Würzburg

Wir über uns: Wie Lockdown und Impfchaos die Menschen zermürben

Die überall im Land grassierende Gereiztheit bekommt auch die Redaktion in Telefonaten, Zuschriften und Mails zu spüren. Der Ton ist oft rau und unversöhnlich.
Verschwörungsmythen und Desinformationen haben in der Corona-Pandemie nach wie vor Hochkonjunktur.
Foto: Boris Roessler, dpa | Verschwörungsmythen und Desinformationen haben in der Corona-Pandemie nach wie vor Hochkonjunktur.

Liebe Leserinnen und Leser!

Geht Ihnen Corona mit seinen gravierenden Einschränkungen für unser Leben mittlerweile auch gehörig auf den Wecker? Fühlen Sie sich im Lockdown mürbe und erschöpft? Willkommen im Club! Denn ob am Arbeitsplatz oder im Freundes- und Bekanntenkreis – überall macht sich dieses lähmende Gefühl der Lethargie breit. Im Frühjahr war das anders. Da versetzte Corona die meisten Menschen in einen Zustand von Verunsicherung und erhöhter Wachsamkeit. Die zweite Welle der Pandemie ist indes auf eine bereits ausgelaugte und gereizte Gesellschaft geschwappt. Wir sehnen uns nach unserem alten Leben zurück: Endlich wieder Menschen umarmen, uns mit Freunden treffen, ins Restaurant gehen, in den Urlaub fahren, gemeinsam feiern...

Könnte sein, dass es durch das augenblickliche Impfhickhack länger dauern wird, bis wir solche Sehnsüchte stillen können. Kein Wunder, dass sich darüber Frust in der Bevölkerung breit macht. Lieferengpässe, Missmanagement und Hilflosigkeit dokumentieren politisches Versagen auf breiter Front.

Sorgen bereiten vor allem einige Corona-Mutationen, die sich derzeit rasant verbreiten.

Zunehmend mehr Bürger fragen sich in diesen Tagen, ob unsere Politiker die Lage noch im Griff haben. Dies umso mehr, nachdem durchgesickert ist, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel kürzlich bei einer internen Diskussion mit den Unions-Fraktionschefs von Bund und Ländern gesagt haben soll: "Uns ist das Ding entglitten." Das zeigt, wie angespannt die augenblickliche Pandemie-Situation ist – trotz sinkender Neuinfektionen.

Sorgen bereiten vor allem einige Corona-Mutationen, die sich derzeit rasant verbreiten. Beim Blick auf den Rest der Welt wird aber schnell klar: In den meisten Ländern ist die Gemengelage ähnlich wie hierzulande. Keine Regierung hat bislang einen Königsweg gefunden, um das tödliche Virus zu eliminieren. Ohne großflächige Impfung, da sind sich die meisten Experten einig, wird es keine Rückkehr zur Normalität geben.

Zur Wahrheit gehört ebenfalls: Laut aktuellem ZDF-Politbarometer werden die bis Mitte Februar verlängerten und weiter verschärften Corona-Regelungen von einer Mehrheit (56 Prozent) als richtig angesehen. 28 Prozent plädieren sogar für eine weitere Verschärfung und nur 14 Prozent halten sie für übertrieben.

Nie war die Wächterfunktion der Presse wichtiger als heute

Die im Lande grassierende Gereiztheit bekommt auch die Redaktion in Telefonaten, Zuschriften und Mails unmittelbar zu spüren. Der Ton ist oft rau und unversöhnlich. So wird uns pauschal vorgeworfen, dass wir, "wie die meisten anderen Medien auch", kaum Kritik am Regierungshandeln übten. Eine Leserin hat unsere Zeitung abbestellt, weil "die seit Jahren gleichgeschalteten System- und Staatsmedien nur die politisch-korrekte Meinung propagieren und leider keinerlei objektive Berichterstattung (mehr) zulassen!" Nicht nur das. Die Journalistinnen und Journalisten der Mediengruppe Main-Post trügen dazu bei, dass kritische Meinungen zur Corona-Politik "unterdrückt werden", beschwert sich ein Leser. "Wer sich kritisch äußert, wird als Verschwörungstheoretiker abgetan und in die rechte Ecke gestellt."

Wir haben seit Ausbruch der Pandemie weit über 5000 Berichte, Kommentare, Reportagen und Meldungen zum Thema Corona geschrieben. Viele Artikel haben sich kritisch mit Entscheidungen des Bundes und der Länder auseinandergesetzt. Wir sind uns bewusst: Gerade in einer Phase, in der über Jahrhunderte erkämpfte Grundrechte massiv beschnitten werden, ist die Wächterfunktion der Medien bedeutender denn je.

So hat beispielsweise mein Kollege Andreas Jungbauer in einem Kommentar angeprangert, "dass Kanzlerin und Ministerpräsidenten durchregieren – der Bundestag darf keine 24 Stunden später hinterher diskutieren. Eine Demütigung des Parlaments und der Demokratie. Dabei wäre das öffentliche, kritische Ringen um die Einschränkung von Grundrechten so wichtig für das Verständnis in der Bevölkerung".

Wir werden weiter genau hinschauen und konsequent und kritisch alles hinterfragen

Ich  versichere Ihnen: Wir werden weiter genau hinschauen "und konsequent und kritisch alles hinterfragen. Dafür nehmen wir gerne in Kauf, dass wir Politiker verärgern oder überlasteten Pressestellen noch mehr Arbeit machen", wie unser Reporterchef Benjamin Stahl es in einem kritischen "Samstagsbrief" an Bundeskanzlerin Angela Merkel formulierte.

Nach wie vor lehnen wir es jedoch ab, uns mit erkennbaren Desinformationen zu beschäftigen. Offenkundigen Unsinn werden wir weiterhin genauso wenig thematisieren wie erkennbare Falschinformationen. Wir sind nicht bereit, fragwürdige Positionen auf eine Stufe mit anerkannten Fakten zu stellen. Die Folge wäre eine sogenannte falsche Gleichgewichtung, wodurch Fake News und Verschwörungsmythen mehr Raum bekommen, als ihnen zusteht.

Ich weiß, dass einige Leserinnen und Leser mit dieser Linie nicht einverstanden sind. Tag für Tag bekomme ich Mails, in denen mir teils hanebüchene Inhalte auf Youtube empfohlen werden, verbunden mit der Aufforderung: "Der Bericht muss in die Zeitung!" Dazu sollte man wissen: Von den weltweit beliebtesten Corona-Videos auf dieser Plattform enthält laut Untersuchungen über ein Viertel Falschinformationen. Ich empfehle Ihnen deshalb, nichts für bare Münze zu nehmen, wofür es keine Beweise gibt. Seien Sie skeptisch. Informieren Sie sich nur aus nachweislich seriösen Quellen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, in dieser nach wie vor ungewöhnlich herausfordernden Zeit stets verlässliche Informationsquellen, gute Nerven, Durchhaltevermögen und Zuversicht.

Herzlichst

Ihr

Michael Reinhard

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