Maßbach

Überraschend schlüssiger Ansatz: In der  Maßbacher Version von "Michael Kohlhaas" kommen auch die Pferde zu Wort

Susanne Pfeiffers Interpretation von Kleists "Michael Kohlhaas" im Theater Schloss Maßbach stellt die sehr aktuelle Frage, wie eine Gewaltspirale durchbrochen werden kann.
Von der Obrigkeit hat Michael Kohlhaas (Christoph Schulenberger, links), hier mit Marc Marchand, ebenso wenig Verständnis zu erwarten wie von deren Handlangern.
Foto: Sebastian Worch | Von der Obrigkeit hat Michael Kohlhaas (Christoph Schulenberger, links), hier mit Marc Marchand, ebenso wenig Verständnis zu erwarten wie von deren Handlangern.

Verständlich, wenn man in Erwartung großer Tragik die Maßbacher Bühnenversion von Kleists Novelle "Michael Kohlhaas" (1810) besucht. Jedenfalls, wenn man sich an die Schullektüre erinnert, an die maßlose Eskalation von Gewalt und Terror, die der einst rechtschaffene brandenburgische Rosshändler Michael Kohlhaas entfacht, nachdem ihm aus reiner Bosheit von Machthabern und ihren Handlangern großes Unrecht widerfahren ist.

Aber bereits in der Anfangsszene staunt man über die Ironie, die Regisseurin Susanne Pfeiffer in ihrer Bearbeitung und Inszenierung dem Geschehen hinzufügt. So wie einst Harry Rowohlt Gedanken eines Bären von geringem Verstand zum Besten gab, um die Welt besser zu verstehen, so lässt Pfeiffer die Pferde zu Wort kommen, die die Tragödie auslösten: Die beiden prächtigen Rappen aus Kohlhaasens Stall, die an der sächsischen Landesgrenze vom Burgvogt eines Junkers aus reiner Schikane beschlagnahmt und geschunden wurden.

In über 20 Rollen schlüpfen die fünf Darstellenden in Maßbach, hier von links Marc Marchand, Anna Schindlbeck, Yannick Rey.
Foto: Sebastian Worch | In über 20 Rollen schlüpfen die fünf Darstellenden in Maßbach, hier von links Marc Marchand, Anna Schindlbeck, Yannick Rey.

Selbst wenn die Pferde, die in einer Herdenversammlung nach dem Tod ihres Herrn versöhnlich an ihn erinnern, selbst wenn diese einen geringeren Verstand als die Kronen der Schöpfung haben sollten: Ihre Gedanken bilden so etwas wie eine hoffnungsvolle zweite Ebene in dieser Geschichte voll menschlicher Abgründe. Zuerst fragt man sich, ob dieser Einschub der Tragödie – die auf wahren Begebenheiten zu Zeiten Martin Luthers beruht – angemesssen ist. Man muss es bald schmunzelnd bejahen. Wer sonst noch könnte im Tohuwabohu an Ereignissen, Verstrickungen und Eskalationen der Gewalt einen naiven Blick von außen bewahren, wenn nicht diese liebenswerten und unschuldigen Geschöpfe?

Fünf Schauspieler schlüpfen in über 20 Rollen

Das zweite Staunen folgt auf dem Pferdefuße. Wie können fünf Schauspieler auf engstem Raum (verzauberndes Bühnenbild von Patrick Schmidt) in mehr als 20 echte Charaktere schlüpfen? Mit eloquentem kleistschen Zungenschlag. Da sind Verwandlungskünstler am Werk (eingekleidet von Daniela Zepper): Yannick Rey, Tobias Wollschläger, Marc Marchand. Und eine Meisterin des Rollenwechsels, deren Verwandlungen so geschwind geschehen, dass man glaubt, Zauberei sei im Spiel: Anna Schindlbeck als Kohlhaasens Frau, Kurfürst von Sachsen, Abdecker, Polizeichef und Wahrsagerin.

Der Rebell und die Wahrsagerin: Christoph Schulenberger und Anna Schindlbeck.
Foto: Sebastian Worch | Der Rebell und die Wahrsagerin: Christoph Schulenberger und Anna Schindlbeck.

Nur Christoph Schulenberger bleibt allein der tragische Held. Die inneren Kämpfe des Rosshändlers ziehen sich wie ein roter Faden durch die Handlung, seine Wandlungen und Rückverwandlungen vom rechtschaffenen Bürger zum Anführer eines Mobs von Plünderern, Brandstiftern und Mördern bis zum aufrecht sterbenden Verurteilten.

Das dritte Erstaunliche dieser Inszenierung: Aus allen Poren der Geschichte wehen den Zuschauerinnen und Zuschauern die zeitlosen menschlichen Makel entgegen. Wie es der Dramaturg im Programmheft ausdrückt: "Wo sind die Kipppunkte, an denen der Kampf um Gerechtigkeit in Ungerechtigkeit umschlägt? Wie kommt man aus dem Krieg wieder heraus?" Haltungen sind schließlich ein Schwerpunktthema der laufenden Saison. Haltungen zu Ungerechtigkeit, zu zivilem Ungehorsam, zu Gewalt, zum Krieg.

Hinterher ist das Publikum nicht klüger – nur aufgewühlter

Aber es ist nicht so, dass das Publikum hinterher aufgeklärter ist also vorher. Aufgewühlter – ja. Aber nicht klüger. Man ist sich des Schmerzes bewusst, die Welt in einer so großen Unordnung zu sehen. Man sieht die Gefahr, im Kampf um Gerechtigkeit, Maß und Ziel aus den Augen zu verlieren. Man weiß, dass die Revolution häufig ihre Kinder frisst. Man ahnt gleichzeitig, dass es einen gerechten Krieg geben muss, um die Tyrannei zu bezwingen.

Im Grunde könnte man verzweifeln an den vielen Möglichkeiten von Haltungen und Handlungen in dieser komplexen Welt. Und so wünscht man sich manchmal, in die Haut eines unschuldigen Lebewesens von geringem Verstand schlüpfen zu können.

Bis 5. März im Intimen Theater in Maßbach und auf Gastspielen. Infotelefon (09235) 235. www.theater-massbach.de

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