Würzburg

Würzburger Filmwochenende: Warum Sie Sophie Linnenbaums Spielfilm "The Ordinaries" nicht verpassen sollten

Das Festival porträtiert diesmal die Autorin und Regisseurin Sophie Linnenbaum. Ihr Spielfilmdebut "The Ordinaries" spielt in einer ganz eigenen Welt. Ein Interview.
Alles Hauptfiguren: Die perfekte Welt der Coopers (von links Pasquale Aleardi, Sira-Anna Faal, Noah Bailey, Denise M’Baye) in 'The Ordinaries' zieht die Heldin Paula (Fine Sendel) magisch an.
Foto: DoP V. Selmke, Bandenfilm | Alles Hauptfiguren: Die perfekte Welt der Coopers (von links Pasquale Aleardi, Sira-Anna Faal, Noah Bailey, Denise M’Baye) in "The Ordinaries" zieht die Heldin Paula (Fine Sendel) magisch an.

Beim Internationalen Würzburger Filmwochenende vom 26. bis 29. Januar auf dem Bürgerbräugelände ist das Porträt diesmal der Regisseurin und Autorin Sophie Linnenbaum, geboren 1986 in Nürnberg, gewidmet. Gezeigt werden vier Kurzfilme, der Dokumentarfilm "Väter unser" und ihr erster Kinofilm "The Ordinaries" (etwa: die Gewöhnlichen), der am 30. März in die regulären Kinos kommt. "The Ordinaries" spielt in einer Kunstwelt, in der alles nach Filmgesetzen funktioniert. In einer Gesellschaft, die streng unterteilt ist in Hauptrollen, Nebenfiguren und Outtakes, steht Paula vor der wichtigsten Prüfung ihres Lebens: Sie muss beweisen, dass sie das Zeug zur Hauptfigur hat.

"The Ordinaries" ist eine faszinierende Parabel mit ganz eigener Ästhetik und Logik, die äußerlich wie Science Fiction daherkommt, sich aber sehr schnell als ganz und gar realistisch entpuppt. Warum das so ist, erklärt Sophie Linnenbaum im Interview.

Die Autorin und Regisseurin Sophie Linnenbaum.
Foto: Jonas Ludwig Walter | Die Autorin und Regisseurin Sophie Linnenbaum.
Aus dem kurzen Pressetext bin ich nicht so richtig schlau geworden. Als ich den Film dann gesehen habe, war er völlig anders, als erwartet. Können Sie bitte nochmal die Idee von "The Ordinaries" beschreiben?

Sophie Linnenbaum: In dem Film geht es um die Frage der Narrative, darum, wer unsere Geschichten schreibt, wer sie erzählt. Wir erzählen eine Geschichte über unsere Welt in einer Art Metaversum, einem Spiegel unserer Welt, unserer Rollen und unserer gesellschaftlichen Klassenunterschiede. Hier funktioniert alles nach den Regeln des Films. Es gibt ein Drei-Klassen-System mit Hauptfiguren, Nebenfiguren und Outtakes.

Lesen Sie auch:
Gib es in dieser Film-Welt irgendjemand, der oder die das alles regiert?

Linnenbaum: Es ist wie bei uns: Es gibt nicht den einen geheimen Herrscher im Hintergrund, sondern es gibt ein System, das dafür sorgt, dass es Ausgrenzung auf verschiedensten Ebenen gibt. Es muss einen Bodensatz geben, damit das Höhere gepolstert werden kann. 

Ein sich selbst erhaltendes System, das nur bestimmten Leuten ein gutes Leben ermöglicht. Also Kapitalismus?

Linnenbaum: Genau. Die Wertigkeit des Menschen ist vermeintlich unterschiedlich, und je nach Wertigkeit wird ihm eine gewisse Art von Leben zugeschrieben. Das System erhält sich selbst, solange man es nicht hinterfragt. Wenn man anfängt sich zu fragen, wer erzählt die Geschichten, was ist sein Interesse daran, und kann man die Geschichten auch anders erzählen - erst dann ergeben sie Möglichkeiten, etwas zu ändern.

Auf der Suche nach Spuren ihres Vaters: Paula (Fine Sendel) mit ihrer besten Freundin Hannah Cooper (Sira- Anna Faal) im Archiv des Instituts.
Foto: DoP V. Selmke, Bandenfilm | Auf der Suche nach Spuren ihres Vaters: Paula (Fine Sendel) mit ihrer besten Freundin Hannah Cooper (Sira- Anna Faal) im Archiv des Instituts.
Aber solange es läuft, helfen auch die Rechtlosen und Unterdrückten mit, es aufrechtzuerhalten.

Linnenbaum: Helfen ist vielleicht nicht das richtige Wort. Es ist ja unter anderem eine Frage von vorhandenen Ressourcen, von Zugang zu Bildung und so weiter. Im Film gibt es bestimmte Zuschreibungen – eben Nebenfigur oder Outtake –, die die Menschen dort halten, wo sie sind. Da rauszukommen, ist auf jeden Fall schwerer, als oben zu bleiben.

Die Hauptfiguren leben in Villen, die Nebenfiguren in Betonblocks, die einen führen ständig hübsche Musicalszenen auf, die anderen trotten grau zur Arbeit. War es schwer, unsere Welt bis ins kleinste Detail in diese Film-Gegenwelt zu übertragen?

Linnenbaum: Es sollte keine zwingende Übertragung eins zu eins sein, sondern eine Art Abbild. Vor allem der Entwurf einer eigenen inneren Logik dieser filmischen Welt mit ihren Höhen und Tiefen und gegenseitigen Abhängigkeiten war auf jeden Fall manchmal eine Herausforderung, vor allem weil die Spielwiese so unendlich ist.

