LESERANWALT

Leseranwalt: Medienwissen, das Allgemeinbildung sein sollte

Ein Lehrbuch, nicht nur für die Schule: Sabine Schiffers "Medien-Analyse" fördert die Fähigkeit, Informationen aus allen Medien gleichermaßen kritisch wahrzunehmen.
Achtung bei der Wortwahl und Sprache in Medienberichten! Ein Stapel mit verschiedenen Tageszeitungen.
Foto: Sven Hoppe | Achtung bei der Wortwahl und Sprache in Medienberichten! Ein Stapel mit verschiedenen Tageszeitungen.

Medienbildung müsste in Schulen durchgängig stattfinden. Mehr noch: Alle sollten wir solide Kenntnisse zu Medien erwerben. Angesichts ihrer Dominanz wäre die Fähigkeit der kritischen Wahrnehmung ein wichtiger Teil der Allgemeinbildung. Die beginnt ganz einfach mit Sprache und Bildern, deren Wirkmacht oft unterschätzt werde, erklärt Sabine Schiffer, Gründerin des Berliner Instituts Medienverantwortung in ihrem soeben im Frankfurter Westend-Verlag erschienenen kritischen Lehrbuch "Medien-Analyse". 

Fakten können lügen

Das Buch schließt eine Lücke, weil es sich fundiert mit den informierenden Teilen aller Medien auseinandersetzt und zwar gleichermaßen. Es nimmt den „Mensch als Kommunikator, Konsument und Wahrheitssucher“ (Schiffer) mit. Die Wissenschaftlerin zeigt, dass auch mit Fakten gelogen werden kann, dann nämlich, wenn nur richtige Details gezeigt werden, die einen falschen Eindruck vom gesamten Ereignis vermitteln. Um das und viel mehr zu erkennen, gibt sie ein Instrumentarium an die Hand. Auch ich als Leseranwalt werde es nutzen.

Die Autorin belegt, dass jede Darstellung ein Wahrnehmungsangebot ins eigene Weltbild ist. Letzteres sei bei der Wirkung von Bildern und Worten stets zu berücksichtigen. Etwa bei einem Szenario, bei dem es um die mögliche Wortwahl (neudeutsch "Wording") für eine Explosion vor einem Regierungsgebäude geht. Von "Explosion", "Bombenanschlag" und "Terrorangriff" kann die Rede sein. Bei Verdächtigen kann es um "Angreifer", "Terroristen", "Kriminelle" und "Aktivisten" gehen. Das "Wording"“, das sich in Berichten durchsetzt, beeinflusst die Wahrnehmung. Mal gebe es mehr, mal weniger Plausibilität oder gar Legitimität mit, mal verurteile es verhalten oder scharf oder lege bereits Motive nahe.

Die Aktivierung von Schablonen

Bei der Perspektivgebung für Sachverhalte durch Sprache und Bilder liegt "Framing" nahe. Es ist die Aktivierung von Schablonen, die einerseits zwar helfen, zu verstehen, die aber andererseits auch einengen und verzerren; siehe "Hambacher Forst", der Begriff, der Nachrichten dominiert. "Forst" aus dem Wortfeld "Forstwirtschaft" beziehe bereits Abholzung mit ein. "Forstwirtschaft" könne zwar nachhaltig funktionieren, aber einen Wald, um dessen Erhalt gekämpft wird, so zu bezeichnen, sei nicht im Sinne von Umwelt- und Klimaschützern. An anderer Stelle wird aber auch davor gewarnt, das mit Zitaten, wenn sie den Kontext wechseln, kritisch umgegangen werden muss. 

Wenn ein Video plump gefälscht ist 

Ein Kapitel des Buches zerlegt analytisch Bewegtbilder in ihre Sequenzen. Es zeigt aber auch Manipulationen auf, so das "plump gefälschte" Video einer Rede von Nancy Pelosi, Sprecherin der Demokraten im US-Repräsentantenhaus. Verlangsamte Abspielgeschwindigkeit von Bild und Ton erwecken den Eindruck als sei sie betrunken. Die Fälschung sei schnell aufgeflogen. Wie bei allen Kapiteln gibt es auch zu Bewegtbildern das Angebot, erworbenes Wissen zu vertiefen, siehe "Weiterlesen:"

Medien-Analyse: Umschlag des kritischen Lehrbuchs von Sabine Schiffer, Institut Medienverantwortung
Foto: Repro Sahlender | Medien-Analyse: Umschlag des kritischen Lehrbuchs von Sabine Schiffer, Institut Medienverantwortung

Schulmäßig und minutiös ist die Analyse eines bebilderten Artikels ("So läuft das Auslieferungsverfahren gegen Julian Assange") aus der Süddeutschen Zeitung vom 23.9.2020 präsentiert. Ausgeführt aus kritischer Distanz kann sie zur Anleitung werden, andere Veröffentlichungen gleichermaßen aufzugliedern und zu bewerten. Dabei wird erklärt, wie subtil Sprachanalyse arbeiten muss. Es dürfen nicht nur einzelne Worte bewertet werden. Siehe Rassismusforschung: Werde das verpönte "N-Wort" durch andere Worte (Schwarze, Farbige etc.) ersetzt, aber die Kontexte bleiben stereotyp, dann werden auch die neuen Worte mit den Konnotationen (Begriffsinhalt) der alten belegt.

Eine "KLASSE!"-Ergänzung

Das vielseitige Lehrwerk nimmt Nutzer*innen mit, weil es mit anschaulichen Darstellungen viele aktuelle Nachrichten wiedererkennen und beurteilen lässt. Es belegt konsequent Quellen und empirische Nachweise in Fußnoten. Ich lege es nicht nur Lehrkräften ans Herz, etwa ergänzend zum Schulprojekt dieser Zeitung, "KLASSE!". Gewohnt misstrauische Leser*innen können mit daraus gewonnenem Wissen auch Redakteur*innen mal in Erstaunen versetzen. 

In dem Werk von Sabine Schiffer darf man getrost einen Beitrag zur Förderung eines Schulfachs Medien-Bildung sehen. Auch wegen seiner aktuellen Bezüge lädt es dazu ein, es parallel zu den Medien weiterzuentwickeln. Für die Autorin geht es um lebenslanges Lernen, dabei auf Englisch um "Media Literacy". Ein vergleichbares Wort gäbe es im Deutschen nicht. Es gehe um die Fähigkeit, Beiträge zu lesen und als Konstrukt zu verstehen, welches bei gleicher Faktenlage  völlig anders aussehen könnte - oder umgekehrt: welches Fakten in der aktuellen Darstellung präsentiert und dabei eventuell aufbauscht, verharmlost oder gar umdeutet.

Auch in einer Rezension von der Wochenzeitung "Der Freitag" hält fest, dass an diesem Buch nicht nur Medienmenschen nicht vorbeikommen, weil es zeige, was beim täglichen Medien-Konsum zu beachten ist.

Anton Sahlender, Leseranwalt

Siehe auch Vereinigung der Medien-Ombudsleute.

Weitere Leseranwalt-Kolumnen zu Medien-Büchern:

2020: "Die Täter-Herkunft als relevanter Sachverhalt"

2021: "Anreize zum Öffnen der eigenen Filterblase"

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