Schweinfurt

Eine Entdeckung: Karl Hagemeister, der unbekannte Impressionist

Es gibt doch noch unbekannte Meisterwerke: Das Museum Georg Schäfer würdigt Karl Hagemeister, der den Vergleich mit Liebermann, Corinth oder Slevogt nicht fürchten muss.
'Bis am Hintern im Wasser': Karl Hagemeister malte ausschließlich in der Natur. Wie hier an der Ostsee: 'Wellen', 1912, Privatbesitz Bernd Hildebrandt.
Foto: Bernd Hildebrandt | "Bis am Hintern im Wasser": Karl Hagemeister malte ausschließlich in der Natur. Wie hier an der Ostsee: "Wellen", 1912, Privatbesitz Bernd Hildebrandt.
  • Was ist zu sehen? 70 Bilder des Impressionisten Karl Hagemeister (1848-1933) und von Zeitgenossen wie Max Liebermann, Walter Leistikow oder Carl Schuch.
  • Wieso habe ich von diesem Künstler noch nie etwas gehört? Karl Hagemeister lebte als Einsiedler in der Natur. Er kümmerte sich weder um Sammler noch um Galeristen. Deshalb wurde er erst spät bekannt und gilt heute – zu Unrecht – als "der märkische Maler".
  • Was ist an den Bildern besonders? Hagemeister erkannte, dass die Natur kein Stillleben ist, sondern ein höchst lebendiger Organismus. Es ist ihm gelungen, diese Lebendigkeit in seinen Bildern einzufangen. Sie zu betrachten, ist wie ein Spaziergang durch Licht und Farbe.
Natur ist immer Bewegung: 'Reiher im Schilf', 1888, Detail.
Foto: Mathias Wiedemann | Natur ist immer Bewegung: "Reiher im Schilf", 1888, Detail.

Die erste und bislang einzige Karl-Hagemeister-Ausstellung in Bayern fand 1912 statt. Nun, gerade mal 108 Jahre später, zeigt das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt die zweite (bis 21. Februar). Sie besteht zum überwiegenden Teil aus Leihgaben, das Museum Georg Schäfer selbst besitzt nur fünf Hagemeisters, drei Gemälde und zwei Zeichnungen. Dass der Maler Karl Hagemeister (1848-1933) heute fast nur in Brandenburg und Berlin eine Berühmtheit ist, liegt nicht an der Qualität seiner Kunst. Im Gegenteil: Der Impressionist braucht den Vergleich mit Zeitgenossen wie Max Liebermann, Lovis Corinth oder Max Slevogt nicht zu fürchten.

Er jagte, fischte – und malte

Dass Karl Hagemeister, geboren in Werder bei Potsdam, immer noch als "der märkische Maler" gehandelt wird, liegt daran, dass er in der entscheidenden Phase seines Schaffens, in den 1880er und 1890er Jahren, als Einsiedler in der Natur lebte, im Havelland um den Schwielowsee westlich von Potsdam. Er jagte, fischte – und malte. Kümmerte sich weder um Sammler noch Galeristen, sondern tauschte höchstens mal ein Bild gegen Naturalien ein.

Gegenüberstellung: 'Verschneiter Birkenwald an einem Bachlauf', 1891/93 (links), und die Fotografie von Hermann Hirzel, die Karl Hagemeister beim Malen vor Ort zeigt.
Foto: Mathias Wiedemann | Gegenüberstellung: "Verschneiter Birkenwald an einem Bachlauf", 1891/93 (links), und die Fotografie von Hermann Hirzel, die Karl Hagemeister beim Malen vor Ort zeigt.

"Es war eher ungeschickt, sich so zurückzuziehen", sagt Kuratorin Karin Rhein vom Museum Georg Schäfer. Zumindest, was den kommerziellen Erfolg anbelangte, der dann auch entsprechend spät kam – erst 1910, nachdem ein Artikel über Hagemeister im Magazin "Kunst und Künstler" erschienen war. Tragischerweise verlor der Künstler in der Inflation Anfang der 1920er Jahre das eben erst erworbene Vermögen gleich wieder.

Karl Hagemeister, um 1930
Foto: Bröhan-Museum, Berlin | Karl Hagemeister, um 1930

Insider wussten um Hagemeisters Können. Liebermann förderte ihn, er war Mitglied der Berliner Secession, er hatte etliche Reisen unternommen, sich in Frankreich mit der Schule von Barbizon und der Kunst Claude Monets auseinandergesetzt. Und sich mit seinem künstlerischen Weggefährten überworfen, dem Maler Carl Schuch, dem Hagemeisters malerische Experimente zu weit gingen.

Die Natur ist kein Stillleben

Während Zeitgenossen wie Schuch oder Wilhelm Leibl heute als Künstler des Übergangs an Ende des Realismus gelten, eilt Karl Hagemeister in Riesenschritten in Richtung Moderne davon. Bezeichnenderweise lautet das französische Wort für Stillleben "Nature morte" – tote Natur. Hagemeister erkennt, dass die Natur eben kein Stillleben ist, sondern ein lebendiger Organismus.

Dieses Leben, die Energie des Moments, die Bewegung im "Licht, das ewig wechselt" (so der  Titel der Ausstellung) studiert Hagemeister quasi am eigenen Leibe. Alle Bilder, auch die sperrigen Formate, entstehen draußen. Als er an der Ostsee malt, erwischt ihn eine Welle so, dass er "bis am Hintern im Wasser stand", wie er in einem Brief berichtet. "Ich habe trotzdem weitergemalt." Eine Fotografie zeigt ihn vor der Leinwand im verschneiten Birkenwald. Daneben hängt das Gemälde selbst. Ein faszinierender Einblick in Hagemeisters "Atelier".

Nur sehr selten sieht man Menschen auf Karl Hagemeisters Bildern. 'Entenjäger an der Havel', um 1886, Detail.
Foto: Mathias Wiedemann | Nur sehr selten sieht man Menschen auf Karl Hagemeisters Bildern. "Entenjäger an der Havel", um 1886, Detail.

Karl Hagemeisters Bilder sind nicht eingefrorene Ansichten, sondern emotionale Momentaufnahmen. Kompromisslos gibt er mit nahezu gestischem Pinsel- und Spachtelstrich das Empfundene wieder, mal mit pastosen Farbbatzen, mal mit transparenter Lasur. Aus der Nähe betrachtet, löst sich alles Gegenständliche auf, mit ein wenig Abstand aber springen den Betrachter Atmosphäre und Räumlichkeit dieser Bilder förmlich an.

Museum Georg Schäfer: "Karl Hagemeister „…das Licht, das ewig wechselt“ – Landschaftsmalerei des deutschen Impressionismus, 18. Oktober bis 21. Februar. Eine Kooperation mit dem Berliner Bröhan-Museum, dem Potsdam Museum und dem Kunstmuseum Ahrenshoop an der Ostsee. 70 Exponate, 46 Leihgaben von fünf Museen und acht Privatpersonen. Geöffnet Di. 10-20 Uhr, Mi.-So. 10-17 Uhr.

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