Würzburg

Leseranwalt: Warum die Redaktion ihren Blick auf Spargel und Erdbeeren erweitern will

Einige Leser wünschen sich kritischere Berichte über die Spargel- und Erdbeerzeit. Das deckt sich mit den Planungen der Redaktion.
Äußerst prominent wurde auf der Titelseite vom 29. März die diesjährige Spargelsaison eröffnet.
Foto: Main-Post | Äußerst prominent wurde auf der Titelseite vom 29. März die diesjährige Spargelsaison eröffnet.

Wer Wünsche an Redaktionen frühzeitig äußert, hat bessere Chancen auf deren Erfüllung. So haben Leser aus Giebelstadt (Lkr. Würzburg) kritisch auf die alljährlichen Berichte zur Spargel- und Erdbeerzeit aufmerksam gemacht. Umfassend sei im Vorjahr - also in der Zeitung halb- und ganzseitig mit großen Bildern - auf die Belange der Produzenten eingegangen worden. Genau das falle schon seit etwa 15 Jahren auf.

Der Hinweis kam rechtzeitig, denn die Spargelzeit hat gerade begonnen. Am 29. März sie auf der Main-Post-Titelseite äußerst prominent eröffnet worden.

Giebelstädter Leser: Sind Spargel und Erdbeeren systemrelevant?

Die Giebelstädter Leser fragen: "Ist dieses Wassergemüse für Ihre Zeitung besonders wichtig oder sind Spargel und Erdbeeren systemrelevant?" Die Kritiker, die mir keine Namen, aber eine Mail-Adresse nennen, werden deutlich: "Vielleicht möchten Sie überdenken, ob Sie diese willfährige und wohlwollende Berichterstattung (…) kritischer gestalten könnten." Und weiter: Der "kostenlose Werbeauftritt" sollte gestoppt werden.

Das sind harte Worte. Denn es ist kaum möglich, über Feldfrüchte aus der Region zu berichten und die Produzenten zu verschweigen. Und in Richtline 7.2 des Pressekodex heißt es zu Schleichwerbung: "... liegt insbesondere nahe, wenn die Veröffentlichung über ein begründetes öffentliches Interesse oder das Informationsinteresse der Leser hinausgeht oder von dritter Seite bezahlt bzw. durch geldwerte Vorteile belohnt wird". Das öffentliche Interesse an Spargel ist bekanntlich groß und auch in der Berichterstattung messbar.

Redaktion hatte bereits eine andere Berichterstattung geplant

Dennoch: Selbstkritik an der angesprochenen Berichterstattung war vor dieser Zuschrift in der Redaktion ebenfalls aufgekommen. Vielleicht erfüllt die geplante Berichterstattung, die bereits vor dem Erreichen der Leserzuschrift feststand,  die Wünsche der Kritiker, die sich selbst als treue Leser bezeichnen.

Die Giebelstädter Leser weisen auf einen "gewaltigen ökologischen Fußabdruck" beim Anbau von Spargel und Erdbeeren hin. Dazu gehören für sie Eingriffe in die Wasserwirtschaft, fortschreitende kilometerweite Verrohrung ganzer Gemarkungsteile, viele Hektar Flächen unter Gewächstunnelzelten mit starken Windgeräuschen und wochenlanger Lärm während der Ernte ab 4.30 Uhr morgens. Und einiges mehr.

Artikel, die alle wichtigen Perspektiven beleuchten

Dass es gewiss auch andere Darstellungen der Situation gibt, etwa aus Erdbeer- und Spargelbetrieben, die ich hier für diese Zeilen nicht recherchiert habe, ist der Redaktion klar. Die gilt es natürlich der Kritik gegenüberzustellen, um Abwägungen möglich zu machen.

Redaktionell geplant sind mit dem Beginn der Spargelsaison im April deshalb für 2022 gut recherchierte Veröffentlichungen, die alle wichtigen Perspektive beleuchten. Erklärungen zur Frage, wie nachhaltig fränkischer Spargel eigentlich ist, sollten genau die Punkte betreffen, die hier kritisch angesprochen sind. Leichtere Kost, wie Spargelrezepte, wird auch nicht fehlen. Und ich stelle mir noch vor, dass das für die Erdbeeren ebenso gilt, obwohl ich dazu noch keine konkreten Planungen erfahren habe.

Obst- und Gemüseanbau ist für viele Menschen relevant

Festhalten kann ich: Systemrelevant ist vielleicht übertrieben, aber relevant für eine Zeitung und auch für ihre Leserschaft, ist vieles, was das Jahr regelmäßig aus den Böden der Region hervorbringt. Also auch Spargel oder Erdbeeren.

Und Redaktionen bleiben auch unabhängig, wenn sie sich der Themen annehmen, die begründet vorgeschlagen werden, egal ob von treuen Leserinnen und Lesern oder von anderen Personen. Denn berichtet wird dann alleine auf der Basis solider eigener Recherchen. Das versichere ich vorbeugend Spargel- und Erdbeerfreunden, Gemüse- und Frucht-Produzenten, bevor sie sich über diese Zeilen ärgern.

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch Vereinigung der Medien-Ombudsleute e.V.

Dazu ergänzende Leseranwalt-Kolumnen:

März 2012: "Häufig sind es Leser, die Journalisten zu investigativen Recherchen veranlassen"

Juli 2020: "Journalisten sollen ihre Arbeit reflektieren"

Feb. 2021: "Zuviel des Guten für ein Unternehmen"

Mai 2021: "Wie digitale Daten bei der Auswahl von Nachrichten helfen"

Nov. 2021: "Wenn heftige Leserkritik in Redaktionen auf der Stecke bleibt"

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