Würzburg

Leseranwalt: Gedanken zum Einfluss von Zeitungen auf Wählerinnen und Wähler

Ein Leser störte sich daran, dass ein Interview mit CSU-Chef Markus Söder "nur" elf Tage vor der Bundestagswahl veröffentlicht wurde. Zu nah am Termin? Und mit welcher Wirkung?
Wie wirkt solche Wahlwerbung der Parteien? Für Leserinnen und Leser von Tageszeitungen stellt sich eher die Frage, welche Wirkung diese mit veröffentlichten Beiträgen erzielen.
Foto: SymbolKay Nietfeld, dpa | Wie wirkt solche Wahlwerbung der Parteien? Für Leserinnen und Leser von Tageszeitungen stellt sich eher die Frage, welche Wirkung diese mit veröffentlichten Beiträgen erzielen.

Glauben Sie, eine Zeitung kann vor der Wahl mit ihrer Berichterstattung Leserinnen und Leser in ihrer Entscheidung noch umstimmen? Mal abgesehen von der Wahlbeteiligung wollte das in dieser Redaktion niemand. Doch einzelne Leser haben Beeinflussung aus ihren eigenen unterschiedlichen Perspektiven heraus unterstellt. Das ist vor Wahlen nicht neu.

Auf die Eingangsfrage gebracht hat mich jedoch Leser N.S., als er am 15. September erklärte, dass er den Zeitpunkt der Veröffentlichung eines Interviews mit CSU-Chef Markus Söder (Titel: „Die CSU steht immer für Klartext“) nur elf Tage vor der Bundestagswahl in der Zeitung für ungerecht gegenüber anderen Volksparteien hält.

Was der Leser noch nicht wissen konnte

Den Disput darüber, was noch Volkspartei ist, mache ich hier nicht auf. Über den Zeitpunkt 15. September ließe sich diskutieren, stünde dem nicht entgegen, was N.S. da noch nicht wissen konnte: Am 23. September erschien in der Zeitung noch ein Interview mit FDP-Chef Christian Lindner, am 24. September ein Feature über Gregor Gysi von den Linken, am 21. September ein solches über SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz und 20. September ein Interview mit Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock. Gegen den Zeitpunkt dieser Veröffentlichungen gibt es journalistisch aber ebenso wenig einzuwenden, wie gegen den Erscheinungstermin des Söder-Interviews. 

Für Briefwähler zu spät?

Man könnte grundsätzlich fragen: Ab wann liegt der Zeitpunkt für ein Kandidaten-Interview zu nahe am Termin des Urnengangs? Einen oder zwei Tage zuvor? Oder müsste man im Hinblick auf Briefwähler sogar umgekehrt feststellen, dass für viele bereits das Gespräch mit Baerbock sechs Tage vor dem Wahlsonntag zu spät kam? Doch zum Zeitpunkt solcher Beiträge gibt es keine journalistische Einschränkungen, außer vielleicht jene, dass in Zeitungen kurz vor dem Wahltag Konfliktaussagen von Kandidatinnen und Kandidaten unterbleiben sollten, weil sonst die Zeit zu notwendigen Reaktionen fehlt.

Frühzeitige Entscheidungen

Zumindest annehmen darf man, dass sich Zeitungsleser möglicherweise frühzeitiger festlegen, wo sie ihre Kreuzchen setzen werden. Sind sie doch meist solide genug informiert. Das könnte natürlich bedeuten, dass da kurzfristig weniger zu bewegen ist. Vielleicht gibt es Umfragen, die auch das noch genau ermitteln. Dagegen weiß man um die Bedeutung der freien Presse für die Demokratie. So kann man davon ausgehen, dass Zeitungsleserinnen und Zeitungsleser ihr Wahlrecht weitgehend wahrnehmen - was sie natürlich zur Zielgruppe für Parteien macht.

Streben nach Ausgewogenheit anzeigen

Als sicher gilt auch, dass es zur Glaubwürdigkeit unabhängiger Tageszeitungen beiträgt, wenn sie ihre geplante Wahl-Berichterstattung frühzeitig transparent machen, damit ihr Streben nach Ausgewogenheit anzeigen und kontrollierbar machen. Bei Regionalzeitungen bezieht sich das vor allem auf die Präsentation von Kandidatinnen und Kandidaten und der Parteien aus der eigenen Region.

Transparenz ist auch nötig, wenn sich an etwas an der angesagten Linie ändert. So hat die Süddeutsche Zeitung ihrer Leserschaft erklärt, warum sie kein Interview mit CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet veröffentlichen würde, obwohl sie es zuvor mit Annalena Baerbock und Olaf Scholz getan hat. Welche Wirkung mag das auf ihre Leserinnen und Leser gehabt haben?

Vorwurf und Kompliment

Bei der Suche nach Antworten auf den Einfluss von Tageszeitungen übersieht niemand das ununterbrochen sendende Internet. Die digitale Zeitung ist dort nur eines von vielen Medien. Werfen ihr die eigenen Leser aber dennoch vor, sie beeinflusse in ihrer gedruckten Erscheinung die Entscheidungen von Wählern, darf daraus auch ein Kompliment abgeleitet werden. Denn solche Wirksamkeit schreibt man gemeinhin doch nur Beiträgen aus den Medien zu, denen man ob ihrer Transparenz vertraut. Ob der Bedeutung der redaktionellen Durchschaubarkeit für das Vertrauen in Medien gibt es dafür sogar einen Journalistenpreis, den MedienSpiegel.

Wenn nachweislich auch trüben Quellen Glauben geschenkt wird, ist das kein Gegenbeweis, sondern Ansporn, noch transparenter anzuzeigen, was den Unterschied macht.

Anton Sahlender, Leseranwalt

Siehe auch Vereinigung der Medien-Ombudsleute.

Frühere ähnliche Leseranwalt-Kolumnen:

2018: "Transparenz für das redaktionelle Konzept"

Sept. 2021: "Wann eine Bewertung von Aussagen der Kandidaten vor der Wahl notwendig ist"

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