LESERANWALT

Leseranwalt: Über die Gefahr, russische Menschen pauschal zu verunglimpfen

Der Krieg in der Nähe geht Menschen besonders nahe, das kann zu Verzerrungen führen. Was Expertinnen und Experten von verantwortungsvollem Journalismus erwarten.
Ein Bild aus dem Krieg: Menschen in den rauchenden Trümmern nach dem Beschuss eines Einkaufszentrums in der ukrainischen Hauptstadt Kiew entstanden ist. In unmittelbarer Nähe zu solchen Fotos können Zeitungsanzeigen, die Produkte lebensfroh anpreisen, schmerzhaft wirken.
Foto: Rodrigo Abd, AP, dpa | Ein Bild aus dem Krieg: Menschen in den rauchenden Trümmern nach dem Beschuss eines Einkaufszentrums in der ukrainischen Hauptstadt Kiew entstanden ist.

Krieg macht Menschen auch besonders einfühlsam. Er ist uns nach längerer Zeit eben wieder sehr nahe gekommen. So erreichen mich gefühlvolle Reaktionen aus der Leserschaft. Mitgefühl ist ohnehin in vielen empathischen Berichten mit Erzählungen der Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind, angesprochen. Und bei der großen Hilfsbereitschaft, die überall sichtbar wird.

Verzerrungen können diskriminieren

Ja, der Krieg in der Nähe geht uns nahe. Das trägt die Gefahr von Verzerrungen in der Bewertung in sich. Etwa, wenn jetzt der Krieg als etwas charakterisiert wird, was eigentlich in armen Ländern passiert, aber nicht in Europa. Das zeigt Jon Allsop im "journalism review "der Columbia University in New York auf: Er zitiert einige Beispiele, darunter das des Korrespondenten des US-Senders CBS, Charlie D'Agata, der Kiew eine "relativ zivilisierte" Stadt nannte. Auch der britische Sender ITV hat laut Allsop herausgestellt, die Ukraine sei kein "Entwicklungsland der Dritten Welt". Als diskriminierend empfindet solche Einordnungen wie die von D'Agata auch die Kölner Journalistik-Professorin Marlis Prinzing in einem Gastbeitrag für den Branchendienst Meedia.

Die gleiche Aufmerksamkeit für alle Kriege

Und Allsop spricht Gleichbehandlung an, mit Verweis auf Magdalene Abraha, eine Schriftstellerin mit Wurzeln im äthiopischen Tigray, wo seit 2020 ein Krieg wütet. Als sie die Berichterstattung über die Ukraine als "fantastisch" bezeichnete, habe sie hinzugefügt, "es wäre gut, bekämen alle Kriege, Hungersnöte und Naturkatastrophen ebenfalls diese Aufmerksamkeit". Wir wissen, dass das hier nicht der Fall ist. Der Journalismus sucht eben den Faktor Nähe, ebenso wie die Mehrzahl der Nutzer.

Russinen und Russen nicht für Staatshandeln verantwortlich machen

Da ist jetzt verantwortungsvoller Journalismus gefordert, halten Expertinnen der Freien Universität (FU) Berlin fest. Sie haben acht Empfehlungen vorgelegt. Eine davon, die alle angeht, kennzeichnet die Gefahr, dass Berichte ein Feindbild fördern, das russische Menschen pauschal verunglimpft. Ein Grundsatz lautet aber: Individuen dürfen nicht für Staatshandlungen verantwortlich gemacht werden. Das gilt folglich nicht für Wladimir Putin und sein Regime.

Wahrheit auch im Krieg nicht opfern

Es gibt eine Menge Grundsätze für transparentes Bemühen um wahrhaftige Berichte, welche - entgegen einer vielzitierten Ansage - die Wahrheit auch im Krieg nicht opfern. Dazu gehört, dass sich Redaktionen Zeit nehmen für Recherchen und für die Prüfung von Quellen. Glaubwürdigkeit entsteht natürlich auch, wenn Reporter aus dem eigenen Haus vor Ort sind und direkt aus der Ukraine berichten, wie Redakteur Till Mayer. Ihrer Verantwortung , so konstatieren die drei Wissenschaftlerinnen der FU nach einer Studie, würden Journalisten hierzulande überwiegend gerecht, abgesehen von einigen Unachtsamkeiten.

Ein grausamer Kontrast

Mit einer nicht weltbewegenden Unachtsamkeit aus der Zeitung schließe ich: Gut funktioniert nämlich die Sensibilität von Leser W.H., wohl sogar etwas besser die Achtsamkeit der Blattplaner. W.H. verweist auf einen bewegenden Beitrag aus dem Krieg mit eindrucksvollem Foto von Menschen auf rauchenden Trümmern eines zerschossenen Supermarktes. Einen moralischen Konflikt erkennt er mit einer benachbarten Anzeige. Sie wirbt lebensfroh für ein Produkt und verspricht damit "drinnen wie draußen" unter anderem "ein besseres Leben". Das ist Werbesprache, die neben den Kriegstrümmern schmerzhaft wirkt.

Bleiben Sie einfühlsam

Ja, in der Zeitung kommen sich oft Krieg und Frieden, Glück und Unglück zwangsweise sehr nahe. Doch musste diese Nähe sein? Besser nicht. Damit würde nicht in die Unabhängigkeit der Redaktion eingegriffen. Vielleicht bedürfte es einer Verständigung mit dem Werbekunden.

Sie, liebe Leserinnen und Leser, können das selbst beurteilen. Und bleiben Sie einfühlsam.

Anton Sahlender, Leseranwalt

Siehe auch Vereinigung der Medien-Ombudsleute e.V.

Weiterführende Leseranwalt-Kolumnen zum Thema:

2008: "Wo sich Gut und Böse auf engstem Raum begegnen können"

2012: "Meine Wahrheit, deine Wahrheit und die Wahrheit, die Journalisten nicht gepachtet haben"

2014: "Glückwünsche stehen neben Trauer, weil sich auch im Leben einer Familie Freud und Leid begegnen"

2015: "Medienkompetenz hilft, seriöse Nachrichten von Falschmeldungen zu unterscheiden"

2020: "Eine Empfehlung für die besorgte Großmutter"

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