Würzburg

Ist Deutschland wirklich so gespalten, wie alle sagen, Max Czollek?

Das Würzburger Bündnis für Demokratie und Zivilcourage feiert sein Jubiläum mit Bestsellerautor Max Czollek. Im Gespräch erklärt er, warum es keine deutsche Leitkultur braucht.
Vom Feuilleton gefeiert: der Publizist und Bestsellerautor Max Czollek.
Foto: Konstantin Boerner | Vom Feuilleton gefeiert: der Publizist und Bestsellerautor Max Czollek.

"Angriffslustig, gewitzt und mitunter brillant", hat der "Tagesspiegel" über Max Czolleks aktuelles Buch "Gegenwartsbewältigung" geschrieben. Die "Süddeutsche Zeitung" lobte Czolleks "polemisch zugespitzte Gedankengänge". Zuletzt hat eine "Zeit"-Kolumne von Publizist Maxim Biller eine öffentliche Debatte um Czolleks jüdische Identität entfacht. Im Gespräch erklärt er, wie es ihm damit geht und ob Deutschland wirklich so gespalten ist, wie überall zu hören ist.

Frage: Herr Czollek, in der aktuellen pandemischen Lage ist immer wieder von einer Spaltung zwischen Geimpften und Nichtgeimpften die Rede. Haben wir eine Spaltung in der Gesellschaft?

Max Czollek: Ich denke, deutlich wird in der gegenwärtigen Situation vor allem, dass wir neben dem exzessiven Beharren auf der Relevanz und Wichtigkeit von Freiheit in der Demokratiebildung das Thema Verantwortung vergessen haben. Eine plurale Demokratie beruht nicht nur darauf, dass ich frei bin, die Dinge zu tun und zu lassen, die ich tun und lassen möchte, sondern auch darauf, dass wir Verantwortung für diejenigen übernehmen, die Schutz oder Unterstützung brauchen.

"Das größte Problem an der Leitkultur ist, dass sie im politischen Raum immer ein Adjektiv verpasst bekommt und das lautet nie jüdisch oder muslimisch, sondern immer deutsch."
Max Czollek, Autor und Publizist
In ihrem aktuellen Buch sprechen Sie von einer "radikale Vielfalt" der Gesellschaft. Spaltet das nicht auch die Gesellschaft?

Czollek: Radikale Vielfalt ist ein konkretes Konzept, das wir im Institut für Social Justice & Radical Diversity entwickelt haben. Es meint nicht die Vorstellung, dass Vielfalt für alle bereichernd ist, sondern markiert den Versuch, Gesellschaften in ihrer komplexen Realität von Gewalt und Diskriminierung zu denken. Und zu überlegen, wie sie sich so einrichten lässt, dass alle an ihr teilhaben können und nicht nur manche.

Was heißt das konkret? Was können wir als Gesellschaft besser machen?

Czollek: Ein Teil meiner Arbeit konzentriert sich auf eine Kritik politischer Konzepte, mit denen diese Gesellschaft sich ihre Gegenwart ordnet. Eines dieser Konzepte ist das Integrationsmodell. Integration bedeutet, dass man sich die Gesellschaft als einen Ort vorstellt, der relativ homogen und hierarchisch geordnet ist und ein Zentrum hat. Gesellschaft funktioniert dieser Vorstellung zufolge dann gut, wenn Menschen sich relativ ähnlich werden. Diese Vorstellung widerspricht zum einen der Realität der Gesellschaft als pluraler Demokratie. Denn wir leben heute in einer Gesellschaft, in der es dieses kulturelle Zentrum nicht mehr gibt und auch nicht braucht. Zum anderen beruht sie auf der Annahme, dass Vielfalt das größte Problem einer Gesellschaft ist. Die Idee der radikalen Vielfalt kehrt diese Perspektive um, indem sie unterstreicht, dass eine plurale Demokratie auf Vielfalt basiert.

Heißt das, eine gemeinsam Leitkultur ist sinnlos für eine plurale Gesellschaft? Würden wir damit nicht viel harmonischer zusammenleben?

Czollek: Das größte Problem an der Leitkultur ist, dass sie im politischen Raum immer ein Adjektiv verpasst bekommt, und das lautet nie jüdisch oder muslimisch, sondern immer deutsch. "Deutsche Leitkultur" ist ein politischer Kampfbegriff, der von der CDU in den Nullerjahren eingeführt wurde, um die Forderung nach Anpassung der Migrantinnen und Migranten und ihrer Kinder und Kindeskinder zu unterstreichen. Dabei maßt sich ein Teil der Gesellschaft also an zu definieren, wer dazu gehört und wer nicht. Als jemand, der aus einer Großstadt kommt, frage ich mich, warum die Söders, Seehofers und Merz' dieses Landes mehr Recht darauf haben sollen zu bestimmen, wer zu Deutschland gehört, als Kreuzberg. Kreuzberg ist Deutschland, auch ohne Integration.

