Bad Kissingen

Doch noch Konzerte: Aus dem Kissinger Sommer wurde ein Spätsommer

Von Klassik bis Crossover: Der Kissinger Spätsommer zeigt eine Mikroversion des abgesagten Festivals. Wie es 2021 wird, das erklärt Intendant Tilman Schlömp im Interview.
Tilman Schlömp, noch bis zur Saison 2021 Intendant des Kissinger Sommers
Foto: Mathias Wiedemann | Tilman Schlömp, noch bis zur Saison 2021 Intendant des Kissinger Sommers

Nach der coronabedingten Absage des Kissinger Sommers 2020 kommt jetzt ab 8. Oktober doch noch der "Spätsommer": eine kleine Konzertreihe mit großem Spektrum. Intendant Tilman Schlömp erklärt, wie das möglich wurde, vor allem aber, wie der Kissinger Sommer 2021 aussehen wird. Die kommende, letzte Ausgabe des Festivals unter seiner Leitung wurde von 52 Konzerten auf 21 reduziert, mit einem festgeschriebenen Defizit von 750 000 Euro.

Frage: Der Kissinger Spätsommer steht bevor – es ist doch noch möglich geworden, ein paar Konzerte anzubieten. Wie kommt's?

Tilman Schlömp: Der Kissinger Spätsommer geht auf eine Initiative unseres Fördervereins Kissinger Sommer zurück. Dafür bin ich sehr dankbar. Zum einen bezahlt der Förderverein fast alle Honorare, zum anderen hat er es mit einem gewissen Druck auf die Politik überhaupt erst möglich gemacht, dass man den Mut gefasst hat, dieses Programm auf die Beine zu stellen.

Das Programm wirkt wie ein Parforce-Ritt zwischen den Extrempolen des Festivals: Hier das populäre Crossover-Quartett Uwaga, dort Beethovens Diabelli-Variationen, ein Spitzenwerk der Klavierklassik. Wollten Sie die Bandbreite deutlich machen?

Schlömp: Das war genau die Idee. Dass man bei diesen wenigen Veranstaltungen wie in einem Brennglas sieht: Was kann und will der Kissinger Sommer? Dazu gehört unsere Liederwerkstatt, die einmalig in der Festival-Landschaft ist: Uraufführungen gemischt mit traditionellem Repertoire.

Der Max-Littmann-Saal im Kissinger Regentenbau. Hier passen coronakonform 200 Gäste hinein. Es gingen bei Einhaltung des Abstandsregel auch deutlich mehr, aber in Bayern gilt nunmal eine starre Obergrenze, unabhängig von der Größe des Saals.
Foto: Mathias Wiedemann | Der Max-Littmann-Saal im Kissinger Regentenbau. Hier passen coronakonform 200 Gäste hinein. Es gingen bei Einhaltung des Abstandsregel auch deutlich mehr, aber in Bayern gilt nunmal eine starre Obergrenze, unabhängig ...
Der Pianist Hertbert Schuch spielt zweimal an einem Tag die Diabelli-Variationen – ein schweres Stück, vor dem sich viele Pianisten drücken. Ziemlich sportlich, oder?

Schlömp: Das ist es, in der Tat. Aber Herbert Schuch ist jemand, der solche Herausforderungen liebt. Und ich war sehr dankbar, dass wir durch die zwei Termine die Ticket-Situation entzerren können. Ursprünglich sollte er hier im Beethoven-Zyklus die Hammerklavier-Sonate spielen. So etwas ist für ihn kein Problem.

Dank Corona erleben wir allenthalben nur noch Kurzprogramme. Was bedeutet das für die Klassik?

Schlömp: Es kann sein, dass es ohnehin eine allgemeine Tendenz zu kürzeren Programmen geben wird. Konzerte zu Beethovens Zeit konnten viele Stunden dauern. Das hat funktioniert, weil die Leute nicht abgelenkt wurden von elektronischem Schnickschnack. Heute hat man den Anspruch, dass es einen sofort fesseln muss. Ist das nicht so, schaltet man ab oder geht raus. Aufgabe der Veranstalter könnte künftig sein, das Publikum mit kürzeren Programmen zu locken.

Herbert Schuch spielt am 11. Oktober gleich zweimal die extrem schweren Diabelli-Variationen von Beethoven (17 und 20 Uhr).
Foto: Felix Broede | Herbert Schuch spielt am 11. Oktober gleich zweimal die extrem schweren Diabelli-Variationen von Beethoven (17 und 20 Uhr).
Das würde in der Klassik einen erheblichen Teil des Repertoires hinfällig machen – Bruckner, Mahler, nicht zu reden von der Oper.

