Würzburg

Leseranwalt: Was einen guten Bericht über eine Ratssitzung ausmacht

Wollen Leser wirklich jede Kleinigkeit aus einer Gemeinderatssitzung wissen? Ein Leser meint: ja. Doch die Erkenntnisse der Redaktionen zeigen etwas anderes. 
Kirchturm und Rathaus von Winterhausen (Lkr. Würzburg): Mancher Leser wünscht sich, dass die Redaktion über jeden einzelnen Punkt einer Gemeinderatsitzung berichtet. 
Foto: Wilma Wolf | Kirchturm und Rathaus von Winterhausen (Lkr. Würzburg): Mancher Leser wünscht sich, dass die Redaktion über jeden einzelnen Punkt einer Gemeinderatsitzung berichtet. 

Es mag Leute geben, die erwarten, dass in ihrer Tageszeitung aus Sitzungen ihres Gemeinde- oder Stadtrates alles berichtet wird. Ein Leser aus dem Landkreis Kitzingen schrieb mir genau das: Er halte es im Sinne der Information und der politischen Willensbildung in einer Gemeinde für unverzichtbar, dass über jeden Tagesordnungspunkt geschrieben wird. Fragen darf man sich: Ist das nicht eine wünschenswerte demokratische Einstellung?

Kritik: "Komplett an den Lesern vorbei"

Was den Mann deshalb ärgert, bringt er zum Ausdruck: Da werde aus langen Sitzungen, in der eine Vielzahl von für die Bürger wichtige Themen behandelt würden, nur ein einziger Punkt herausgegriffen. Er urteilt: Damit schreibe die Main-Post aber komplett an den Interessen der Leser vorbei.

Gerne würde ich dem Kritiker zustimmen, das umso mehr, da er meint, die Interessen der Leserschaft zu kennen. Denn danach suchen Redaktionen ständig - nicht nur die der Mediengruppe Main-Post. Dabei nutzen sie alle denkbaren, auch repräsentativen Umfragen, messen die Nutzung von gedruckten und digitalen Beiträgen und tauschen sich in der Branche unentwegt aus.

Lokalredaktionen machen keine Amtsblätter

Über dieses Bemühen von Redaktionen werden Ergebnisse deutlich, die der Erkenntnis unseres Lesers aus dem Landkreis Kitzingen widersprechen. Bei aller notwendigen demokratischen Teilhabe der Menschen: Es sind nicht die Darstellungen sämtlicher Punkte aus Ratssitzungen, die sich aufdrängen. Andererseits wurden die auch nur selten in einer Tageszeitung so protokollarisch veröffentlicht. Lokalteile konnten noch nie zu Amtsblättern der Rathäuser werden.

Die Erfüllung des Leserwunsches würde überdies den Lokalteil der gedruckten Zeitung im Landkreis Kitzingen mit 31 Gemeinden ganz schön sprengen. Auch deshalb bleibt es journalistische Aufgabe, das Wesentliche zu erkennen - selbst wenn es mal nur ein Thema aus einer Sitzung sein sollte. Eines, das vielleicht über den eigenen Ort hinaus Relevanz besitzt, gleichsam den Blick aus dem Rathaus hinaus über den eigenen Kirchturm hinweg freigibt.

Beiträge, die mehr erklären als das, was aus der Sitzung hervorgeht

Dann sollte der Beitrag darüber aber mehr sagen und erklären, als das, was aus der Ratssitzung hervorgegangen ist. Das heißt, Menschen müssen erkennen können, wer, wo, wie, wann und warum von Entscheidungen oder Entwicklungen betroffen ist und wie es weitergehen kann. Beiträge, die das aus unterschiedlichen Perspektiven verständlich schildern, die über zusätzliche Recherchen eröffnet werden, werden meist stark genutzt. Das ist dann messbar.

Bei Recherchen zur Hilfe kommt Journalisten der Artikel 4 des Bayerischen Pressegesetzes, der Ämter und Behörden zur Auskunft auf ihre Anfragen verpflichtet. Da darf es keine Geheimniskrämerei geben.

Tageszeitungen können auch demokratische Prozesse gut abbilden, wenn die Zeitung online oder gedruckt noch zum Forum für eine Debatte über das berichtete Thema wird. Das ist der Anspruch, mit dem Lokalredaktionen an Ratssitzungen herangehen wollen.

Daran ist die Redaktion zu messen

Es kann gut sein, dass Sie jetzt an ein Ihnen wichtiges kommunales Thema denken und diese journalistische Tiefe in Berichten darüber vermissen. Lassen Sie ihre zuständige Lokalredaktion wissen, was sie übersehen hat. Denn hier ist ein Ziel formuliert, dass es möglichst oft zu erreichen gilt. Daran können Sie Ihre lokale Zeitung durchaus messen.

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch Vereinigung der Medien-Ombudsleute.

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