"Man hat sich in eine Situation hineingewünscht, in der Deutschland seine Gewaltgeschichte – insbesondere die Shoah – erfolgreich verarbeitet hat."
Max Czollek zum Begriff der Vergangenheitsbewältigung
Die Frage nach der Deutungshoheit einer Leitkultur ist schon problematisch?

Czollek: Genau. Darüber müssen wir uns verständigen, und das ist eine Frage, die in der pluralen Demokratie immer wieder neu ausgehandelt werden muss: Was ist die Grundlage für unser Zusammenleben? Und mir fallen einige Dinge ein, die sich nicht in der Spurlinie einer "deutschen Leitkultur" befinden. Zum Beispiel die Menschenrechte oder die Vorstellung, dass wir nicht umgebracht werden wollen. Das ist eine Erwartung, die in Deutschland noch gar nicht realisiert ist, wenn wir uns die Realität von rechtem Terror, rassistischer und antisemitischer Gewalt anschauen.

Beim Jubiläum des Würzburger Bündnisses werden Sie aus Ihrem aktuellen Buch "Gegenwartsbewältigung" lesen. Was hat es denn mit dem Titel auf sich? 

Czollek: "Gegenwartsbewältigung" ist eine Antwort auf "Vergangenheitsbewältigung", die Idee also, dass man die Vergangenheit erfolgreich bewältigen könnte. Der Begriff selbst ist ja mittlerweile nicht mehr in Mode, aber das Denken der Vergangenheitsbewältigung existiert weiter. Wenn man sagt, "endlich dürfen wir wieder die Fahnen rausholen und stolz auf Deutschland sein", Heimat-Ministerien einführt und in Berlin das preußische Stadtschloss wiederaufbaut. Am Ende steht dahinter die Vorstellung "wir haben so gut erinnert, jetzt dürfen wir wieder stolz sein auf Deutschland". "Gegenwartsbewältigung" unterstreicht, dass wir die deutsche Gegenwart als eine unabgeschlossene Vergangenheit wahrnehmen müssen. Und dass wir nur verstehen können, was gerade in Deutschland passiert und was die zentrale Bedrohung für diese Gegenwart ist, wenn wir sie in Kontinuität zur Vergangenheit denken.

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Was bedeutet das konkret? Sollten wir keine Deutschlandfahnen mehr schwenken?

Czollek: Das hängt vom konkreten Kontext ab. Es ist beispielsweise wichtig, sich klarzumachen, dass Dinge, die sich gut anfühlen, nicht automatisch gut sind. Der Heimatbegriff etwa mag sich für manche warm und schön anfühlen. Das bedeutet aber nicht, dass er nicht auch die in Deutschland real existierende Gewalt überdecken kann. Man hat sich in eine Situation hineingewünscht, in der Deutschland seine Gewaltgeschichte – insbesondere die Shoah – erfolgreich verarbeitet hat. Aber wenn wir uns die Rechtsprechung nach 1945 anschauen, muss man doch zu dem Schluss kommen, dass die emotionale Ebene des Wunsches auf Wiedergutwerdung in einer starken Spannung steht zu den Dingen, die real passiert sind.

In der aktuellen "Spiegel"-Ausgabe äußern Sie sich zu den Vorwürfen von Maxim Biller, der Ihnen in einer "Zeit"-Kolumne mit Verweis auf das orthodoxe Religionsgesetz das jüdisch Sein abspricht. Wie fühlen Sie sich, wenn die eigene Identität öffentlich in Frage gestellt wird? 

Czollek: Auf einer politischen Ebene ist relativ klar, dass es darum geht, eine politische Position auszuschalten – das beschäftigt mich nicht weiter. Auf einer menschlichen Ebene ist es schon eine Herausforderung, weil sich Menschen daran beteiligt haben, die ich persönlich kenne und mit denen ich auch schon zusammengearbeitet habe, und die teilweise Geschichten erzählen, die einfach nicht stimmen. Das ist eine Sache, bei der ich das Gefühl habe, das überschreitet eine bestimmte Grenze.

Die Lesung von Max Czollek findet am 26. November um 19.30 Uhr virtuell statt. 
Anmeldungen sind noch möglich, per Mail an lesung@zivilcourage-wuerzburg.de

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