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Leseranwalt: Nach den Schwarz-Weiß-Fotos von Olympia in der Zeitung fordern Leser weitere Konsequenzen

Von den Olympischen Spielen hat diese Zeitung nur Schwarz-Weiß-Fotos veröffentlicht. Warum wird Putin nun in Farbe gezeigt, fragen Leser. Was die Redaktion sagt.
Über die Olympischen Spiele in Peking berichtete die Main-Post nur mit Schwarz-Weiß-Fotos. Das ist die Titelseite vom 5. Februar 2022.
Foto: Main-Post | Über die Olympischen Spiele in Peking berichtete die Main-Post nur mit Schwarz-Weiß-Fotos. Das ist die Titelseite vom 5. Februar 2022.

Nicht konsequent findet es Leser B. Z., "einen Kriegstreiber und Verbrecher, der andere Länder überfällt und Unschuldige tötet, in der Zeitung groß und in Farbe abzubilden". Seine Meinung schließt an die Kontroversen an, die vor Kurzem eine ungewöhnliche redaktionelle Entscheidung ausgelöst hatte. Die Redaktion hatte entschieden, die Berichterstattung über die Olympischen und Paralympischen Spiele in Peking nur mit Schwarz-Weiß-Fotos zu bebildern. Damit sollte auf die Menschenrechtsverletzungen in China und die Missstände rund um diese Spiele aufmerksam gemacht werden. Der stellvertretende Chefredakteur Ivo Knahn erklärte das in der Zeitung so:

Diese Erklärung, warum die Redaktion auch von den Paralympics nur Schwarz-Weiß-Fotos veröffentlicht, wurde in der Zeitung veröffentlicht.
Foto: Main-Post | Diese Erklärung, warum die Redaktion auch von den Paralympics nur Schwarz-Weiß-Fotos veröffentlicht, wurde in der Zeitung veröffentlicht.

Die Diskussionen, die diese außergewöhnlich präsentierte Meinungsäußerung hervorgerufen hat, waren lebhaft - aber gewollt und konstruktiv. "Einen Wert an sich", erkennt darin Ivo Knahn. Gerne stimme ich ihm zu, weil er damit einschließt, dass die Präsentation der technisch eingeschränkten Fotos in der Zeitung nicht alle gut finden müssen, obwohl die meisten Reaktionen eher positiv ausgefallen sind. Aber Kritik war eben eingeplant.

Kritik der Leser: Getroffen hat es vor allem Sportlerinnen und Sportler

Wichtig sind Leser-Hinweise auf Konsequenzen, die sich eigentlich aus dem schwarz-weißen Protest von den Winterspielen künftig für die Berichterstattung dieser Zeitung über Missstände ergeben müssten. Eine Konsequenz hat eingangs schon Leser B. Z. vorgetragen.

Die wenigen Kritiker aber, die sich grundsätzlich gegen die Schwarz-Weiß-Fotos wandten, hat gestört, dass es in zwei Drittel der Fälle Sportlerinnen und Sportler getroffen hat, nicht aber die Täter aus der chinesischen Regierung. Die schere es ja ohnehin nicht, was diese Zeitung druckt. Das sei im umgekehrten Sinne nur der vielzitierte Sack Reis, den wir selbst oft an der chinesischen Mauer umfallen lassen. Alles Argumente, die sich nachvollziehen lassen.

Empfehlung einiges Lesers: Auch Despoten nur klein und in Schwarz-Weiß abdrucken

Nachvollziehen kann man auch die Erwartung von Lesern wie B. Z., die auf Glaubwürdigkeit zielen. Denn der Maßstab, der redaktionell an die Bilder der Spiele in Peking angelegt worden ist, müsste doch auch für die Fotos des russischen Despoten Wladimir Putin gelten. In dieser Logik denkt auch Leser G. P., wenn er in einer Zuschrift empfiehlt, "Despoten und Regierungsdumpfbacken (wie Trump/Kim Jong-un) nicht mehr oder nur sehr klein und schwarz-weiß zu drucken".

Unabhängig von der Schwarz-Weiß-Aktion, kann man natürlich ebenfalls zu der Ansicht gelangen, dass Despoten nicht unbedingt groß und bunt abgebildet sein müssen. Etwa so, wie man sich bei Bildern von Terroristen zurückhält.

Konsequent mutet außerdem die vielfach geäußerte Leser-Empfehlung an, mit der Schwarz-Weiß-Regelung demnächst auch bei der Fußball-WM gegen wohlbekannte Menschenrechtsverletzungen in Katar zu protestieren.

Chefredaktion: "Dinge sichtbar machen und konstruktiv zum Nachdenken bringen"

Die Konsequenzen bei der Berichterstattung aus Systemen, die Menschenrechte verletzen, werden allerdings nicht mehr genauso wie bei den Olympischen Spielen aus Peking aussehen. Dass sie aber neu überdacht werden, verspricht der stellvertretende Chefredakteur Ivo Knahn: "Wir entscheiden täglich in einem kreativen Prozess, wie wir überraschen können, wie wir Dinge sichtbar machen und konstruktiv zum Nachdenken bringen."

Es gilt, immer neue Formen zu finden, um Missstände anzuprangern. Als gute Erfahrung bestärken Knahn darin Wirkung und Diskussion nach dem Schwarz-Weiß-Protest. Der war neu, eben weil diese Zeitung zuvor nie Bilder so sprechen ließ.

Und mir fällt der Diskurs zu diesen Fotos gerade deshalb besonders ins Auge, weil der Blick auf die Schwarz-Weiß-Wertung nicht mental an einer chinesischen Mauer endete. Er reicht in Reaktionen von Leserinnen und Lesern weit darüber hinaus, fällt auf andere Unrechtssysteme, auf Krieg und auf eigenes Handeln. Das weist darauf hin, dass es ein Spannungsfeld zwischen Politik und Sport gibt. Vor diesem Horizont baue ich auch auf Knahns Worte: "Ich bin gespannt, was uns für Katar einfallen wird."

Anmerkung: Die olympische Farblosigkeit blieb auf die gedruckte Zeitung beschränkt. Digitale Betrachter sahen bunte Bilder.

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe Vereinigung der Medien-Ombudsleute e.V.

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