"Wer ist denn immer in Nebenrollen, oder wer ist immer der Mörder? Da gibt es gewisse Muster, die wir uns angucken müssen."
Sophie Linnenbaum über tiefergehende Kino-Klischees
Mir ist beim Schauen ein komischer Gedanke gekommen: Könnte es sein, dass wir hier in unserer Welt irgendwo eine solche Gegenwelt geschaffen haben, eben weil wir, wenn wir Filme sehen, ja genau das wollen – Helden einerseits und verzichtbare Figuren andererseits? 

Linnenbaum: Ja, auf jeden Fall, das kommt nicht von ungefähr. Genau deshalb müssen wir darüber nachdenken, wen wir dafür auswählen, und wen wir wie repräsentieren. Dramatik ist eine Sache, aber die andere ist, wer ist denn immer in Nebenrollen, oder wer ist immer der Mörder? Da gibt es gewisse Muster, die wir uns angucken müssen.

Lesen Sie auch:
Ich denke da sofort an die Superhelden-Filme. Immer die gleiche Geschichte, zum 27. Mal erzählt. Aber genau das bringt unsere Nachfrage ja hervor. Wir bekommen die Helden, die wir verdienen.

Linnenbaum: Ja, absolut. Wobei da auch wieder die Frage ist, wer das „Wir“ ist – da die Helden ja oft recht ähnliche privilegierte Merkmale haben. Eine superspannende Frage ist die Frage von Rache und Gewalt. Wie sehr propagieren wir, dass Gewalt das adäquate Mittel ist, um seine Meinung durchzusetzen? Dass immer der Recht hat, der zuschlägt? Es ist ein alter Hut, aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sehr viele Helden immer noch nach diesem Prinzip funktionieren.

Die Heldin in Ihrem Film, Paula, macht es genau umgekehrt: Sie korrodiert das System von unten. Wie weit wäre diese Utopie in unserem System denkbar?

Linnenbaum: Ich glaube, dass wir an die Utopie glauben müssen, um sie möglich zu machen. Solange wir uns selbst immer nur Geschichten erzählen, in denen die Gesellschaftsstrukturen nicht veränderbar sind, umso länger wiederholen wir dieses Narrativ und stärken unsere eigene Hoffnungslosigkeit. Das ist gerade im Arthaus-Kino sehr beliebt.

Nebenfiguren auf dem Weg zur Arbeit, unter ihnen Paula (Fine Sendel) und ihre Mutter Elisa (Jule Böwe).
Foto: DoP V. Selmke, Bandenfilm | Nebenfiguren auf dem Weg zur Arbeit, unter ihnen Paula (Fine Sendel) und ihre Mutter Elisa (Jule Böwe).
Die Menschen in Ihrem Film bekommen ein Leben zugewiesen, also eine bestimmte Storyline. Wie können wir denn auf unserer Seite unsere Storyline selbst in die Hand nehmen?

Linnenbaum: Indem wir die Narrative ändern. Und sie uns in kleinen Schritten zurückholen. Sei es, sich auf gewerkschaftlicher Ebene zu verbünden und die Bedeutung von Arbeit für unser Leben zu hinterfragen. Oder darauf zu achten, wie wir gewisse Gruppen in Filmen darstellen, seien es Frauen ab 50 oder oder marginalisierte Gruppen oder Schönheitsideale. Auch unser Wording und Framing spielt eine Rolle: Wie drücken wir uns aus, wie stellen wir etwas dar? Und dann ist es sehr wichtig, die Sachen nicht gegeneinander auszuspielen: gendern und gewerkschaftliche Arbeit schließen sich nicht gegenseitig aus.

"Wer traut sich ein Happy End? Positive Geschichten werden als nicht wahrhaftig angesehen, und das finde ich schade."
Sophie Linnenbaum über die Freudlosigkeit des Kunstfilms
Man sieht Ihrem Film an, dass Sie Film lieben. Ist diese Liebe angesichts der erdrückenden Macht des Mainstreams auch ein wenig zwiespältig?

Linnenbaum: Auf jeden Fall. Ich habe vor allem ein ambivalentes Verhältnis zum Kunstfilm. Im Hollywood-Kino gibt es sehr viel Positivität, die aber meist nur auf Einzelschicksale ausgerichtet ist. Und im Arthaus-Kino verhandeln wir die großen gesellschaftlichen Fragen, aber wer lacht, hat verloren. Wer traut sich ein Happy End? Positive Geschichten werden als nicht wahrhaftig angesehen, und das finde ich schade.

Trauen Sie sich denn ein Happy End?

Linnenbaum: Ich will das Ende nicht spoilern, aber ich hatte keine Lust, noch einen Film mit der Botschaft "Ändern können wir eh nix" zu machen. Sagen wir: Es gibt auf jeden Fall ein Aufstehen und ein Weitergehen.

Sophie Linnenbaum wird bei der Vorführung ihrer Filme anwesend sein und anschließend zum Gespräch zur Verfügung stehen. Die Kurzfilme laufen am Samstag um 11 Uhr, der Dokumentarfilm "Väter unser" am Samstag, 15 Uhr, und Sonntag, 13 Uhr, der Spielfilm "The Ordinaries" am Freitag, 19 Uhr, und Samstag, 16.45 Uhr. In den regulären Kinos läuft "The Ordinaries" am 30. März an.

Themen & Autoren / Autorinnen
Würzburg
Mathias Wiedemann
Autor
Interviews
Kultur in Unterfranken
Mörder
Regisseure
Spielfilme
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 50 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!

Weitere Artikel