Schlömp: Es kann durchaus sein, dass sich das Konzertgeschehen so diversifiziert, dass es unterschiedliche Zielgruppen mit unterschiedlichen Formaten anspricht. Dass man Programme für Leute macht, denen 70 Minuten einfach genug sind. Dass aber für diejenigen, die etwa in einer Verdi-Oper versinken wollen, die großen, opulenten Aufführungen weiterhin stattfinden.

Der Kissinger Sommer 2021 ist dem späten 19. Jahrhundert gewidmet. Ausgerechnet die Zeit der großen Formate.

Schlömp: Die ganz großen Formate hätten auf der Bühne des Max-Littmann-Saals ohnehin nicht funktioniert. Wir haben nie etwa an eine achte Sinfonie von Mahler gedacht, so schade das auch ist. Aber von Brahms bis Sibelius werden wir die Jahrhundertwende feiern. Und es gab uns die Möglichkeit, nochmal nachzudenken, was ist Anfang des 20. Jahrhunderts alles passiert, was für Ideen geisterten durch die Musikwelt? Wir zeigen auch eine Art Hommage an die Luitpold-Zeit, an die Regierungszeit des Prinzregenten.

Die Gebäude des Kurbezirks hier passen ja bestens in diese Zeit.  

Schlömp: Genau. Das ist dann auch das fehlende Puzzleteil in unseren Programmen seit 2017: Wir haben uns ja immer auf eine bestimmte Musikepoche fokussiert, und 2021 sollte dann das Lieblingsrepertoire des traditionellen Konzertpublikums gefeiert werden. Das hatte ich mir für den Schluss dieser fünf Jahre aufgehoben. Der Musikgeschmack unseres Stammpublikums geht sehr stark in Richtung spätes 19. Jahrhundert – in 30 Jahren Kissinger Sommer ist es an Brahms und Tschaikowsky gewachsen.

Jetzt kommt also die Belohnung?

Schlömp: (lacht) Ja, jetzt kommt die Belohnung für die vorigen Jahre. Seit 2017 ging es mit darum, die Ohren in andere Richtungen zu lenken, deswegen habe ich bewusst auch andere Motti genommen, etwa die Zeit um 1830, als der Rossini-Saal gebaut wurde und hier der professionelle Kurbetrieb begann. Für 2021 nun haben wir versucht, einige große spätromantische Werke mit reinzunehmen. Ich hoffe immer noch, dass wir das Konzert mit dem Royal Philharmonic Orchestra realisieren können, mit dem Dvorák-Cellokonzert und der ersten Sinfonie von Edward Elgar. Wo man so richtig diese Fin-de-Siècle-Stimmung zelebrieren kann. Dann wollen wir die Brahms-Klavierkonzerte dabei haben. Sibelius' zweite Sinfonie, die perfekt in unseren Saal passt. Und natürlich ist auch ein Kracher wie Tschaikowskys erstes Klavierkonzert dabei. Es gibt also durchaus Repertoire, das man hier sehr gut spielen kann.

Das Programm wurde von 52 auf 21 gesetzte Konzerte reduziert – mit der Option, zu erweitern, sollte sich die Lage entspannen. Wie geht das in einer Branche, in der die Planungsvorläufe enorm lang sind?

Schlömp: Der lange Planungsvorlauf einer Orchester-Tournee bleibt natürlich bestehen. Das ist enorm komplex. Auf der anderen Seite ist bei Künstlern gerade in dieser Zeit die Bereitschaft zu Kompromissen enorm groß. Diese Situation möchte ich als Veranstalter aber nicht ausnutzen, etwa, indem ich den Künstlern die Pistole auf die Brust setze und sage, ihr spielt jetzt für den halben Preis. Ein Herr Sokolov ist nicht weniger Profi als ein Herr Ronaldo.

Wie also gehen Sie mit den Unsicherheiten um?

Schlömp: Man jongliert mit sehr vielen Bällen gleichzeitig. Der erste Schritt war, dass ich die Konzerte mit den kritischsten Planungen in eine Woche in der Mitte des Festivals gepackt und den Rest drumherum aufgebaut habe. Diese Kernwoche führen wir auf jeden Fall durch und schließen dafür die Verträge ab. In anderen Fällen spreche ich mit den Musikern und bitte sie noch um etwas Geduld. Trotzdem muss ich die Musiker ehrlicherweise vorwarnen, dass die Termine doch noch an Corona scheitern können. Es ist ein Baukastensystem, das ich auf Vorgabe der Politik so umsetzen muss. Aber ich denke, dass sich die Entscheider bei der Stadt eine größere Flexibilität vorstellen, als sie am Ende bei den Künstlern möglich ist.

Kissinger Spätsommer, 8. bis 11. Oktober: Kartenreservierungen unter Tel. (0971) 8048-444, kissingen-ticket@badkissingen.de - Programm unter www.kissingersommer.de

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