuhalten", so der Trainer. Wenigstens könnte Neuverpflichtung Yannik Bialowas für ein wenig Entlastung sorgen, die der Klub am späteren Montagabend noch bekanntgab.
So oder so ist einmal mehr Klatts Kreativität gefragt. Mit dem HSVH um Spielmacher und Toptorjäger Leif Tissier wartet ein Angriff, der durchschnittlich in jedem Spiel fast 29 Treffer wirft – und damit sechs mehr als die DJK-Abwehr pro Partie kassiert.   
"Schade, dass Corona keine Zuschauer zulässt", bedauert Klatt. "Es hätte in der vollen Hamburger Stadthalle vor 3000 Zuschauern ein echtes Highlight zum Jahresabschluss werden können." Vielleicht gibt es ja stattdessen eine Überraschung.
ng
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