Gemünden

Leseranwalt: Auch wenn Putin mitlesen könnte, muss über Schwachstellen berichtet werden

In der Darstellung eines Eisenbahnknotenpunktes ist nach seiner Sicherheit gefragt. Dabei geht es auch um eine Freiheit, derer sich Redaktionen nie selbst berauben werden.
Blick auf den Bahnknotenpunkt Gemünden, aufgenommen 2018 vom Hobbyfotograf Rainer Knoblach von einer Brücke. Das genutzte Teleobjektiv verkürzt optisch die Entfernungen.
Foto: Rainer Knoblach | Blick auf den Bahnknotenpunkt Gemünden, aufgenommen 2018 vom Hobbyfotograf Rainer Knoblach von einer Brücke. Das genutzte Teleobjektiv verkürzt optisch die Entfernungen.

Selbst Putin könnte das lesen, kommentiert ein Christian im Online-Forum der Main-Post den Artikel "Wie sicher ist der bedeutende Eisenbahnknotenpunkt Gemünden vor Sabotage?". Er erklärt, über manche Dinge dürfte man einfach nicht berichten. Nutzer g.n.a. (abgekürzt) fügt hinzu: "Eigentlich unverantwortlich sowas so plakativ in die Welt zu blasen." Wirklich?

Die kritisierte Veröffentlichung stellt einen bedeutenden Knotenpunkt für den Schienengüterverkehr dar. Wir lesen: "Hier kreuzen sich die Ost-West-Achse zwischen Würzburg und Frankfurt, ein Rückgrat für den europäischen Güterverkehr auf der Schiene, sowie die Nord-Süd-Achse zwischen Fulda und Würzburg. Hinzu kommt die Anbindung nach Schweinfurt und Bamberg über die Werntalbahn."

Autor lässt Anlass für den Bericht erkennen

Weil zuvor Sabotage zu Zugausfällen in Norddeutschland geführt hatte, fragt der Autor, wie es denn um die Sicherheit der Bahninfrastruktur rund um Gemünden bestellt ist. Damit sagt er an, was ihn zu dem Bericht veranlasst hat. Dadurch sieht aber der digitale Leser S.M. den wichtigen Knotenpunkt der Bahn in den Fokus gerückt und bedient sich im Forum warnend der Ironie: "Vielleicht gibt es ja im nächsten Artikel einen Lageplan, wo man die relevanten sensiblen Kabel genau finden kann." Damit hat er, wohl unbewusst, eine Antwort an Christian nahegelegt. Der hatte ja gemeint, über manches dürfe einfach nicht berichtet werden.

Klar ist zunächst: Rechtlich gibt es keine Einschränkung, über die wichtige Anlage der Bahn und denkbare Gefährdungen zu berichten. Die Sabotage in Norddeutschland legt es sogar nahe, es vorbeugend zu tun. Hinzu kommt ein lokaler Vorfall, der die Frage nach der Sicherheit ebenfalls angeraten sein lässt: Ein Obdachloser hatte sich ein halbes Jahr unentdeckt in einem Gemündener Betriebsgebäude der Bahn häuslich eingerichtet.

Gebotene Zurückhaltung

Relevante Stellen der Anlage, wie von S.M. ironisch angesprochen, sollten in einer solchen Berichterstattung nicht so präsentiert werden, dass sie gut erkennbar, einsehbar und auffindbar sind. Und das ist ja auch nicht geschehen. Diese Zurückhaltung gebietet in diesen Zeiten journalistische Verantwortung. Und dass Verantwortliche der Bahn nun selbst streng darauf achten, darf man annehmen.

Sabotage kam auch in einem erklärenden Beitrag ("Ist die Blackout-Gefahr real?“) zu möglichen Ausfällen der Energieversorgung in Kitzingen zur Sprache. "Warum", so hat da ein Stadtrat nach dem eher beruhigenden Vortrag eines Experten gefragt, "wird den Leuten Angst gemacht, dass alle wie verrückt Notstromaggregate kaufen?" Weil die Angstkampagne Teil von Putins Kriegsstrategie sei, hat im Online-Forum ein F.F. darauf geantwortet.  

Positive Signale in schwierigen Zeiten

Nein, hier darf keine Kampagne des russischen Diktators Wirkung erzielen, schon gar nicht, wenn sie erkennbar ist. Medien sollten darauf achten, dass sie eine solche Strategie nie mit befördern. Angst vor Verbrechen mit Sabotage, mittlerweile sprachlich oft hinter hybrider Kriegsführung versteckt, mag individuell trotzdem auftreten. Darum bemühen sich schon unseriöse Aktivisten im Internet. Doch Redaktionen werden sich hierzulande darüber nicht selbst ihrer Freiheit berauben, neuralgische Punkte im Lande aufzuzeigen. Würde da Selbstbeschränkung erkennbar, dann wäre große Sorge angesagt. Erkennbar bleiben hier aber journalistische Kontrolle und offene Debatten über Unsicherheiten der Energieversorgung oder auch Vorsorge durch einen Krisenstab wie in Münnerstadt (Lkr. Bad Kissingen). Das sind positive Signale in schwierigen Zeiten. 

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch Vereinigung der Medien-Ombudsleute e.V.

Frühere ergänzende Leseranwalt-Kolumnen:

2022 Okt.: "Putins Verbrechen müssen nicht in jedem Bericht über ihn erwähnt werden"

April: "Warum man bei der Veröffentlichung der Fotos von Kriegsverbrechern und von Opfern gut abwägen muss"

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