LESERANWALT

Leseranwalt: Fußball der Frauen ist keine andere Disziplin

Der von Frauen gespielte Fußball wird immer wieder als Abweichung des von Männern gespielten dargestellt. Das zeigen eine Journalistik-Studie - und Berichte dieser Redaktion.
Aktion aus einem Weltmeisterschaftsspiel der U20-Fußballerinnen. Es geht um Sprache. Es ist folglich kein Frauenfußball-Weltmeisterschaftsspiel ... 
Foto: UweSpeck/Agentur Witters | Aktion aus einem Weltmeisterschaftsspiel der U20-Fußballerinnen. Es geht um Sprache. Es ist folglich kein Frauenfußball-Weltmeisterschaftsspiel ... 

Fußball ist noch zutiefst männlich – auch in der Berichterstattung. Das ist nicht neu, wird jetzt aber in einer Journalistik-Bachelorarbeit an der TU Dortmund bestätigt. Wie Akteurinnen der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen 2019 sprachlich dargestellt wurden, hat Miriam Jagdmann darin untersucht. Außerdem hat die Journalistik-Studentin eine qualitative Inhaltsanalyse von 45 Online-Artikeln der Medien "Bild", "Kicker" und "Fussball-Magazin" zwischen 24. Mai und 21. Juli 2019 erstellt.

Sie selbst schreibt darüber beim Europäischen Journalismus Observatorium, was sie bei ihrer nicht repräsentativen Untersuchung herausfand. Es werde zwar korrekt von "Fußballerinnen" gesprochen, übrige Gruppen aber stets mit generischem Maskulinum bezeichnet - beispielsweise Zuschauer und Journalisten. Frauen außerhalb des Spielfelds seien somit als Frauen nicht vorgekommen.

Bei Frauen das Geschlecht überbetont

Begriffe, bei denen nur die Endung „-in“ angehängt werden musste, wurden laut Jagdmann in die feminine Form umgewandelt  - beispielsweise "Stürmerin". Andere, männlich konnotierte Begriffe wie "Mannschaft" seien unverändert übernommen worden, anstatt diese durch weibliche oder geschlechtsneutrale Worte zu ergänzen, beispielsweise durch "Frauschaft" oder "Team".

Das Geschlecht werde fast immer bei der Sportart beziehungsweise bei der Weltmeisterschaft überbetont. Vielfach hieß es „Frauenfußball“ und „Frauen-WM“. So werde der von Frauen gespielte Fußball als Abweichung des von Männern gespielten dargestellt: Frauen spielen keinen Fußball, sondern „Frauenfußball“, sie nehmen nicht an einer WM teil, sondern an einer „Frauen-WM“ und sie spielen in einer „Frauen-Nationalmannschaft“ oder sind ein „Frauen-Team“.

Kritischer Blick in die eigene Zeitung

Mein kritischer Blick in die eigene Zeitung lässt lässt genau das ebenfalls erkennen. Montags finden sich gerne über Ergebnissen die Überschriften, „Fußball“, „Dritte Liga“ und darunter „Frauen Bundesliga“. Fußball ist offenbar automatisch männlich. Da erscheint offenbar die Erwähnung des Geschlechts überflüssig. Bei „Frauen Bundesliga“ wird es vorangesetzt, so als ginge es um eine andere Fußball-Disziplin. Erstaunlich ist: Beim Basketball und beim Handball bleibt im Gegensatz zum Fußball auch der Hinweis auf die Männer vor Ergebnislisten nicht weg.

Noch etwas: Beim Fußball werden selbst die Erstligistinnen in der Zeitung mit ihren Ergebnissen und Tabellen noch unter denen der Dritten Liga der Herren geführt. Für diese Rangfolge stehen gemeinhin höhere Zuschauerzahlen und ein größerer Zuspruch der Leserschaft - im Sport eben überwiegend männlich. Aber muss das sein?

Im Bericht über ein Spiel der Kickers-Damen im Oktober lese ich, dass der „Zweitliga-Frauenfußball“ zurück in der Stadt Würzburg ist. Auch vom „Unterhaus des Frauenfußballs“ ist die Rede. Wieder könnte "man" es als das Spiel aus einer anderen Sportart empfinden. Bei den in die zweite Liga aufgestiegenen Herrn des Fußballs ist nämlich nur vom "Zweitliga-Fußball" die Rede. Immerhin darf ich bei den Frauen lesen, dass eine „Kapitänin“ mitspielt, allerdings in der „Mannschaft“ der Kickers.

Fehlendes Bewusstsein 

Fußball der Frauen ist keine andere Disziplin als bei den Männern. Und ich widerspreche nicht, wenn für Miriam Jagdmann die Vermutung naheliegt, dass Journalist*innen das Bewusstsein für das Geschlecht ihrer Protagonist*innen bzw. für die Auswirkungen fehlt, die Sprache auf das gesellschaftliche Geschlechterbild hat.

'Der Zweitliga-Frauenfußball ist zurück in der Stadt' - Bericht vom Oktober 2020. Doch der Fußball, den Frauen spielen, ist keine andere Disziplin als der, den Männer spielen.
Foto: Repro Sahlender | "Der Zweitliga-Frauenfußball ist zurück in der Stadt" - Bericht vom Oktober 2020. Doch der Fußball, den Frauen spielen, ist keine andere Disziplin als der, den Männer spielen.
Erst die 'Dritte Liga' (ohne Hinweis auf Männer) und dann die 'Frauen Bundesliga' (mit Hinweis). Entnommen aus der Main-Post.
Foto: Repro Sahlender | Erst die "Dritte Liga" (ohne Hinweis auf Männer) und dann die "Frauen Bundesliga" (mit Hinweis). Entnommen aus der Main-Post.

Zu ähnlichen Leseranwalt-Kolumnen:

2018: "Worte an WM-Desinteressierte"

2019: "Fußball kann man überblättern"

Anton Sahlender, Leseranwalt

Siehe auch Vereinigung der Medien-Ombudsleute.

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