LESERANWALT

Leseranwalt: Vom "Jungspund" Friedrich Merz und den Schwächen einer Überschrift

Leserinnen und Leser, ob über oder unter 65 Jahre alt, können auch mal einen interpretierbaren Titel in der Zeitung verkraften, sagt der Leseranwalt. Um welchen Fall es geht.
Diese Bildzusammenstellung mitsamt der Überschrift 'Trau keinem über 65!' hat Spielraum für Interpretationen gelassen: (von links) Friedrich Merz, Donald Trump und Silvio Berlusconi, wie sie in der Zeitung vom 22. Januar 2022 zu sehen waren.
Foto: Repro Sahlender | Diese Bildzusammenstellung mitsamt der Überschrift "Trau keinem über 65!" hat Spielraum für Interpretationen gelassen: (von links) Friedrich Merz, Donald Trump und Silvio Berlusconi, wie sie in der Zeitung vom 22.

Überschriften bieten häufiger Anlass für Kritik. Herr W.H. stößt mich aktuell auf einen Artikel, der in der Zeitungsausgabe vom 22. Januar erschien, mit dem Titel "Trau keinem über 65!". Gelegenheit, einige Grundsätze für Überschriften zu erklären.

Ironie bei W.H. nehme ich wahr, weil es ihm scheint, der für die Überschrift verantwortliche Redakteur sei "ein lupenreiner Freund von Friedrich Merz". Dessen Weg an die Spitze der CDU ist nämlich Ausgangspunkt für den angesprochenen Artikel, der klar sagt, der 66-jährige Merz erscheine "im Vergleich zu den Herrschaften, die anderswo die Politik bestimmen, geradezu jugendlich".

"Jungspund Merz"

Der 85-jährige Silvio Berlusconi ist dabei als Kontrast zu Merz genannt, weil er zeitweilig wieder als italienisches Staatsoberhaupt gehandelt wurde. Auch Donald Trump und Joe Biden könnten sich als 78- und 82-Jährige im Jahr 2024 erneut um die US-Präsidentschaft bewerben. Dagegen, so heißt es in dem Artikel, sei Merz als Kanzlerkandidat 2025 mit knapp 70 ein "Jungspund".

Die Fotos und die Mutmaßung 

Abgebildet sind beim Artikel Trump und Berlusconi neben Merz. Dazu mutmaßt Leser W.H. (schelmisch?) einen "Aufschrei der linken Presse, hätte es einen Titel 'Trau keinem über 60!' gegeben, mit Konterfeis von Putin, Xi Jinping und Kanzler Olaf Scholz". Über diese Lagerbildung aus der Perspektive des Herrn W.H. sehe ich mal hinweg und frage lieber, was steckt wirklich hinter der Überschrift vom 22. Januar?

Ein Klassiker der 68er

Sie spiele auf einen Klassiker aus der 68er-Zeit an, als es hieß, "trau keinem über 30". Das erklärt mir der Autor. Es gehe um das Phänomen, dass im Gegensatz zum oft postulierten "Jugendwahn" politisch nun ein anderer Trend zu erkennen ist. Er macht auch etwas Ironie für seinen Beitrag geltend.

Das größte Problem

Keine Ahnung, wie vielen Leserinnen und Lesern sich der Kontext der Überschrift zum 68-er Slogan erschlossen hat. Ich gestehe, ich gehöre nicht dazu. Der Text des Artikels stellt keinerlei hilfreichen Bezug zu den 68er-Jahren her. Daraus ergibt sich das größte Problem für die Überschrift. Wird damit doch ein sinnvoller Grundsatz aus der Stilfibel der Redaktion ignoriert: "Der Inhalt der Überschrift muss sich zwingend im Text wiederfinden." Das ist nicht der Fall. Es wird alleine auf ein Vorwissen der Leserschaft und deren richtige Assoziation gesetzt.

Erfolgsregel auch nicht berücksichtigt

Grundsätzlich werden aber die Beiträge messbar am besten genutzt, deren Überschrift auch durch ihre Wortwahl direkt sagt, was sie bieten, ohne dadurch schon alles zu verraten. Diese Erfolgsregel (oder Suchmaschinen-Optimierung) besonders für die digitale Welt bleibt in diesem Fall in der Zeitung unberücksichtigt. Die kritisierte Überschrift lässt sich im Online-Angebot der Zeitung auf mainpost.de auch nicht finden. Zu dieser Optimierung für das Internet gibt es auch kritische Stimmen, weil die Gefahr groß ist, dass sie nicht die unparteiische Information in den Vordergrund stellt.

Literarische Titel

Von schöngeistigen Titeln, die sich sprachlich gefällig an Literatur oder Geschichte anlehnen, jedoch wenig bis nichts über das eigentliche Thema sagen, wird für Nachrichten oder Analysen aber in allen Medien eher abgeraten. Sie sind eiligen Lesern, die nach Stoff aus ihrer Interessenlage suchen, keine Hilfe. Das gilt eben auch für die Zeitung. Man sollte literarische Titel bestenfalls für Glossen einsetzen.

Die Abwechslung

Ausnahmsweise sage ich in diesem Fall entgegen allen diesen Regeln: Trau den Zeitungslesern! Egal ob über oder unter 65, sie werden schon mal eine interpretierbare Überschrift zwischen sonst sachbezogenen Titeln verkraften. Vielleicht erregt eine solche Abwechslung, wenn sie nicht zur Regel wird, sogar Neugier und Aufmerksamkeit. Das gilt dann auch auf die Gefahr hin, dass es wie vorliegend, zu einer Missdeutung kommt.

Der Artikel vom 22. Januar 2022: Die Überschrift hat eine Schwäche, sie ist interpretierbar. Ein Leser hat sie auf seine Weise gedeutet. 
Foto: Repro Sahlender | Der Artikel vom 22. Januar 2022: Die Überschrift hat eine Schwäche, sie ist interpretierbar. Ein Leser hat sie auf seine Weise gedeutet. 

Anton Sahlender, Leseranwalt

Siehe auch Vereinigung der Medien-Ombudsleute e.V.

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2013: "Das falsche 'Gefällt mir' in der Überschrift missfällt auch in Gänsefüßchen"

2013: "Die wertende Bedeutung eines 'nur'"

2014: "Artikel mit Selbstverständlichkeiten in der Überschrift überblättern viele Leser einfach"

2016: "Trügerische Überschrift"

2016: "Vom Bewusstsein für eine korrekte Überschrift im Stich gelassen"

2021: "Wie ein Leser zu einer klaren Überschrift beigetragen hat"

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